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19.08.2017 - 10:23
Bogdan Roscic, designierter Direktor der Wiener Staatsoper
Foto: Gerhard Bartel, thinkstockphotos.de

Rocken Sie jetzt die Oper, Herr Roscic?

22.12.2016, 06:01

Von Sony in New York an die Wiener Staatsoper: Mit Conny Bischofberger spricht Bogdan Roscic über den Job seines Lebens und warum er Donald Trump auf die Bühne bringen will.

Mittwochnachmittag im Hotel "Sacher" vis- a-vis der Wiener Staatsoper. Im Roten Salon, der dort "Unteres Rendezvous" genannt wird, sitzt der designierte Operndirektor Bogdan Roscic vor Grüntee und checkt seine Mails am Smartphone. Am Christbaum neben der kardinalroten Couch hängen Bären und Hündchen, eine Stehlampe wirft ein weiches Licht auf das weihnachtliche Ensemble. Es ist nicht einmal sechs Stunden her, seit Kulturminister Thomas Drozda den Plattenboss als Nachfolger von Dominique Meyer vorgestellt hat. Auf den ersten Blick hat der 52- Jährige etwas Bescheidenes, fast Bubenhaftes, aber wenn er über Musik spricht, wirkt es, als würde er auf einer Bühne stehen und ganz mit seiner Rolle verschmelzen.

Bogdan Roscic im Gespräch mit Conny Bischofberger
Foto: Gerhard Bartel

"Krone": Wie viele haben schon gratuliert?
Bogdan Roscic: Ich habe es nicht gezählt, aber das Handy glüht. Es melden sich viele, von denen man schon länger nichts gehört hat. Zum Teil zehn, 20 Jahre (lacht).

Den Job wollten ja außer Ihnen noch 19 andere haben: Warum ist die Wahl auf Sie gefallen?
Meine Kinder versuche ich immer zu lehren, nicht über sich selbst zu reden. Sie müssen das also den Herrn Minister fragen. Aber eines hat mir gefallen an dem ganzen Prozess. Es gibt ja - vor allem in Deutschland - diesen herablassenden Umgang mit Österreich, dieses Ultraklischee vom intriganten Wien. Dieser Prozess war so glasklar und professionell, wie ich es noch nie erlebt habe. Die Entscheidung ist ausschließlich auf der Grundlage von inhaltlichen Überlegungen gefallen. Nur mit meinem Namen kann man auch keinen Blumentopf gewinnen.

Wie meinen Sie das?
Irgendwo stand, ich sei ein Quereinsteiger und das ist ja auch richtig. Ich kann die Tatsache, dass wir hier sitzen, daher nur so interpretieren, dass meine Ideen überzeugt haben.

Ein paar Prozent sind doch sicher auf die gute Chemie zwischen Ihnen und Kulturminister Thomas Drozda zurückzuführen?
Ich glaube, dass die Entscheider viel zu professionell sind und auch die Entscheidung viel zu wichtig ist, als dass sie auf Chemie basieren sollte. Die inhaltlichen Gespräche waren wichtiger als alles andere, alles Persönliche.

Sie haben eine beeindruckende Karriere in der Musikwelt hingelegt. Aber Sie haben noch nie ein Theater, geschweige denn eine Oper geleitet. Warum trauen Sie sich das zu?
Für mich war alles, was ich in meinem beruflichen Leben gemacht habe, immer das erste Mal. Dass ich noch nie ein Theater geleitet habe, stimmt zweifellos. Da befinde ich mich aber in einer glänzenden Gesellschaft, von (Ex- Langzeit- Staatsopernchef, Anm.) Ioan Holender über meinen Vorgänger bei Sony, der nun Chef der Metropolitan Opera in New York ist. Letztlich zählen die Ideen. Man darf Erfahrung nicht kleinreden und geringschätzen, aber die Priorität liegt doch auf etwas anderem. Denn Erfahrung ist ja an der Wiener Staatsoper sehr viel da. Es geht eher darum, was man mit Kreativität und Gestaltung aus ihr macht.

Eine Opernbesucherin erboste sich: Kommt jetzt Justin Bieber?
Das ist auch Teil unserer Welt und in vielen Alben - nicht unbedingt von Justin Bieber, sagen wir lieber Frank Ocean - ist mehr Kunstwille und mehr kreative Energie als in so manchen - ich spreche jetzt nicht von der Wiener Staatsoper - faden Repertoirevorstellungen irgendwo auf der Welt.

Bogdan Roscic im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien
Foto: APA/Herbert Neubauer

Der Operndirektor muss an vielen Fronten gute Arbeit leisten: Da gibt es die Philharmoniker, den Chor, die Technik, die Gewerkschaft. Fühlen Sie sich dem gewachsen?
Ich halte das für selbstverständlich, wenn man einen so komplexen und großen Apparat führen will. Aber letztlich geht es nicht nur darum, ihn in seiner Komplexität zu organisieren, sondern dieser Maschine Kunst abzuringen. Und zwar nicht von oben, sondern alle gemeinsam. Meine Aufgabe wird es sein, mit dem Kanon der Werke, mit einem zeitgenössischen Ausdruck dieser Werke, richtig umzugehen. Die im Haus arbeitenden Künstler zu fordern und zu fördern.

Wird zeitgenössische Oper eine größere Rolle spielen?
Naja, Oper war mal ausschließlich zeitgenössisch. Viele Probleme, die die Oper - nicht die Wiener Staatsoper, sondern die Oper als Gattung - zu bewältigen hat, würden sich schlagartig lösen, wenn das wieder so sein könnte. Ich glaube aber, dass wir davon sehr weit entfernt sind. Die Antwort darauf kann nicht sein, immer wieder vereinzelt Vorstellungen anzusetzen, um sagen zu können, sie haben stattgefunden. Ich glaube tatsächlich, dass das Auslaugen, das permanente, immer gleiche Repertoire, ein Problem ist, auch wenn es sich um die größten Kunstwerke, zu denen der Mensch fähig ist, handeln mag. Die Oper muss daher danach trachten, ihr Repertoire auszuweiten. Was ich mir zum Beispiel wünschen würde, ist eine zeitgenössische Oper über Donald Trump. Ich würde mir wünschen, dass, analog zur Schlafwandelszene in Macbeth eine "Gran scena del sonnambulismo" mit Donald Trump geschrieben wird. Das würde ich sofort auf die Bühne bringen.

Sie können es in Auftrag geben.
Solche Dinge lassen sich schlecht diktieren, aber vielleicht schaffe ich es, jemanden dazu anzuregen.

Klingt, als würden Sie jetzt die Oper rocken ...
Ich glaube, das muss ein Anspruch sein. Sich zu überlegen, wie man Oper, statt sie auf einen Kanon von relativ wenigen Werken einzugrenzen, lebendig, relevant und präsent hält. Wenn Leute aus der Oper rausgehen und sagen, es hat gerockt, dann wäre das durchaus ein Kompliment.

Video: Kulturminister Drozda präsentiert Roscic als Staatsoperndirektor

Video: APA

Der Kulturminister hat Ihr gigantisches Netzwerk gelobt. Werden Sie mit dem Finger schnalzen und alle Künstler kommen?
Nein. Keine und keiner, die es wert sind, dass man mit ihnen arbeitet, reagiert auf ein Fingerschnalzen. Ich habe bei Musikern, Sängern und Dirigenten deshalb eine ganze Reihe von Gesprächen vor mir. Was Regisseure und "Leading Teams" betrifft, werde ich in den nächsten 18 Monaten engeren Kontakt knüpfen. Der Herr Holender hat einmal gesagt: "Letztlich bleibt nur übrig, was man gespielt hat und mit wem man es gespielt hat." Und da hat er recht.

Noch 1350 Tage bis zu Ihrem Amtsantritt: Ist das jetzt die Bühne, auf die Sie immer wollten?
Das kann man schon sagen. Eine Kollegin in New York meinte: "Oh, you're taking another job." Aber das ist nicht irgendein Job. Das ist auch nicht irgendein Theater. Es ist das bedeutendste Opernhaus der Welt. Dieses Haus, mit diesem Orchester im Graben, mit dieser Geschichte, gestalten zu können, ist etwas ganz Ungeheures und beglückt mich. Es war die wichtigste berufliche Entscheidung und über das Berufliche hinaus die wichtigste Entscheidung, die ich je in meinem Leben getroffen habe.

Gab es diesen Wunsch schon früher, so wie bei Alfred Gusenbauer, der in der Sandkiste schon Kanzler werden wollte?
Ohne jetzt den Herrn Gusenbauer zu kommentieren, aber so etwas kann man nicht anstreben. Da gelangt man irgendwie hin oder eben nicht. Aber die Idee gab es seit mindestens 15 Jahren, weil ich immer intensiv mit der Oper zu tun gehabt habe. Durch die Verantwortung für die Aufnahmen von Anna Netrebko, von Elina Garanca, von Jonas Kaufmann, von Juan Diego Florez und vielen anderen wurde Oper einfach sehr zentral für mich. Meine Aufgaben führten mich an wirklich alle Opernhäuser der Welt. Man diskutiert mit Künstlern, mit Managern, man diskutiert mit Opernintendanten, man diskutiert mit Dirigenten, mit Regisseuren seltener, und ich habe mir schon früh gedacht, dass ich da etwas beizutragen hätte.

Foto: APA/Herbert Neubauer

Verzichten Sie jetzt auf viel Geld?
Das ist vollkommen richtig, aber man muss sich um den Wiener Staatsoperndirektor trotzdem keine Sorgen machen. Ich habe mir meine Jobs auch nie nach dem Einkommen ausgesucht. Ehrlich gesagt hätte ich es auch für einen Euro gemacht.

Sony hat seinen Sitz in New York. Hatten Sie da Heimweh?
Aus familiären Gründen war New York immer nur Durchgangsstation, weil meine Familie in Berlin lebt, wo auch das nicht- amerikanische "Head Office" von Sony Classical ist. In New York hatte ich eigentlich immer Heimweh nach Europa. In den letzten Wochen habe ich aber gespürt, wie sehr mir Wien gefehlt hat, wie groß die Vertrautheit noch immer ist. Ich empfinde es immer stärker als Heimkommen, an jeder Straßenecke hier.

Keine Angst vor dem glatten Wiener Parkett?
Das ist nicht so glatt, wie immer getan wird. Aber vielleicht muss ich da noch was dazulernen.

Sie sind in Belgrad geboren. Was ist Ihre stärkste Kindheitserinnerung?
Mein dreieckiges rotes Tuch, das ich in einer ganz bestimmten Art und Weise um mein Hälschen geschlungen hatte, als sogenannter "Tito Pionier".

Haben Sie sich als Einwanderer gefühlt, als Sie nach Österreich gekommen sind?
Überhaupt nicht. Mein Vater war Chirurg, er lebt leider nicht mehr. Meine Mutter war Anästhesistin. Sie haben beide am AKh in Linz gearbeitet - meine Mama ist jetzt in Pension. Das ist natürlich auch eine privilegierte Art, in ein Land einzuwandern, das ist mir völlig klar. Aber mir ist hier, was diesen Hintergrund betrifft, nie etwas Schlimmes passiert. Ein sehr liberaler bekannter Wiener wollte mir das einmal in einem Gespräch nicht glauben: "Jetzt hören Sie auf, da muss doch etwas gewesen sein." Aber es war einfach nichts. Ich habe hier, wie viele, meinen Weg gemacht.

Zur Person:

Geboren am 14. April 1964 in Belgrad. Als er zehn Jahre alt ist, emigriert die Familie nach Linz. Studium der Philosophie und Musikwissenschaft, danach arbeitet Roscic als Journalist und wird 1996 Chef von Ö3. 2002 wechselt er als Managing Director zu Universal Music Austria. 2003 wird er künstlerischer Leiter der Deutschen Grammophon Gesellschaft in Hamburg, 2006 Managing Director des Klassik- Labels Decca. Seit 2009 leitet Roscic die Klassik- Sparte bei Sony Music in New York. Verheiratet mit Christine Klimaschka, drei Kinder (Alexander ist 17, Konstantin 11, Katarina 4).

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

Redaktion
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