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17.08.2017 - 06:46
Foto: APA/HARALD SCHNEIDER

Teil 7: Grabenkämpfe auf dem Rücken der Kinder

06.09.2014, 14:47
Ideologische Grabenkämpfe zwischen links und rechts verhindern seit Jahrzehnten eine echte Schulreform.

Nach jedem PISA- Debakel - und das kam bisher noch bei jedem der internationalen Tests – gibt es einen lauten Aufschrei, gefolgt von der Beteuerung, dass nun endlich etwas passieren müsse und wir die besten Schulen für unsere Kinder brauchen. Doch es bleibt bei Lippenbekenntnissen, seit Jahren schon stocken die groß angekündigten Reformen.

Leistungsprinzip oder Gerechtigkeit?

Bei allen umstrittenen Themen wie Gesamtschule, Ganztagesschule, Noten und der Abschaffung des Sitzenbleibens gehen die ideologischen Grabenkämpfe zwischen SPÖ und ÖVP unvermindert weiter. Auf dem Rücken der Kinder. Doch wer will genau was und warum?

"Verkürzt gesagt geht es der ÖVP um die Förderung von Leistung, der SPÖ um Chancengleichheit", erklärt der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier. "Diese Debatte hat mittlerweile eine solche Eigendynamik bekommen, dass nichts mehr geht." Echte Veränderungen im Bildungssystem werden verhindert, dringend notwendige Reformen werden stets so sehr beschnitten, bis so gut wie nichts mehr übrig bleibt. Dazu kommt noch die mächtige und streitbare Lehrergewerkschaft, die generell nur darauf bedacht ist, den Status quo zu erhalten. Gegen deren Willen ist kaum etwas durchzusetzen. Und weil sich jeder noch sehr gut an die eigene Schulzeit erinnern kann - meist mit mehr negativen als positiven Gedanken -, Kinder oder Enkel, die sich in der Schule plagen, und Lehrer in seinem engeren Umfeld hat, redet auch so gut wie jeder bei der hoch emotionalen Diskussion mit. Fast könnte man meinen, Österreich hat einige Millionen Bildungsminister.

Bildungsminister allesamt nicht mit Ruhm bekleckert

Die tatsächlichen Minister der jüngeren Vergangenheit haben sich allesamt nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Elisabeth Gehrer (ÖVP) galt jahrelang als beinharte Blockiererin sämtlicher Reformen, auch die Umfragewerte ihrer Nachfolgerin Claudia Schmied (SPÖ) sanken zusehends, sie scheiterte am Aufstand der Gewerkschaft, wurde von der eigenen Partei im Regen stehen gelassen und warf schließlich nach der Nationalratswahl im vergangenen Jahr das Handtuch. Danach übernahm Gabriele Heinisch- Hosek (SPÖ) das Amt - und legte gleich einmal einen gehörigen Fehlstart hin. Die Pannen, vom Datenleck beim Bildungsinstitut BIFIE über die PISA- Ab- und dann doch wieder Zusage bis zu ihren umstrittenen und dann wieder zurückgenommenen Sparplänen, häuften sich.

"Der Job als Unterrichtsminister ist sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig", erklärt Peter Filzmaier. Für das Scheitern und das schlechte Image der Bildungspolitik sieht der Experte sowohl emotionale als auch strukturelle Gründe. "Zuerst einmal muss man sagen, dass die Kompetenzen der Bildungsministerin schwächer sind als geglaubt. Bei dem Budget in der Höhe von acht Milliarden Euro sind 92 Prozent fix gebunden, für Lehrergehälter und Gebäude", betont Filzmaier. Und wenn dann von dem noch verbleibenden Rest heuer 57 Millionen Euro und kommendes Jahr 60 Millionen eingespart werden müssen, sei der Gestaltungsspielraum eben sehr beschränkt.

Filzmaier spricht auch die bürokratischen Strukturen, Bundes- und Landeslehrer, Landesschulräte und die starke "strukturkonservative" Gewerkschaft an, die "farbunabhängig" agiere. Die immer wiederkehrende Versicherung der Politik, die ideologischen Scheuklappen abzulegen, sei nur halbehrlich gemeint, analysiert Filzmaier. "Dabei wäre es sehr wohl möglich, dass sich links und rechts in Sachen Schule annähern. Schließlich geht es jeder Seite auch um die Position des politischen Gegners, so fair muss man schon sein, ihnen das zuzugestehen."

Der deutsche Bildungsökonom Ludger Wößmann bringt es auf den Punkt: "Es geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen am linken Rand der Bevölkerung das Bewusstsein für die enorme Wichtigkeit guter Bildungsergebnisse schaffen. Und im rechten Spektrum klar machen, dass die frühe Teilung der Kinder sehr hohe Kosten schafft, aber keinem etwas bringt. Wir müssen vermitteln, dass wir ein gerechteres System haben können, das gleichzeitig auch bessere Leistungen bringt. So kann man auf Mehrheiten hoffen."

Kommentar: Was bewegt die Lehrer?
Im Laufe von vierzig Dienstjahren in allen Sparten der Pflichtschule durchlebte ich die Höhen und Tiefen des Lehrberufes sowie eine Reihe wechselnder Unterrichtsminister/- innen. Ebenfalls mit ihren Höhen und Tiefen. Ich habe meine Berufswahl nie bereut, obwohl in dieser Sparte Beschäftigte gerne von Außenstehenden als "Halbtags- Jobber" angesehen und abqualifiziert werden.

Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche bringt nicht der "Storch"! Sie spiegeln als ein Teil der Gesellschaft deren Probleme wider: Widrige Lebensumstände, familiäre Fehlerziehung, Entwicklungs- und Beziehungsstörungen, traumatische Trennungs- und Verlusterlebnisse haben sie zu Symptomträgern gemacht. Im Lebensraum Schule schaffen zusätzliche Anforderungen Probleme, die nur mit einem neu definierten Lehrer- Schüler- Verhältnis sowie die Lehrerschaft unterstützenden Rahmenbedingungen gelöst werden können.

Die "gesunde Boden- Haftung" im familiären wie schulischen Erziehungs- und Bildungsgeschehen darf dabei dennoch nicht verloren gehen. Das Bildungssystem Schule analog einer Kfz- Werkstatt als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Probleme zu instrumentalisieren geht an ihrer Aufgabe vorbei.

Jahrelang wird von allen Seiten bewusst und systematisch am Lehr- Image gesägt. Im Umkehrschluss soll die Erziehungs- und Lehr- Autorität einer vor der Klasse stehenden Lehr- Person von Schülern und in der Öffentlichkeit ihre Anerkennung und Respektierung finden… – Das kann nicht funktionieren! Hier ist ein Umdenkprozess unerlässlich.

Friedrich Lawitzka, Landesobmann der Christlichen Lehrer und Erzieher NÖ

IM NÄCHSTEN TEIL LESEN SIE: Smarte Regeln für Handys

06.09.2014, 14:47
C. Bischofberger, I. Kubicek, P. Tikal und D. Vettermann, Kronen Zeitung
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