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27.06.2017 - 09:15
Foto: Peter Tomschi, facebook.com, thinkstockphotos.de

Woher kommt die Zuversicht, Frau Ministerin?

25.12.2016, 08:00

Mit ihrem ungebrochenen Optimismus und den positiven Nachrichten auf Facebook, die 2016 Zigtausende Likes bekamen, ist die an Unterleibskrebs erkrankte Gesundheitsministerin die "Frau des Jahres". Sabine Oberhauser (53) im Interview mit "Krone"- Redakteurin Conny Bischofberger über kleine Fortschritte, große Rückschläge und die Kraft der guten Gedanken.

Sie hat 20 Kilo verloren, aber nicht ihr strahlendes Lächeln. Sabine Oberhauser beißt noch schnell in ein Keks namens "Spanischer Wind" (selbst gebacken von einer Referentin), bevor sie in einem der orangeroten Sessel ihres Büros Platz nimmt. "Bei mir gibt's keine Sitzordnung", meint sie und lässt ihre Gäste die Plätze aussuchen. Hinter der Ministerin an der Wand hängen gleich drei Tafeln mit der Aufschrift: "Herrin der Lage". Der Adventkranz stammt von der Diakonie und hat 24 Lichter - für jeden Tag im Advent war eines dabei. Weil es im Ministeriumsgebäude streng verboten ist, sie anzuzünden, haben ihre Mitarbeiterinnen kurzerhand Ärzte- Gummihandschuhe über die drei Rauchmelder gestülpt. "Geht scho!", meint die Chefin und verbrennt sich am Feuerzeug "Rudi Hundstorfer - die verbindende Kraft" die Finger.

Sabine Oberhauser im Gespräch mit Conny Bischofberger
Foto: Peter Tomschi

"Die gute Nachricht ist die Bessere": Dieses "Krone"- Motto hat der Gesundheitsministerin gefallen und es ist auch ihr Motto gewesen 2016. Auf Facebook postet die seit Februar 2015 an Krebs erkrankte Politikerin jeden Morgen einen Wetterbericht. In der Sonne und im Licht lesen ihre Fans Hoffnung, im Nebel und der Dämmerung Leid. Jeder ihrer Kommentare hat umgehend Hunderte Likes.

"Krone": Frau Minister, das Jahr hat mit Terror begonnen und es hat mit Terror geendet. Wie sieht Ihre Bilanz am Christtag 2016 aus?
Sabine Oberhauser: Mein Kind lebt in Zürich. "Drei Verletzte und drei Tote in einer Moschee. Mama, mir geht es gut", schrieb sie mir in einer SMS. Am Wochenende vor dem Terroranschlag ist sie noch in Berlin gewesen. Als am Abend die Nachricht vom Weihnachtsmarkt über den Liveticker kam, dachte ich mir: "Da wollen Leute einen netten Abend verbringen, einen Weihnachtspunsch trinken und dann ist es vielleicht der letzte ... Und auch deine Tochter könnte unter den Opfern sein." Ich hab' meinem Kind geschrieben: "Gott sei Dank bist du nicht mehr in Berlin." Ja, das ist furchtbar. Für mich war 2016 das Jahr der großen Überraschungen, politisch wie privat.

Gute oder böse Überraschungen?
Leider nicht die positivsten. Weltpolitisch hat das sogenannte Establishment gegen Trump verloren. Ein Cousin von mir lebt in Amerika, in einer homosexuellen Partnerschaft. Die beiden befürchten, dass der neue Präsident die Diskriminierung von Homosexuellen staatlich legitimieren wird. In Österreich war ein Jahr lang Wahlkampf mit nie dagewesenenen Fernsehformaten. Van der Bellen und Hofer ohne Moderator eingesperrt, meiner Meinung nach ein Tiefpunkt in der Fernsehgeschichte - auch des Infotainments. Dann das wechselhafte Jahr für die SPÖ. Als Faymann zurücktrat und Platz für Christian Kern machte, tauchte schon die Frage auf: "Ist man noch Teil des Teams?" Und dann, im Sommer, eine Operation. Damals wurde klar, dass der Tumor wieder zurück ist. Im Oktober der zweite Rückschlag: Der Tumor ging zwar zurück, aber die Therapie hat meinen Darm dermaßen beleidigt, dass er noch einmal operiert werden musste.

Foto: Peter Tomschi

Wie geht es Ihnen gesundheitlich im Moment?
Die Befunde werden immer besser. Das spiegelt sich aber nicht wider in meiner Kondition und in meiner Kraft. Ich hoffe jetzt sehr auf zwei Wochen Ruhe. Mein Ziel ist es, wieder in meinen geliebten Wald zu kommen, nämlich mit "Felix", meinem Hund, bis in den Hörndlwald hinein. Dort im Schnee zu stehen und ins Weite zu blicken, wird wieder sehr schön sein. In der Ruhe liegt die Kraft ... Vielleicht komme ich so auch körperlich wieder zu Kräften.

Sie haben trotz Ihrer Krankheit stets Optimismus verbreitet und so auch vielen Krebspatienten Mut gemacht. Kostet das nicht auch sehr viel Kraft?
Es ist derselbe Aufwand, ob ich freundlich oder unfreundlich bin. Es ist so viel lohnender, das halb volle statt das halb leere Glas zu sehen. Und es tut einem selber so gut! Die positive Energie, die du ausstrahlst, kommt hundertfach zu dir zurück. Auch bei meinem Wetterbericht auf Facebook versuche ich das Positive zu sehen. "Freunde, es ist rutschig draußen, aufpassen!" oder: "Es ist kalt heute, warm anziehen!" Oder wenn es nebelig ist: "Zeit für Sonne im Herzen!" Immer versuchen, dem inneren Jammerer zu widerstehen. Einfach jemanden anlächeln. Das funktioniert! In den meisten Fällen lächeln die Menschen zurück. Außerdem hab ich noch viel vor, will mein Leben gestalten. Versuchen, das Beste aus jedem Tag zu machen.

Foto: Peter Tomschi

Woher kommt die Zuversicht?
Sicher zu einem Großteil aus meinem sehr stabilen Umfeld. Ich habe eine Familie, die super funktioniert. Mann, Kinder, Mutter. Aber auch mein berufliches Umfeld bestärkt mich. Wir sind viel eher Freunde als Angestellte. Das heißt, wir arbeiten auch ganz anders miteinander. Ich will keine Leute um mich, die buckeln und gehorchen, sondern Menschen, die ich mag, mit denen ich es lustig habe, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann. Sie sind jederzeit für mich da - weil sie wissen, dass es umgekehrt auch so wäre.

Abgesehen vom Umfeld, wie motiviert Sabine Oberhauser sich selbst?
Indem ich laut nachdenke. "Es geht vorbei" ist so ein Satz, der mir hilft. Und wenn ich ihn nicht sage, dann sagt es mein Mann. Es gibt ja Tage, wo es mir wirklich nicht gut geht, das kommt in so Wellen. Selbst an solchen Tagen sage ich mir: "Aber es geht schon viel besser, als es dir vier Tage vorher gegangen ist."

Als die Nachricht von der neuerlichen Operation kam, was dachten Sie sich da?
"Brauche ich das jetzt auch noch?" Es war ein Riesenschreck in der Sekunde, aber im selben Moment wusste ich: Das kann man beheben. Und dann hilft mir der Ausspruch: "Alles wird gut." Das Mantra für die "self- fulfilling prophecy" sozusagen. Kolleginnen meinen manchmal: "Sag es noch einmal!" Und wenn es am Ende doch nicht gut wird, dann war es noch nicht das Ende.

Foto: Peter Tomschi

Meldet sich da die Ärztin in Ihnen?
Nein, das ist die Erfahrung aus der ersten OP. Was ich unterschätzt hatte, ist die Tatsache, dass zwei nicht ganz komplikationsfreie Operationen den Körper einfach sehr schwächen und er deshalb viel länger zur Rekonvaleszenz braucht. Ich habe in dieser Zeit bestimmt 20 Kilo abgenommen. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich nicht auf die Waage traue, weil ich Angst habe, zu wenig zu wiegen. Früher war das umgekehrt. - Lacht.

Sagt die Ärztin andere Sätze als der Mensch Sabine Oberhauser?
Die Ärztin versuche ich sehr bewusst auszublenden, indem ich grenzenloses Vertrauen zu den behandelnden Ärzten habe. Ich lasse mich wirklich darauf ein, dass die schon wissen, was sie tun. Vielleicht bin ich ein bisschen bockiger bei manchen Dingen. Ich sage dann: "Jetzt warten wir noch, probieren wir das noch und schauen wir, ob es noch so funktioniert."

Gibt es Momente, wo keine Kraft mehr da ist? Wo Sie sich einfach gehen lassen können?
Wenn die Kraft weg ist, ärgert es mich. Ich raffe mich dann trotzdem auf, suche zum Beispiel barrierefreie Wege oder Abkürzungen oder einen Lift, und wenn es dann trotzdem nicht geht, macht mich das ratlos. Darum hoffe ich sehr auf meine zwei Wochen Ruhe. Am 30. Dezember fahre ich noch einmal zur Chemo, und weil mein Mann nicht wegkann, begleitet mich jemand aus meinem Büro. Ich häng' an der Infusion, die Kollegin setzt sich zu mir hin, und wir werden Hauben stricken gemeinsam.

Foto: Peter Tomschi

Für wen?
Für das im Jänner erwartete Baby meiner Pressesprecherin.

Frau Oberhauser, warum machen Schicksalsschläge die einen Menschen stärker, während andere daran zerbrechen?
Die Medizin kennt dafür das sperrige Wort "Resilienz". Es bezeichnet die Kraft, mit der man es vom Boden wieder auf die Beine schafft. Dafür sind ganz viele Faktoren maßgeblich: das stabile Umfeld, die Arbeit, aber auch eine gesunde Lebensweise. Die Kernfrage ist: Wie viel Zeit hat jemand, sich mit seinem eigenen Wohlergehen zu beschäftigen? Denn wenn die Familie nix G'scheites zum Essen hat und die Stiefel der Kinder nicht warm sind, ist man damit beschäftigt, die anderen am Leben zu erhalten.

Was bleibt, wenn alles wegbricht?
Vielleicht doch der Glaube.

Sie haben immer betont, nicht gläubig zu sein.
Ich bin keine Agnostikerin. Ich war nur mit dem, was sich in der Kirche abgespielt hat, nicht einverstanden, Stichwort Krenn, Groer, Schüller. Es gab diesen Spruch: "Wäre Gott auf der Welt, er wäre nicht Mitglied in dieser Kirche." Daran kann ich mich erinnern, das hat mich durch meine Jugend begleitet. Mittlerweile bin ich schon ein bisschen ausgesöhnt mit den Repräsentanten der Kirchen auf der Erde, auch weil Menschen aus den unterschiedlichsten Glaubensgemeinschaften Kerzen für mich anzünden. Ich habe gehört, dass in Israel zig Zettel in der Klagemauer stecken, die Freunde für mich dort deponiert haben. Ich habe buddhistische, muslimische, jüdische Freunde, sie alle beten für mich.

"Frau des Jahres", was Optimismus und Zuversicht anbelangt: Hören Sie das gerne?
Für viele Dinge braucht es Menschen, die sich trauen, sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Familien, wie viele Mütter - ich weiß es auch von einigen, die selbst an Krebs erkrankt sind - zu Hause für ihre kleinen Kinder die Welt aufrecht erhalten und sich täglich sagen: "Wir kriegen das hin." Die mit grenzenlosem Optimismus und vielleicht schlechteren Voraussetzungen, als ich sie habe, ihr Leben meistern. Die können das nicht nach draußen transportieren. Ich bin gerne "Frau des Jahres" stellvertretend für all jene, die noch schwerere Schicksale zu tragen haben als ich.

Foto: Peter Tomschi

Max Frisch spricht in seinem "Buch der Fragen" von der "herabgesetzten Hoffnung". Die Hoffnung, dass es wieder Frühling wird, dass die Schmerzen verschwinden, dass Gäste aufbrechen. Kennen Sie so was auch?
Meine Gedanken kreisen oft ums Essen. Ich würde gerne ein Gansl mit Blaukraut und Knödel essen. Ich dürfte das auch essen, aber leider vertrage ich es nicht. Das ist momentan meine herabgesetzte Hoffnung. Sich das zu wünschen und das Gansl der Mama dann wenigstens zu riechen.

Bei unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, dass der Tod näher rückt. Ist dieses Gefühl intensiver geworden?
Ich konnte mir nie vorstellen, wie ich damit umgehe, falls der Krebs wiederkommen sollte. Ich habe mir gedacht, das würde mich ganz furchtbar beeindrucken. Und natürlich beeindruckt es einen. Aber es hält auch den Kampf aufrecht. Ob das auf Dauer gut geht? Wenn diese Frage auftaucht, dann versuche ich zu analysieren: "Wie erkenne ich, was gut geht? Wie erkenne ich, was nicht gut geht? Wie wirkt die Therapie?" Der Gedanke an den Tod ist natürlich da.

Bekommt Zeit eine andere Dimension?
Gar nicht. Ich mache Schritt für Schritt, Tag für Tag, meine Dinge. Ohne To- Do- Listen. Ich hätte, wenn es jetzt zu Ende wäre, nicht das Gefühl, irgendetwas in meinem Leben versäumt zu haben. Weil ich ein grenzenlos gutes Leben habe, eine super Familie, keine Sorgen.

Hoffen Sie auf ein Jenseits?
Ja. Vielleicht glaube ich sogar daran. Ich weiß nicht, was in dem Fall den Unterschied zwischen Glaube und Hoffnung wirklich ausmacht.

Foto: Peter Tomschi

Zur Person:

Geboren am 30. August 1963 in Wien. Oberhauser studiert Medizin und arbeitet ab 1991 als Kinder- und Jugendfachärztin, ab 2004 als Oberärztin. Bis 2011 ist sie Vorsitzende der Sozialdemokratischen Ärztinnen Österreichs. SP- Abgeordnete seit 2006, zuletzt ÖGB- Vizechefin. Gesundheitsministerin seit 2014, seit 1. Juli 2016 auch Frauenministerin. Verheiratet seit 29 Jahren mit dem Radiologen Gerold Oberhauser, zwei Töchter (Franziska ist 26, Sophie 29 Jahre alt).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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