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26.02.2017 - 02:56
Foto: Ärzte ohne Grenzen, AP, Peter Tomschi

Was geht uns Nigeria an, Frau Maleh?

23.01.2017, 06:10

"Irrtümlich" bombardierte die Armee im bitterarmen Nigeria ein Lager . Ärzte ohne Grenzen geht von 170 Toten aus. Margaretha Maleh, die Präsidentin der Hilfsorganisation, klagt im "Krone"- Interview mit Conny Bischofberger an.

Es war der Tag des Rücktritts von Erwin Pröll, als im Nordosten Nigerias ein Luftangriff der nigerianischen Armee versehentlich ein dicht besiedeltes Flüchtlingslager traf. Bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, deren Mitarbeiter erst wenige Tage vor dem Angriff im Lager eingetroffen waren, sitzt der Schock tief.

Foto: AFP

"Krone"- Interview in der Österreich- Zentrale von Ärzte ohne Grenzen. Präsidentin Margaretha Maleh (65) spricht von einer "permanenten Überschreitung des Völkerrechts" und fordert eine Untersuchung des Vorfalles. Eindrucksvoll schildert die Tirolerin die Lage im Bundesstaat Borno, wo das Militär gegen die Terrorgruppe Boko Haram kämpft, die bei Angriffen und Anschlägen mindestens 14.000 Menschen getötet hat. Fast drei Millionen Menschen sind UN- Angaben zufolge vor der Gewalt geflohen.

"Krone": Frau Maleh, konnten Sie glauben, was am 17. Jänner passiert ist?
Margaretha Maleh: Wir mussten es wohl glauben, weil unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor Ort sind, uns darüber informiert haben. 90 Tote können sie selbst bezeugen. Bewohner der Stadt und des Lagers sprechen von 170 Todesopfern. Die meisten Opfer sind Frauen und Kinder. Dabei besagt das Völkerrecht, dass medizinische Einrichtungen nicht angegriffen werden.

Margaretha Maleh
Foto: Peter Tomschi

War es nicht einfach ein schrecklicher Fehler?
Es war ein Flüchtlingslager! Die Menschen haben dort Zuflucht gesucht. Und wurden von denen angegriffen, die sie beschützen hätten sollen. Die Präsidentin holt tief Luft. Wir wissen es natürlich nicht. Aber wir verlangen, dass es aufgeklärt wird. Die Opfer haben ein Recht auf Transparenz.

Haben Sie Mitarbeiter verloren?
Gott sei Dank nicht. Aber leider sind drei Angestellte einer Firma aus Kamerun, mit der wir zusammenarbeiten, unter den Opfern. Und natürlich ist es für ein Team erschreckend und überfordernd, wenn es so viele Schwerverletzte und Tote in einer Region gibt, die ohnehin schon bitterarm ist.

Foto: Ärzte ohne Grenzen

Was bedeutet diese Tragödie?
Sie zerstört das Vertrauen der Bevölkerung. Diese Menschen sind vor den Gräueln in ihrer Heimat geflüchtet und standen unter dem Schutz der Regierung. Wem können sie noch vertrauen, wenn sie von der eigenen Armee bombardiert werden? Und woran können wir alle glauben, wenn das, was international vereinbart wurde, nicht mehr eingehalten wird?

Bleibt Ärzte ohne Grenzen trotzdem in Nigeria?
Ja, denn gerade jetzt ist das Drama einfach zu groß. Extreme Hungersnot, Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, viele von ihnen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung. Wir sind in manchen Regionen Nigerias ihre einzige Hilfe.

Foto: Peter Tomschi

Das klingt alles schlimm. Was antworten Sie jenen, die sich fragen, was uns Nigeria angeht?
Die Region ist seit vielen Jahren von Hunger betroffen. Wir in Österreich können uns das gar nicht vorstellen. Wir regen uns schon auf, wenn es am Freitagabend kein frisches Brot mehr im Supermarkt gibt. Es geht uns vielleicht nicht speziell Nigeria etwas an. Es gehen uns alle Menschen etwas an, die hungern auf der ganzen Welt. Nigeria ist im Moment, vor allem nach dieser Tragödie, eines der krassesten Beispiele. Unsere internationale Präsidentin hat mir erzählt, dass es in den Gesundheitseinrichtungen fast gespenstisch ruhig ist. Keine spielenden, lärmenden Kinder, weil sie alle krank sind. Es beginnt oft mit Durchfallerkrankungen, dann haben die Kinder keine Kraft mehr, dann kommt der Ernährungsmangel dazu und gerade die Unter- Fünfjährigen finden dann nicht mehr die Kraft, um zu überleben. In manchen Gegenden sind 50 Prozent der Kinder unter fünf mangelernährt - und viele sind schon gestorben. Die Kollegin hat mir von vielen, vielen Friedhöfen mit frischen Gräbern berichtet. Dazu kommt die Bedrohung von Boko Haram.

Foto: Ärzte ohne Grenzen

Macht Sie das persönlich nach so vielen Jahren noch immer traurig?
Ja, gerade wenn es Kinder betrifft, ist die Not immer besonders erschütternd und bedrückend. Man fühlt sich hilflos diesem gesamten Konflikt und allen damit zusammenhängenden Katastrophen gegenüber.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit Nigeria?
Wir müssen sehr sorgsam mit der Regierung verhandeln, um ihr Vertrauen dafür zu gewinnen, dass wir wirklich nur unparteiisch medizinische und humanitäre Hilfe leisten. Wir müssen ja in die Gebiete vordringen, wir brauchen ein Visum, wir brauchen Transportwege, das heißt, es geht nicht ohne eine gewisse Form der Zusammenarbeit.

Foto: Peter Tomschi

Zieht der Krieg in Syrien viel Unterstützung ab?
Ich würde ungern Menschen gegeneinander auspielen. Ärzte ohne Grenzen leistet in Syrien und in Nigeria Hilfe. Aber aufgrund der Hungerkatastrophe hat Nigeria hat jetzt auf alle Fälle eine ebenso hohe Dringlichkeit. Das können die Hilfsorganisationen alleine auch nicht tragen, da ist die internationale Gemeinschaft gefordert, ihre Hilfe zu intensivieren.

Hat gegen Syrien irgendein Konflikt eine Chance?
Den Menschen in Österreich ist der Nahe Osten einfach näher, auch durch die Flüchtlinge, die in der Zwischenzeit bei uns Asyl bekommen haben. Syrien ist deshalb natürlich viel präsenter.

Wie kann man helfen?
Mit jedem einzelnen Euro. Wir verteilen in den Ernährungszentren so kleine Säckchen mit therapeutischer Fertignahrung, einer Erdnusspaste, für die kleinen Kinder. So ein Packerl kostet um die 60 Cent, also wenn man zehn Euro spendet, hat man schon viel geholfen. Dann müssen diese Kinder auch geimpft werden. Als am letzten Dienstag der Luftangriff losging, haben wir in dem Camp gerade mit den Impfungen begonnen. Einige der Kinder sind jetzt tot.

Foto: Ärzte ohne Grenzen

Hat Österreich nicht schon genug geholfen?
Die Österreicher sind großartig, wir bedanken uns wirklich sehr, sehr herzlich für jede Unterstützung, vor allem, weil die Spenden jährlich steigen. Genug wird es erst dann sein, wenn die Menschen auf der Welt genug zum Essen haben und ein Dach über dem Kopf. Ich bin zwar keine geborene Pessimistin, aber ich vermute, dass das wohl nie der Fall sein wird.

Macht Sie das nicht manchmal wütend?
Die Wut ist für uns eine treibende Kraft. Nicht zu resignieren, nicht aufzugeben, weiter zu fordern, bis vor die UNO zu gehen. Wir dürfen und können einfach nicht mehr wegschauen in dieser globalisierten Welt. Heute ist ja kein Fleckchen Erde mehr ohne Zugang zur Öffentlichkeit, daher kann niemand sagen: Das haben wir nicht gewusst.

Frau Maleh, wann war der Moment in Ihrem Leben, wo Sie sich entschlossen haben, anderen zu helfen?
Das war im Jahr 2000, beim internationalen Psychotherapie- Kongress in Marrakesch. Da habe ich mitbekommen, dass es viel zu wenig psychosoziale Hilfe in ganz vielen Ländern gibt.

Foto: Peter Tomschi

Was verstehen Sie genau darunter?
Das ist jener Teil der medizinischen Hilfe, wo ich den Menschen in ihrem Leid zuhöre und mit ihnen gemeinsam Möglichkeiten erarbeite, wie sie wieder Stärke gewinnen. Ich habe mich auf die Suche nach einer Organisation gemacht, wo ich diese psychosoziale Hilfe vorantreiben könnte und die meine Werte - Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit - vertritt. Und habe Ärzte ohne Grenzen gefunden.

Ihre Tochter Nadja ist Kabarettistin. Kann sie Sie aufheitern?
Wir heitern uns gegenseitig auf. Humor ist ganz etwas Wichtiges, auch in meinem Beruf. Aber auch von meinem Sohn - er ist behindert - beziehe ich sehr viel Kraft. Meine Arbeit für Menschen in Not erachten sie beide als etwas sehr, sehr Wichtiges.

Ihre Karriere

Margaretha Maleh, geboren am 20. 5. 1952 in Osttirol, ist Psychotherapeutin und Sozialmanagerin. Seit ihre beiden Kinder (die Kabarettistin Nadja Maleh ist 44, ihr Sohn Mazen 41 Jahre alt) erwachsen sind, arbeitet sie ehrenamtlich - seit 2011 bei Ärzte ohne Grenzen Österreich. 2012 wird sie zu deren Vizepräsidentin, 2015 zur Präsidentin gewählt.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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