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04.12.2016 - 09:34
Foto: Sony Music

Tom Odell: "Man muss sich etwas unwohl fühlen"

17.07.2016, 17:00

Mit den beiden Singles "Wrong Crowd" und "Magnetised" hat sich der britische Singer/Songwriter Tom Odell bereits in unsere Gehörgänge gespielt, das dazugehörige Album "Wrong Crowd" zeigt den 25- Jährigen in allen Bereichen gereift und modernisiert. Wir trafen den sympathischen Blondschopf in Berlin, um mit ihm über die Veränderungen seines Sounds, das Schöne am Alleinsein und von Maden zerfressene Erdbeeren zu sprechen.

"Krone": Tom, dein neues Album "Wrong Crowd" ist wesentlich bombastischer und opulenter als das Debüt "Long Way Down" ausgefallen. War das ein bewusster Schritt, um noch breiter zu klingen?
Tom Odell: Das Songwriting hat sich etwas entwickelt, aber die meisten Songs habe ich gleich verfasst wie früher: am Piano mit meinem Gesang dazu. Ich habe dieses Mal ohne Unterlass wie ein Wahnsinniger Songs geschrieben. Unheimlich viele, es hat eigentlich kein Ende genommen, nur waren sie nie wirklich fertig. Mir war aber wichtig, sie fertig zu kriegen und es gab Songs, an denen arbeitete ich Wochen, bis ich wirklich zufrieden war. Ich habe die Nummern nicht stark überdacht, sondern einfach rausgehauen, was mir einfiel - so ähnlich wie es Bruce Springsteen früher immer machte. Es war aber am Ende wichtig, ein paar Songs komplett zu finalisieren. Das ist auch wichtig für die Ideen im Kopf, damit man sich nicht völlig im Chaos verliert.

"Krone": Du hast bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass du nach Beendigung des Songwritings für ein Album sofort am nächsten arbeitest. Hst du schon Ideen für das dritte Werk?
Odell: Durchaus, ich denke schon stark darüber nach. Derzeit bin ich wirklich besessen von Springsteens legendärem Kultwerk "Nebraska". Ich mag den Zugang, das Album als Platz zum Geschichtenerzählen zu benutzen und die Musik auf das Wesentlichste und Nötigste runterzubrechen. Das Album war sehr roh und echt, das ist für mich sicher ein Thema. Aber jetzt haben wir ja noch ein anderes Album zu besprechen. (lacht)

"Krone": Für das aktuelle Album hast du dich zum Songschreiben temporär nach New York verzogen.
Odell: Das war mitunter auch sehr praktisch, weil ich zu der Zeit gerade ein paar Shows hatte und mit Billy Joel auftrat. Ich musste aber sowieso mal aus London raus und woanders aufschlagen. Als Besucher fühlt man sich immer etwas unwohl und wenn man sich etwas unwohl fühlt, dann kann man gute Songs schreiben. Man darf sich nicht zu gut fühlen, das bringt selten etwas Gutes zustande.

"Krone": Was hat es mit dem Album- und dazugehörigem Songtitel auf sich? Warst du mal in einer "falschen Menschenmenge", hast du früher deine Eltern verärgert, weil du mit den falschen Leuten um die Häuser gezogen bist?
Odell: Es ist vielmehr ein Motiv, um Isolation, Einsamkeit und Selbstzerstörung aufzuzeigen. Es geht jedenfalls nicht um spezielle Menschen, sondern eher um etwas Inneres, Persönlicheres. Die "Wrong Crowd" an sich existiert doch nicht einmal. Das sind nur Figuren meiner Vorstellungskraft, die sich dann in den Songs wiederfinden. Mir fällt es immer irrsinnig schwer, meine Songs zu erklären. Es ist irgendwie lustig, denn du schreibst und schreibst, aber du hast keine wirkliche Erklärung dafür. Das ist doch bei jeder Kunstform so - du überanalysierst sie nicht und lässt der Kreativität einfach freien Lauf. Am Ende transportiere ich damit aber eine bestimmte Meinung und es kann dann suggestiv wirken.

"Krone": Gibt es aber ein übergreifendes Thema? Etwa über einen Typen, der Einsamkeit und Isolation sucht, weil er sich von den Fesseln der Gesellschaft befreien möchte?
Odell: Das schon, ja. Als ich das Album schrieb, dachte ich aber nicht an so eine Geschichte. Wenn man die Ideen dann sortiert, dann kommt am Ende tatsächlich eine Art von Story über eine Person heraus, die aber mit mir selbst nicht allzu viel zu tun hat. Am Ende hat das beim Komponieren eine Eigenentwicklung genommen, denn in mir gibt es immer etwas, dass sich nach Unschuld und Natur sehnt, gegen diese verwöhnte Welt ankämpft. Ich vergleiche das immer gerne mit einer faulenden Erdbeere. Außen ist sie wunderschön und perfekt und innen von Maden zerfressen. Das ist so, wie auch bei vielen Menschen.

"Krone": Oder auch mit dem Musikbusiness an sich, das nach außen oft so viel Glanz und Glamour versprüht und innerlich nicht weiß, wie es in der Zukunft überleben kann…
Odell: Das kann sein, aber damit hat das Album nichts zu tun. Es geht dann doch eher um Dinge, die ich mit Freunden am eigenen Leib erfahren habe und auch Dinge, die ich immer wieder mal beobachten konnte. Ich kann nicht leugnen, dass gewisse Teile des Albums wohl direkte Erlebnisse meines Daseins aufgreifen.

"Krone": Du hast selbst schon gesagt, dass du durchaus ein guter "Lone Ranger" bist und nicht unbedingt geeignet für die ganz dicken Freundschaften im Leben.
Odell: Ich war immer eine Art Außenseiter, aber das sind doch alle Songwriter. Die echten haben alle ähnliche Erinnerungen an früher. Du kannst einfach nicht ein Teil des feiernden Publikums sein und gleichzeitig so ehrliche Lieder schreiben. Der Job an sich ist physisch ein sehr einsamer. Er benötigt Abgeschiedenheit.

"Krone": Du lebst aber in zwei Extremen. Einerseits das alleinige Songwriting in völliger Abgeschiedenheit, andererseits die hochgefeierten Shows vor hunderten, tobenden Menschen.
Odell: Ja, ein gutes Mittelding wäre sicher nicht falsch, aber das ist nicht so einfach zu erreichen. Die richtige Balance wäre schon fein. 2014 endete meine erste große Tour und daran erinnere ich mich noch genau zurück. Das war mitunter ausschlaggebend dafür, dass ich nach New York ging. Ich war es gewohnt, konstant stimuliert zu sein, die Tour war einfach irrsinnig erfolgreich und ich war nie allein. Nach dieser Tour merkte ich, dass ich mich erweitern wollte. Ich musste raus, ich brauchte Menschen um mich und konnte einfach nicht mehr alleine für mich sein. Man braucht aber die Perioden der Druckentlastung.

"Krone": Wir haben den dicken Sound auf dem neuen Album vorher schon angesprochen, es gibt auch elektronische Elemente und viele Streicher zu hören. Wolltest du dich und deinen Sound modernisieren?
Odell: Beim Debüt war ich noch nicht so selbstsicher und als ich die Songs dafür schrieb, ließ ich bestimmte Ideen und Elemente bewusst weg, weil ich mir selbst viele Regeln setzte. Keine Streicher, kein dies, kein jenes. Ich wollte auch eine Kernbesetzung, die die Instrumente einspielt und nach eineinhalb Monaten war "Long Way Down" damals komplett fertig. Bei "Wrong Crowd" habe ich einfach keine Reglementierungen mehr zugelassen. Ich habe mich viel stärker geöffnet und nicht mehr selbst gestoppt. Ich habe am Anfang überlegt, ob die dicken Streicher jetzt zu meinem Piano- Rhythmus passen könnte, aber dieses Mal dachte ich mir einfach: "Scheiß drauf, das wird jetzt einfach so gemacht". Ich wollte mich nicht mehr limitieren. "Wrong Crowd" ist ein sehr vielseitiges Album, das viele verschiedene Facetten abdeckt. Viele Leute wollen zusammenhängende Alben und ich finde, das ist "Wrong Crowd" in gewisser Hinsicht durchaus. Dieses Mal trägt auch die Produktion jeden einzelnen Song und nicht mehr der Song selbst.

"Krone": Für "Wrong Crowd" und "Magnetised" hast du schon Videos veröffentlicht - du willst hier ja noch mehr machen und eine kontinuierliche Geschichte damit erzählen.
Odell: Ja, das war auch so eine Idee, die ich jetzt einfach durchziehe, weil ich das so will. Es gibt auf der Tour auch ein Buch dazu zu kaufen, ich wollte hier alles einfließen lassen, was mich selbst interessiert.

"Krone": Wäre es für dich nicht interessant, selbst einmal ein Buch zu schreiben? Immerhin bist du Songwriter und kennst das Geschäft des Schreibens ja mehr als gut.
Odell: Das ist verdammt schwierig. Als ich durch die Gegend reiste, habe ich immer alle Ideen niedergeschrieben und versucht, daraus etwas zu formen, aber ich hatte schon realisiert, dass ich ein ziemlich guter Songwriter bin, nicht aber ein guter Buchautor. Ich bin auch nicht so gut darin, für andere Leute Songs zu schreiben, obwohl ich das strenggenommen seit meinem elften Lebensjahr mache. Ich möchte das in der Zukunft gerne forcieren und vielleicht wirklich ein Buch schreiben, aber es gehört nicht zu meinen Stärken und wichtiger ist es ja, seine Stärken zu fördern.

"Krone": Wenn du dich selbst und auch deine Idole wie Bob Dylan oder Tom Waits betrachtest - was macht denn einen guten Songwriter aus? Wann ist ein Songwriter de facto gut?
Odell: Es sind einfach die Songs. Du hörst es ohnehin schnell, denn Springsteen- oder Waits- oder Joel- Songs sind einfach großartig. Der kleinste gemeinsame Nenner all dieser Musiker ist einfach, dass sie mit einem gehörigen Talent dafür geboren wurden. Songwriting verlangt wahnsinnig viel von dir - da ist allerhöchste Konzentration gefragt. Alles andere betrachte ich überhaupt nicht als Arbeit. Das Touren, das wenig Schlafen auf Tour, die vielen Interviews, das ist alles keine Arbeit für mich. Das ist alles total leicht, aber sich auf einen Song zu konzentrieren, das kann tatsächlich richtig schmerzvoll, bei positivem Ausgang aber auch unheimlich befreiend und befriedigend sein.

"Krone": Lässt du dich in diesem Prozess noch immer nicht von Alkohol oder anderen Rauschmitteln unterstützen?
Odell: Ich muss einfach fokussiert sein, aber ich kann die andere Seite auch verstehen, weil du manchmal einfach deinen Geist von all den Gedanken der realen Welt freimachen musst.  Musik läuft nach Gefühl und du musst einfach den Kanal zwischen dir selbst und der Musik öffnen. Das klingt jetzt etwas kitschig, aber dein Herz muss einfach frei sein, um wirklich gut arbeiten zu können. In diesem Sinne kann ich aber auch verstehen, warum andere Leute Weed rauchen oder Alkohol trinken, um die Kreativität hervorzuholen.

17.07.2016, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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