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03.12.2016 - 21:26
Foto: Universal Music

Tokio Hotel: "Wir können nicht allen gefallen"

16.10.2014, 10:00
Fünf Jahre lang waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Aufgrund des unmenschlichen Hypes um ihr Privatleben traten die deutschen Megaseller Tokio Hotel die Flucht nach vorne an und übersiedelten nach Los Angeles. Nach einer langen Zeit der Selbstfindung kam auch die Lust zum Musizieren wieder. "Kings Of Suburbia", das lang erwartete Comeback-Album, hat sich von den alten Werken des Quartetts distanziert und rollt die Charts als poppige Electro-Platte auf. Im "Krone"-Interview sprach Sänger Bill Kaulitz über die privaten und klanglichen Veränderungen und weshalb die Band nun in allen Bereichen selbst Hand anlegt.

"Krone": Bill, nach der jahrelangen Auszeit waren die Sorgen, nicht an alte Erfolge anschließen zu können, sicher sehr groß. Wie groß ist nun die Genugtuung, nachdem ihr in 27 verschiedenen Ländern auf Platz eins der iTunes- Charts gelandet seid?
Bill Kaulitz: Wir waren eigentlich von Anfang an schon relativ entspannt, weil wir an uns und unsere Songs geglaubt haben. Den größten Druck haben wir uns selbst gemacht. Der Erfolg ist natürlich trotzdem toll und wir sind auch total überrascht von diesem positiven Feedback und das ist eigentlich das Schönste an dem Ganzen.

"Krone": Doch nicht alle eure Fans sind restlos begeistert – ein paar ältere, die Tokio Hotel schon immer hörten, sind aufgrund eures Stilwechsels Richtung Elektronik regelrecht verstört. Warum eigentlich diese Veränderung?
Kaulitz: Der einzige Anspruch für uns selbst war, dass wir das Album selber richtig gut finden. Wir haben uns nicht bewusst verändert, sondern selber geschrieben und produziert. Das Ergebnis ist die Musik, die sich für uns selbst gut angefühlt hat. Wir wollten auch keine Kompromisse eingehen, sondern einfach das durchziehen, was für uns das Beste war. Es ist schon klar, dass es nicht allen Leuten gefällt, und das ist auch ganz normal.

"Krone": Es gab Zeiten, da waren englische Texte für euch kein Thema – nun ist das komplette Album "Kings Of Suburbia" in dieser Sprache gehalten.
Kaulitz: Na ja, wir haben schon seit dem zweiten Album alle Scheiben in zwei Sprachen veröffentlicht und das letzte Album "Humanoid" auch auf Englisch und Deutsch geschrieben. Damals fiel uns schon auf, dass wir Deutsch schon nur mehr deshalb verwendet haben, weil die Leute das von uns erwarteten. Wir mussten damals viel übersetzen und Songs doppelt singen – da geht auch viel vom Inhalt verloren. Außerdem gibt es im Studio Momente, die kriegst du kein zweites Mal hin. Das war fast wie Büroarbeit, das Übersetzen. Das fanden wir aber nicht mehr gut und wir wollten die Songs so lassen, wie sie entstanden sind. Wir haben in diesem Fall eben alles auf Englisch geschrieben und da sich der Prozess des Übersetzens so unnatürlich anfühlte, haben wir es dieses Mal einfach nicht gemacht.

"Krone": Im Video zu eurer Single "Girl Got A Gun" sieht man ein masturbierendes Plüschtier und viele sexuelle Andeutungen. Beim Video zu "Love To Love You Back" knutscht du wahllos mit Männern und Frauen herum. Ist das eine Notwendigkeit, um nach der langen Abwesenheit wieder herauszustechen?
Kaulitz: Das haben wir uns nicht wirklich vorgenommen. Viele Leute glauben sicher, dass das alles Kalkül ist, aber wir treffen nur die kreativen Entscheidungen in den jeweiligen Momenten. Wir überlegen uns keinesfalls bestimmte Provokationen, sondern waren eher über diese Diskussionen erstaunt. Das hat uns absolut überrascht. Wir versuchen keine Skandale zu kreieren, sondern machen einfach alles so, wie wir es cool und geil finden. Die Leute können dann damit machen, was sie wollen.

"Krone": Ist doch schön, wenn ihr überhaupt polarisieren könnt. Das ist heute doch gar nicht mehr so einfach.
Kaulitz: Ja, das stimmt. Es gibt so viele krasse Sachen von anderen Künstlern – manche haben zum Beispiel an ihrem Körper noch nichts, was sie nicht schon gezeigt hätten. Allein deshalb hätte ich nicht gedacht, dass über unsere Videos diskutiert wird.

"Krone": Weil wir eingangs schon über die unterschiedlichen Rezeptionen gesprochen haben. Eine wenig schmeichelhafte Kritik kam von der "Süddeutschen": "Es ist so, als hätte David Guetta mit einer E- Gitarre auf einem iPad aufgenommen." Wie sehr berührt euch so etwas?
Kaulitz: (lacht) Eine Kritik kritisiert ja meistens. Etwas Positives kommt da selten raus, oft sind einzelne Journalisten ja einfach nur sauer, dass sie kein Interview von uns bekommen haben. Oft waren es in der Musikgeschichte die besten Alben, die von Journalisten nach Erscheinen schon mal verrissen wurden. Im Endeffekt schreibt das ein einziger Mensch und deshalb berührt uns das auch nicht sonderlich – wir lesen uns so etwas gar nicht mal durch.

"Krone": Nach dem dritten Album "Humanoid" seid ihr 2009 fluchtartig nach Los Angeles ausgewandert, weil der Rummel um euch in Deutschland unerträglich war. War dieser Schritt notwendig, um in Ruhe erwachsen werden zu können?
Kaulitz: Der Umzug war in jedem Fall im kreativen Prozess, als auch für unser Privatleben nötig. Nach "Humanoid" wussten wir gar nicht, was wir noch sagen sollten, wir waren total leer und hatten überhaupt keine Inspiration mehr. Wir mussten von der Karriere etwas Abstand kriegen und mal eine Weile gar nichts machen. Wir haben versucht, unser Privatleben auf die Reihe zu kriegen und das ist auch notwendig, um überhaupt Musik zu machen. Natürlich hätten wir locker ins Studio gehen und irgendetwas aufnehmen können, aber wir hatten den Anspruch, etwas Geiles zu machen, und sind selbst unsere härtesten Kritiker. Wir wollten nicht etwas hinschleudern, um einfach nur den Vertrag zu erfüllen. Wenn man dann aber – so wie wir jetzt – alles selbst in die Hand nimmt, dann dauern manche Sachen einfach ein bisschen länger.

"Krone": Es gab Zeiten, da konntest du den Namen Tokio Hotel nicht einmal mehr hören. Wie lang hat es gedauert, bis Energie und Motivation wieder zurückgekehrt sind?
Kaulitz: Das nahm schon einige Zeit in Anspruch. Wir hatten das Gefühl, die ganze Zeit unterwegs zu sein und nie eine Pause gehabt zu haben. Damals rückten auch so viele Privatgeschichten von uns in den Vordergrund und das nahm im Vergleich zu unserer Musik eindeutig Überhand. Das hat uns überhaupt nicht gefallen und in erster Linie wollten wir uns einfach aus den Medien zurückziehen. Das war die viel größere und schwierigere Aufgabe. Keine privaten Skandale, kein Blödsinn, keine Interviews und keine Fotos. Das war nicht einfach, das auch so durchzuziehen. Das Musikmachen vermisst man dann aber relativ schnell und nach etwa eineinhalb Jahren haben wir in unserem selbstgebauten Studio wieder geschrieben und produziert. Es hat dann nicht lange gedauert, bis die Lust wiederkam, aufzutreten und unsere Musik mit den Menschen zu teilen.

"Krone": Gab es bei euch schon Wesensveränderungen? Wie amerikanisch seid ihr mittlerweile geworden?
Kaulitz: Also die ganzen Amis sagen immer, wir wären typisch deutsch. Wir sind immer pünktlich, superlässig und mit allem sehr korrekt. Das fällt glaube ich schon auf, dass wir uns das Deutsche auch in den USA bewahrt haben.

"Krone": Habt ihr jetzt wieder ein entspannteres Verhältnis zu eurer alten Heimat?
Kaulitz: Wir hatten eigentlich nie ein schlechtes Verhältnis und mögen Deutschland total gerne. Könnten wir ungestörter in Deutschland leben, wären wir auch hier – Georg und Gustav leben nach wie vor hier und wir haben alle ein sehr gutes Verhältnis zu unseren Eltern und unseren Familien. Eigentlich gibt es da überhaupt keine Probleme.

"Krone": Ein derartiges Comeback muss natürlich auch mit einer anständigen Tour begleitet werden. Was können wir da für 2015 erwarten?
Kaulitz: Wir sind gerade dabei, die Tour zu planen, und ich denke wir werden ab dem Frühjahr das ganze Jahr über live spielen. Wir wollen in alle Länder fahren und uns wieder kräftig zurückmelden.

16.10.2014, 10:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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