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09.12.2016 - 08:17
Foto: Universal Music

Unheilig: "Ich hatte Angst vor dem Versagen"

06.03.2014, 09:30
Seit 15 Jahren ist der Graf mit seiner Erfolgsband Unheilig im Musikgeschäft unterwegs. Zeit, um mit "Alles hat seine Zeit" ein Best-of-Album rauszubringen und sich mit Feuereifer auf die "Mission Song Contest" zu stürzen. Im "Krone"-Gespräch zeigte sich der charmante Sänger sehr offen und ehrlich. Er sprach von seinen Ängsten und Träumen, den Problemen mit dem Stottern, warum er schon jetzt die nächsten paar Alben vorausplant und wieso er sich das "Dschungelcamp" ansieht.

"Krone": Lieber Graf, du hast schon vor unserem Gespräch kurz dein Stottern angesprochen. Hat dich die Musik davon geheilt?
Graf: Geheilt bin ich nicht, aber wenn ich singe, stottere ich nie. Die Angst ist immer da, aber es gehört zum Leben dazu. Ich werde durch die Musik gezwungen, zu Interviews zu gehen, damit die Musik die Menschen hören, und das war gut für mich. Ansonsten würde ich mich der Angst nicht stellen und nur im Studio sitzen und Musik machen. Aber ich will ja raus auf die Bühne und zu den Menschen, um mit ihnen diese tollen Konzerte zu erleben. Ich möchte auch zum Song Contest und international etwas erreichen. Da ist es schon auch okay, wenn ich mal zu einem Interview gehe und stottere. Ich mache mir selbst mehr den Kopf darüber als andere.

"Krone": Mit dem Album "Große Freiheit" hast du 2010 den Durchbruch geschafft, was bedeutet, dass du etwa zwei Drittel deiner Karriere eher im Underground verhaftet warst. Wie schwierig war der Weg zum Erfolg?
Graf: Der war lang und nicht einfach. Jahrelang habe ich mich an ganz kleinen Erfolgen hochgezogen – wenn es auch mal nur 20 Leute pro Konzert mehr waren. Du spielst in dreckigen, kleinen Clubs, wo du keine Dusche und keine Heizung hast und krank wirst, weil es im Winter kalt ist. Trotzdem war das toll. Wir hatten einen kleinen Bus, mit dem wir jahrelang getourt sind und der schon halb auseinanderfiel. Es war echt gefährlich (lacht). Die Zeit damals habe ich nicht als schlimm empfunden, wenn ich aber jetzt 15 Jahre später zurückblicke, wundert es mich, dass ich durchgehalten habe. Jetzt sitze ich in einer Suite mit einem Badezimmer, einem Schlafzimmer, drei Fernsehern und mache Interviews. Wenn ich jetzt schnippen würde und ein Schnitzel verlange, würden die uns beiden eines bringen – das ist doch Luxus pur. Wenn ich jetzt so sehe, wie einfach das heutzutage ist, finde ich es super, dass ich durchgehalten habe. Ich weiß aber schon zu schätzen, was ich jetzt habe, und bin für diese Zeit dankbar. Ich weiß ja, dass es einmal anders war, und das erdet mich.

"Krone": Der Erfolg kam mit einer musikalischen Änderung zustande, die nicht jedem gefallen hat.
Graf: Ich habe mich optisch schon geändert. Ich bin offener geworden, habe die weißen Kontaktlinsen rausgenommen und meine Fingernägel nicht mehr schwarz lackiert. Musikalisch ist das was anderes. Das Lied "Stark" von meinem ersten Album 1999 haben wir 2012 noch einmal veröffentlicht und es lief dann im Radio. Die Musik ist professioneller und die Texte sind ehrlicher und klarer geworden. Ich habe auch mehr erlebt und mehr gelernt. In meinen Augen mache ich die gleiche Musik wie früher.

"Krone": Die alten Songs waren mehr Dark- Wave- und Gothic- kompatibel, du warst ein Aushängeschild der "schwarzen Szene". Dass dem nicht mehr so ist, nehmen dir viele Leute übel. Wie gehst du damit um?
Graf: Am Anfang muss ich die Frage einwerfen, ob die Leute recht haben oder nicht. Sie können ja ihre eigene Meinung haben, ich brauche die nicht zu teilen. Ich sehe das völlig anders. Auf der Best- of "Alles hat seine Zeit" sind von 18 Songs sieben alte Lieder drauf. Das ist fast halbe- halbe. Das sind Songs aus den Zeiten von 1999 bis 2008. Diese Songs wurden damals von den Fans gewählt – wir ließen ja immer voten. Wir spielen die Songs auch bei den Konzerten und die ersten drei Reihen sind immer noch schwarz. Es mag Menschen geben, die sagen, es wäre ihnen jetzt zu groß und es kommen bunte Leute hin, aber denen werde ich nicht recht geben. Ich darf einen Menschen nicht nach seinem Aussehen beurteilen oder wo er herkommt. Das ist für mich kein Argument, hier geht es um reine Musik. Wenn man aus seiner Emotion heraus nichts mehr mit meinen Songs anfangen kann, finde ich das okay, aber zu sagen, ich fände es nicht mehr gut, weil das andere Leute hören… Wie blöd ist das denn?

"Krone": Du hast dich immer an das Voting deiner Fans gehalten?
Graf: Absolut – begonnen haben wir damit glaub ich 2002 mit dem Album "Das zweite Gebot" und daraus wurde "Maschine" gewählt. Natürlich habe ich heute auch Songs wie "Geboren um zu leben" im Set, mit dem die Fans eine irrsinnige Bindung haben – da kannst du doch nicht sagen: "Igitt, das ist mir jetzt viel zu kommerziell." Wenn man jahrelang von Erfolg träumt und der dann kommt, wäre ich ja wirklich blöd, würde ich ihn nicht annehmen.

"Krone": Auf "Alles hat seine Zeit" gehst du von Song zu Song mehr Richtung Vergangenheit.
Graf: Der Erste, der das versteht, danke dir. Wenn du ganz hinten bei "Rückblende" beginnst und das Album rückwärts laufen lässt, wird es immer neuer. Wenn du in so ein Album reingehst, möchtest du auf die Reise mitgenommen werden, und deshalb beginnen wir mit dem Instrumental "Zeitgeist". Im Grunde genommen ist es nichts anderes wie eine Zeitschleife, wenn du von heute zurückblickst. Wenn ich beim Song- Contest- Vorentscheid starte, will ich ausloten, ob meine Musik auch international angenommen wird, und mit diesem Album möchte ich den Leuten auch die Geschichte von Unheilig zeigen. Ich hätte "Maschine" nicht an die erste Stelle gepackt. Auch wenn die Nummer live gut ankommt, gibt das ein falsches Bild. Das ist nicht nur Unheilig, sondern auch. Wir werden auch bei der kommenden Platte wieder solche Nummern schreiben, diese Rammstein- mäßigen Lieder. Ich möchte den Menschen einfach die komplette Vielfalt zeigen.

"Krone": Du hast den Song Contest jetzt schon zweimal angesprochen – darauf liegt derzeit dein Hauptfokus?
Graf: Erst einmal der Vorentscheid am 13. März, wo entschieden wird, wer nach Kopenhagen darf. Wegen dem Song Contest wollte ich auch die Best- of- Scheibe rausbringen, zum Jubiläum 15 Jahre Unheilig. Ich möchte gerne nach Kopenhagen, und wenn ich das schaffen sollte, will ich dort gewinnen. Da ist jetzt der Fokus drauf.

"Krone": Warum ist dir der Song Contest so wichtig – viele Musiker sehen diesen Bewerb oft als etwas Lächerliches an.
Graf: Das ist für mich der größte internationale Musikwettbewerb, den es gibt. Die Champions League. Wenn du da auftrittst, schauen dir 150 Millionen Menschen zu. Alles, wofür du stehst und was du kannst, kannst du eben so vielen Menschen zeigen. Das ist eine Riesenchance und es wäre eine Riesenehre. Das hört sich jetzt zwar so an, als ob mein Opa reden würde, aber früher hatten wir drei Fernsehprogramme und einmal im Jahr war der Song Contest. Das ist eine Kindheitserinnerung und schon als ich mit zwölf begann, Musik zu machen, da hatte gerade Nicole gewonnen, war ich begeistert davon. Ich wollte das irgendwann mal selbst machen und jetzt will ich diesen Moment, den ich als Kind erlebt habe, auf der großen Bühne erleben.

"Krone": Notwendig hättest du den Bewerb aber nicht, denn du bist sicher bekannter als die meisten Song- Contest- Sieger der letzten Jahre.
Graf: Ich möchte es trotzdem gerne machen und halte den Bewerb für eine ganz wichtige Sache. Wo auf der Welt hast du heute noch die Möglichkeit, mit unbekannten Künstlern auf einer großen Bühne zu stehen, ohne an einer Castingshow teilzunehmen? Ich halte von Castingshows nicht so viel, außer die Künstler schreiben ihre Lieder selbst. Außerhalb davon gibt es den langen Weg, den wir gegangen sind, oder die große Möglichkeit, beim Song Contest dabei zu sein. Lena wurde damals ja auch gevotet von einer Casting- Sendung. Du hast aber immer den bitteren Beigeschmack bei diesen Sendungen, dass die Juroren während der Show mehr Platten verkaufen als der gewählte Künstler. Da muss man sich doch die Frage stellen, worum es da geht.

"Krone": Willst du aber international Erfolg haben, müsstest du eigentlich auf englische Texte umstellen. Rammstein mal weggerechnet hat das sonst bei kaum einem deutschen Künstler funktioniert.
Graf: Das ist die große Frage. Ich wollte zwar schon immer beim Song Contest dabei sein, aber mir wurde erst letztes Jahr klar, dass ich mir diese Frage stellen muss. Müsste ich dann alle meine Songs übersetzen? Das wäre ja doof. "Geboren um zu leben" würde "Born To Be Alive" heißen. Das war doch von Patrick Hernandez (lacht). Wegen dieser Frage habe ich 2010 und 2011 abgesagt. Letztes Jahr wurde mir aber klar, wenn ich daran teilnehme, dann nur so, wie ich eben bin. Und dann auch in Deutsch. Weil ich mir dann unsicher war, habe ich im Internet eine Umfrage gemacht und die Menschen gefragt, was sie von einer Teilnahme beim Song Contest mit einem deutschen Lied halten würden. Mir ging es eher um die Sprache, nicht um die Teilnahme an sich. 34.000 haben ja gesagt, etwa 2.000 nein. Dann habe ich es eben gemacht. Du kannst nur in der Sprache teilnehmen, in der du lebst, in der du träumst und in der du denkst. Die Sprache macht alles aus, was wir sind. Wenn sich die ganzen Länder in Europa vorstellen, dann gehört doch die Sprache dazu. Warum sollen wir in Englisch singen? Ist unsere Sprache so schlecht, dass das nicht geht? Das ist Quatsch. Wir verstehen doch auch nicht alles, was im Radio auf Englisch gespielt wird. Wüssten wir das, würden wir einige Lieder nicht mehr so cool finden.

"Krone": Es wäre aber mit deutschen Liedern sicher schwieriger, einen nachhaltigen internationalen Erfolg zu haben.
Graf: Das weiß ich nicht. Bei Rammstein und bei Falco hat es funktioniert. Ich glaube, dass es geht, und ich glaube, dass diese Denkweise falsch ist. So denkt jeder und aus dem Grund probiert es keiner. Deswegen singt jeder auf Englisch. Aber ich weiß es nicht – vielleicht liege auch ich falsch? Da müssten wir uns in einem Jahr noch einmal unterhalten. Ich habe immer gesagt, bevor ich den einen Augenblick habe, kurz bevor ich sterbe, möchte ich alle Chancen und Träume gerne versucht haben. Ich will mir dann nicht die "Was wäre wenn"- Frage stellen – die macht einen kaputt. Wenn du früher Angst hattest, diesen einen Schritt zu machen, würdest du dir am Totenbett bestimmt wünschen, diese Möglichkeit noch einmal zu haben und es einfach auszuprobieren. So denke ich in allem, was ich mache.

"Krone": War es auch ein Traum von dir, mit Helene Fischer zusammenzuarbeiten?
Graf: Es war jedenfalls eine große Ehre. Ich habe sie erstmals 2010 bei der José- Carreras- Gala gesehen und da habe ich mit ihr ein Foto gemacht, weil ich jemanden in meiner Familie habe, der ein Riesenfan ist. Wir haben uns ein bisschen unterhalten und dann hat sie mich 2012 zu ihrer Show eingeladen und wir haben gesungen. Ich habe dann das Lied "So wie du warst" bekommen, das sie schon eingesungen hatte. Da war ich dann hin und weg. Sie hat das so gut gesungen, ich dachte nur mehr: "Wow." Bei der Show auf der Bühne haben wir uns ein bisschen mehr wahrgenommen und die Frau hat mich dort einfach verzaubert. Ich finde sie großartig – das gebe ich auch offen und ehrlich zu. 2013 fragte sie, ob ich ein Lied für sie schreiben könnte, und ich habe direkt ja gesagt. Ich brauche dafür auch einen Draht, es muss eine Gemeinsamkeit da sein. Dann kann ich gerne mit dem Menschen Musik machen. 2013 und 2014 sind schon ihre Jahre – deutsche Musik noch dazu, das ist doch super. Sie hat den Schlager neu definiert.

"Krone": Es gab schon vor dieser Kooperation Musikerkollegen, die dir vorgehalten haben, du würdest mehr Richtung Schlager driften. Damit hast du deine Kritiker gefüttert.
Graf: Natürlich. Aber ich bin Musiker und denke nicht in Genreschubladen. Ich habe schon vor acht Jahren gesagt, dass es für mich keinen Rock, Pop, Metal und Hip Hop gibt. Für mich gibt es nur gute Musik und Musik, die ich nicht mag. Warum machen wir unser Leben so schwer und stufen alles in Schubladen? Eigentlich so ein typisch deutsches Ding. Für alles muss es ein Fach geben, mit einem Zettel drauf und dann muss das noch verglichen werden. Das ist anscheinend auch was Österreichisches. Alle wollen immer alles ordnen. Schlager ist halt ein angestaubter Titel, der jetzt etwas entstaubt wurde. Nun ist wichtig, wo die Reise hingeht. Die Entwicklung ist da und deutsche Musik ist mehr gefragt. Da muss jetzt eine Entwicklung kommen – bei allen Menschen, die gerade Musik machen.

"Krone": Die Reise wird auch bei dir spannend werden. Wann wird es denn ein neues Studioalbum von Unheilig geben?
Graf: Dieses Best- of ist im Zyklus des neuen Albums entstanden und das Lied "Wir sind alle wie eins" ist das zweite Lied, das wir spielen werden, sollten wir beim Song Contest in die zweite Runde des Vorentscheids kommen. Das zweite neue Lied auf dem Best- of, "Als wär's das erste Mal", ist für mich schon ein Ausblick auf das neue Album. Quasi das, was nach dem Best- of- Album kommt. Ich will mich jetzt noch nicht festlegen. Wir sind sehr weit und arbeiten daran, haben auch sehr viele Pläne. Was ich gut finde ist, dass wir ein paar Jahre planen. Wir könnten jetzt auch schon über andere Alben reden, weil ich meinen Plan für die nächsten Jahre schon vor Augen habe. Wenn du dich weiterentwickeln willst, ist es wichtig, dass du langfristig planst. Auf dem Niveau, auf dem wir uns jetzt befinden, geht es immer noch besser. Ich merke, dass die meisten kurzfristig planen – ich möchte das gerne anders machen. Mir ist klar geworden, dass ich mein Leben lang Musik mache. Auch wenn es abgedroschen klingt, aber ich kann ohne sie nicht leben. Musik ist für mich die Therapie, wo ich mir in den Songs selbst vor Augen führe, was ich gerade fühle, was ich glaube und was ich denke.

"Krone": Bei einer derart langfristigen Vorplanung strömen aber viele Ideen in dir, die du oft jahrelang liegen lasst musst, bis du sie umsetzen kannst.
Graf: Das ist wie alter Wein – der schmeckt dann auch am besten, wenn er ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Du hast das Ziel vor Augen, arbeitest aber an den Liedern auf diesem Weg. Das ist doch noch cooler, wenn du mit mehreren Alben in einem Guss arbeiten kannst. Das haben wir eigentlich immer gemacht. Kuck dir die letzten Alben an. Das letzte Lied von "Große Freiheit" heißt "Neuland", dann geht's auf die "Lichter der Stadt", dort war das letzte Lied "Die Stadt", dann kommt das Best- of und dort ist irgendwo ein kleiner Hinweis verborgen, wo es mit dem nächsten Album hingeht. Du hast eine komplette lange Reise und so möchte ich meine Alben auch gestalten. Das ist ein künstlerischer Anspruch, den ich mir einfach nehme, und der steht nicht im Kontrast zu allem anderen. Ich möchte so viele Menschen wie möglich mit meiner Musik erreichen und die sollen dann entscheiden, ob es ihnen gefällt oder nicht. Einfach nur Musik machen reicht mir nicht, ich möchte den Menschen mit auf eine Reise nehmen – er soll beim Albumhören das eigene Kopfkino haben.

"Krone": Du wolltest eine längere Tourpause machen – das funktioniert auch nicht so ganz, denn du spielst bald wieder live.
Graf: (lacht) 2013 war ein ruhigeres Jahr. Wir haben zwei TV- Auftritte gemacht und wirklich alles andere abgesagt. Da war der eine oder andere von der Plattenfirma ein bisschen traurig, aber wir haben nur das gemacht, was wir schon im Vorfeld zugesagt haben. Wir waren auf Tour, aber ansonsten konnte ich eine Reflexion der letzten Jahre machen. Irgendwann gehst du aus Spaß ins Studio und machst über Wochen Musik und hast ein paar Lieder. Wo soll dann die Reise hingehen? Welche Ziele und Träume hast du noch? Das war dann wie immer in meinem Leben die Musik. Da dachte ich mir eben, 2014 doch eine kleine Tour zu machen. Wir haben auch Fans in Russland, Spanien oder England. Wollen wir da noch mal hin? Na klar. Dafür wäre der Song Contest eine schöne Möglichkeit. Eines jagt eben das andere, und das macht Riesenspaß. Ich bin 2013 zur Ruhe gekommen, aber es hat mir aufgezeigt, dass nur Ruhe zu haben blöd ist. Ich möchte gerne viel tun können, aber auch die Zeit zu Hause nutzen, um runterzukommen. Das Leben ist einfach eine Achterbahnfahrt, und das ist gut so. Den ganzen Tag zu Hause sitzen und dem Gras beim Wachsen zusehen, ist auch blöd – dafür ist das Leben zu kurz.

"Krone": Wie schlimm wäre es für dich, wenn das mit dem Song Contest nicht funktioniert?
Graf: Da geht das Leben auch weiter, ganz klar. Wenn du aufs Spielfeld läufst, willst du Tore schießen. Sag ich mir von vorhinein "oh Gott, ich treffe heute sicher nicht", dann wird das auch so passieren. Wichtig ist, dass du ein Ziel hast. Wir sind wie wir sind. Wir singen auf Deutsch, ich rasiere mir jetzt nicht die Bartecken ab oder lasse mir Haare wachsen oder singe mit einer anderen Stimme. Dann würde ich mir sagen, dass ich mir schade, wenn ich dann verliere.

"Krone": Die Stimme hast du im Laufe deiner Karriere schon verändert.
Graf: Ich kann ein bisschen besser singen als früher, das lernt man mit den Jahren. Was ich damit sagen will, ist: Bleib dir treu. Dann kannst du landen wo du willst, denn du kannst jeden Morgen immer noch in den Spiegel schauen und musst nicht traurig sein. Du bist dir treu geblieben. Das ist das einzige Rezept, wenn man erfolgreich sein will. Sei ehrlich und verdreh dich nicht. Wenn ich dort also verliere und Letzter werde, ist das halt so, aber ich möchte gerne dafür kämpfen. Ich kann dann nachher sagen, ich habe alles probiert.

"Krone": Aus welchen Gründen hast du eigentlich den Anzug als Bühnenoutfit gewählt?
Graf: Das war 2007. Da gingen die hohen Stiefel, die Kontaktlinsen, die schwarzen Fingernägel und der Mantel weg. Ich hatte damals tatsächlich keine Kohle, um sechs Paar Stiefel oder sechs Mäntel zu haben und damit auf Tour zu gehen. Das Gute hierbei ist: Du hast mehrere Hemden, Krawatten und Hosen und es ist bezahlbar. Das war aus der Not heraus gewählt, aber mir war das alte Outfit damals auch zu dunkel. Ich wollte mich ein bisschen öffnen – ich wurde mutiger und bekam mehr Selbstbewusstsein. Ich wollte gerne ein bisschen normaler sein.

"Krone": War das eine große Persönlichkeitswandlung?
Graf: Eigentlich schon. Wenn Kinder zum Beispiel stottern, hören die damit auf, wenn sie sich verkleiden. Wenn sie in die Öffentlichkeit gehen und schauspielern, stottern sie auch nicht. Bruce Willis etwa ist so jemand. Wenn ich jetzt mit 15 Jahren Lebenserfahrung zurückblicke, ist mir klar, warum mir die Verkleidung so wichtig war – das war reines Verstecken.

"Krone": Es muss doch irrsinnig schwierig gewesen sein, dich mit dem neuen, freundlicheren Outfit anfangs zu öffnen.
Graf: Das war eine Angst, die ich überwinden musste. Wenn du aber Zuspruch dafür kriegst, wirst du mutiger. Beim zweiten Album "Das zweite Gebot" konnten die Fans erstmals entscheiden, welches Lied sie am besten finden. Sie haben mit "Schutzengel" eine Ballade gewählt. Da wusste ich dann, dass ich gar nicht so superböse sein muss. Ich fühlte mich bestätigt, Gefühle zu zeigen und in die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist aber schwer, wenn du dich hinter Kontaktlinsen, Leder und schweren Stiefeln versteckst.

Mich störte schon damals, dass ich durch meine dunkle Erscheinung das Lied nicht so rüberbringen konnte, wie ich es fühlte. Der Song war ja etwas durchweg Positives. Beim ersten Auftritt ohne Kontaktlinsen ist das keinem aufgefallen. Da habe ich auch erstmals auf Fotos gelächelt, mich geöffnet und mich der Angst gestellt. Ich wusste, dass es damals richtig war, und ich konnte auf der Bühne beim Liedersingen den Menschen in die Augen schauen. Ich habe in der Vergangenheit unbewusst viel gemacht, um mich zu schützen. Das erste Lied "Sage Ja" hatte die Zeile "Das Einzige was zählt ist die Maske, wenn sie fällt". Das ist genau mein Leben. Ich schrieb es damals, ohne es richtig zu wissen. Ich hatte eine Art Maske. Aus Angst vor dem Versagen und wegen meinem Sprachfehler. Das wurde mir erst letztes Jahr bewusst.

"Krone": Das war dann ja etwas Prophetisches.
Graf: Tatsächlich, ja. Ich sah im Fernsehen so eine Dokumentation über Stotterer. Eben, dass sie nicht beim Schauspiel, auf der Bühne oder in anderen Rollen stottern. Da wusste ich dann, dass das bei mir genauso war. Dann weiß ich auch, wieso ich so aussah – aus Angst vor dem Stottern. Ich wusste anscheinend schon damals, dass diese Maske einmal fallen würde. Auch wenn ich es mir noch nicht vorstellen konnte. Jetzt ist es ein gutes Gefühl. Da ist es auch wieder gut, wenn du jahrelang vorausplanst. Was damals per Zufall passierte, möchte ich jetzt vorplanen. Die große Schwierigkeit ist es, all die Menschen mitzunehmen, die daran beteiligt sind. Ich entscheide alles selber und habe überall das letzte Wort. Das ist schön, denn somit kann ich eben schon weit vorausdenken.

"Krone": Du hast Bühnen- und Privatperson immer strikt getrennt und man weiß nichts Privates von dir. Machst du das aus Privatsphärenschutzgründen oder aus Imagegründen?
Graf: Der Mensch dahinter ist immer der gleiche. Es geht ganz klar um Privatschutz. Ich will einfach nicht, dass irgendwann vor der Haustür meiner Familie ein Kamerateam steht und ihnen Fragen stellt. Ich brauche mein Privatleben als Ruhepol, das habe ich letztes Jahr total gemerkt. Ich mag die Musik und die Bühne, aber der ganze Medienrummel drumherum, der sich mit den Oberflächlichkeiten auseinandersetzt, mit dem komme ich nicht klar. Das soll jeder Mensch für sich entscheiden. Aus diesem Grund werde ich niemals etwas aus meinem Privatleben erzählen. Ich rede einfach nicht darüber. Ich werde auch niemals ein Familienmitglied auf dem roten Teppich vorführen. Warum auch? Ich möchte als Musiker definiert werden und nicht als Sohn, Vater oder Freund von dem und dem.

"Krone": Das heißt, der Graf geht auch nie ins Dschungelcamp?
Graf: Bevor ich da hingehen würde, würde ich in meinen alten Beruf als Hörgeräteakustiker gehen und dort versuchen, so weit zu kommen, dass ich das nicht mehr nötig habe. Ich habe es mir angesehen und es ist sehr unterhaltsam für Musiker. 22.15 Uhr, du kommst aus dem Studio und hast den Kopf total voll und brauchst irgendwas um abzuschalten und denkst: "Ah, Dschungelcamp" (lacht). Bestellst dir eine Pizza, siehst dir das an und schaltest bei den ekligen Sachen um, weil die Pizza dann doch etwas komisch schmeckt, wenn du siehst, wie alle in ihren Raupen herumkramen. Ich werde da niemals in meinem Leben hingehen. Es gibt ein Buch von Richard Bachmann alias Stephen King. Er hat damals geschaut, ob er auch andere Sachen unter einem anderen Namen schreiben kann. Das Buch wurde als "Running Man" mit Arnold Schwarzenegger verfilmt. Das "Dschungelcamp" ist nichts anderes als "Running Man". Du siehst die Leute, wie sie durch Gedärme kriechen – das ist schon hart. Man ist echt so drauf, dass man sich das ansieht. Das ist irgendwie normal. Der Unterschied ist nur, dass hier im Gegensatz zum Kinofilm keiner stirbt. Aber die Art und Weise ist genau dasselbe. Ist eigentlich heftig, aber ich habe es mir auch angesehen.

Wer dem Grafen nicht nur beim Song- Contest- Vorentscheid die Daumen drücken will, sondern seine großen Hits auch live hören möchte, hat dazu am 25. Juli in der Freizeitanlage Kremspark in Ansfelden die Chance dazu. Karten erhalten Sie unter 01/960 96 999 oder im "Krone"- Ticketshop .

06.03.2014, 09:30
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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