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04.12.2016 - 22:02
Foto: The Sweet

The Sweet: "Wir fielen überall ein wie eine Armee"

30.07.2016, 17:00

Sie haben in ihrer Karriere mehr als 55 Millionen Alben verkauft und hatten weltweit 34 Nummer- eins- Hits, dennoch fungiert das britische Glam- Rock- Kollektiv The Sweet in der Musikhistorie nur unter "ferner liefen". Andy Scott ist nach zahlreichen Todesfällen und Streitereien das letzte verbliebene Ur- Mitglied und tourt mit einer mittlerweile konstanten Besetzung unermüdlich durch Europa - zuletzt auf der Burg Clam und in Eisenstadt. Wir haben uns mit dem sympathischen und altersweisen Musiker getroffen, um mit ihm über die provokative Vergangenheit, das Pech des fehlenden Ruhms und unbedachte Wortmeldungen zu unterhalten.

"Krone": Andy, ihr habt mit alten Freunden wie Deep Purple oder Ten Years After zwei Gigs in Österreich auf der Burg Clam und in Eisenstadt bei den Lovely- Days- Festivals gespielt...
Andy Scott: Oh ja, und zwar verdammt früh. Das sind wir normalerweise gar nicht gewohnt, dass wir um 16 Uhr auf die Bühne müssen, das passiert uns maximal beim Glastonbury Festival. (lacht) Aber so viel Rockstarleben gibt es bei uns nicht mehr. Ich halte mich kaum mehr bei den Venues auf. Wir kommen kurz vor dem Konzert und sind danach auch gleich wieder weg, alles andere wäre meinem Lebensstil nicht zuträglich. Die Jungs von Deep Purple kenne ich schon seit den 60er- Jahren und ich habe Sänger Ian Gillan vor Ewigkeiten in London sogar ein Aufnahmestudio abgekauft.

"Krone": The Sweet hätten schon im Herbst 2015 und dann noch einmal im Mai diesen Jahres Indoor- Shows in Wien spielen sollen. Beide Konzerte wurden abgesagt - weißt du warum?
Scott: Ich glaube das Konzert hätte im Gasometer stattfinden sollen, bin mir aber nicht sicher. Es gab Schwierigkeiten beim Veranstalter oder der Venue und irgendwie ist das nie passiert, also hatten wir dann auf Tour einen freien Tag. Das war die geplante Herbstshow, von der im Mai weiß ich jetzt auch nichts. Das entzieht sich gerade meiner Erinnerung. Shit happens! Ich hoffe, dass es dabei nicht nur ums Geld ging. Wir würden gerne eine Wien- Show spielen. Da müssen aber auch die Promoter anziehen, sonst geht sich das nicht aus. Wir werden sehen.

"Krone": Das ist interessant, denn eigentlich firmieren die ganzen Sweet- Konzerte in Europa ja gerade als große Abschiedstour, da du angekündigt hast, dich vom Livespielen zurückziehen zu wollen.
Scott: In der Hitze des Gefechts sagt man Dinge, die man im Endeffekt vielleicht nicht so meint. 2015 haben wir mehr als 100 Livekonzerte gespielt und am Ende des Jahres war ich total fertig, mein Gesundheitszustand eher bedenklich. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich jeden Abend bei McDonalds gegessen habe, weil wir meist gegen 21 Uhr auftraten und es danach keine Möglichkeiten mehr gab, sich vernünftig zu ernähren. Ich habe mich zu falschen Zeiten mit den falschen Sachen ernährt und mein Leben war genauso, wie der eine Song, den ich mit Suzi Quatro schrieb: "Late Nights And Early Flights". Ich wollte einfach nicht mehr so touren. Fünf Shows in Serie und dann ein freier Tag, wo du nur im Bus sitzt. Das ist nicht mehr meins. Seit 2016 touren wir bewusster. Wir spielen ein paar Tage und sind dann wieder lange daheim und genau so will ich das haben. Ich wollte das in der Band nie so klar ausdrücken, aber es war gut, dass wir das untereinander vernünftig ausgesprochen haben. Für die Veranstalter ist das System nicht optimal, aber ich brauche einfach mehr Pausen zwischen den Shows. Das Problem ist dabei, dass wir nicht die Größe eines Paul McCartney haben. Er kann acht Wochen auf Tour gehen und in dieser Zeit sechs Konzerte spielen - das geht bei uns unmöglich. Sechs Wochen bedeuten bei uns 30 Shows.

"Krone": Wie hast du deinen Lebensstil heuer verändert? An welchen Schrauben hast du bei dir gedreht?
Scott: Das war notwendig. Ich trinke viel weniger Alkohol, esse mehr Gemüse und Obst. Jeder weiß das, aber keiner hält sich wirklich daran. Ohne Proteine und Kohlenhydrate könnte ich keine Shows mehr spielen. Auf der Burg Clam hat mir beispielsweise die Sonne 50 Minuten lang genau ins Gesicht gestrahlt und das ist wirklich extrem ermüdend. Eine gesunde Ernährung ist da unabdingbar.

"Krone": Du bist mit The Sweet mittlerweile 45 Jahre unterwegs und wirkst dafür extrem fit.
Scott: Ich habe wohl viel Glück. Der Alkohol war schon in den Frühzeiten der Band kein großes Thema für mich. Ich trank nie sonderlich viel, auch wenn ich sicher kein Engel war. Mein wichtigster Part in The Sweet war die Musik und dass die Konzerte allesamt ein Erlebnis sein würden. Brian Connolly und Mick Tucker waren hervorragende Musiker und Steve Priest der Stabilisator der Band in unserer goldenen Ära in den 70er- Jahren. Irgendwann sind wir draufgekommen, dass Steve nach den Shows niemals mit uns mitging, sondern immer in seinem Zimmer blieb. Ich habe mich oft gefragt warum und was er da macht. Möglicherweise kommt die Wahrheit eines Tages an die Oberfläche.

"Krone": Ein Engel hättest du nie sein können, immerhin galten The Sweet damals als die Urväter der Punk- Bewegung, lange bevor Punk seinen großen Siegeszug antrat. Siehst du das auch so?
Scott: Wenn The Sweet damals in eine Stadt einfielen, war das wie eine ganze Armee. Wir waren acht Leute in der Band und nochmal acht in der Crew und wenn wir dann noch unterwegs waren, lief die Party oft aus dem Ruder. Wenn uns irgendwann jemand nicht mochte oder ein Problem mit uns hatte, war mir das egal - ich habe meine Crew vorgeschickt, die immer alle Probleme löste.

"Krone": Wart ihr ein gefürchteter Haufen?
Scott: Ich weiß nicht, ob Furcht das richtige Wort ist, aber wir brauchten damals einen Schutz. The Sweet waren eine dieser Bands, die du entweder geliebt oder gehasst hast, da gab es nicht viel Zwischenraum.

"Krone": Ihr habt damals gerne provoziert, etwa Steve, der damals eine Hakenkreuz- Armbinde trug - auch hier wieder lange, bevor es die britischen Punks salonfähig machten.
Scott: Das war ein Witz. Wenn du genau hinsiehst, ist es nicht das Nazi- Swastika, sondern das originale, das "Friede" bedeutet. Provozieren wollten wir natürlich immer, das war uns wichtig. Wie weit können wir gehen? Das wollten wir immer herausfinden. Drei bis vier Jahre hatten wir damit die Vorherrschaft, bevor die Punks uns mit derselben Symbolik abgelöst hatten. Damals war das fast Usus, weil es alle gemacht haben.

"Krone": Bist du ein Nostalgiker? Denkst du oft und gerne an die unbeschwerten Zeiten zurück, als ihr von Erfolg zu Erfolg geeilt seid?
Scott: Ich versuche das zu vermeiden, weil ich ein Leben haben will, das nicht auf den Träumen der Vergangenheit fußt. Wir haben heute eine gute Band und touren viel, aber natürlich können wir die Vergangenheit niemals abstreifen. Ich bin jedenfalls jemand, der niemals seine Vergangenheit verleugnen oder sie abstreiten wird, ich finde das dämlich. Wie kannst du heute ein Leben führen, wenn du dein früheres Ich verleugnest? Es gibt viele Leute in der Musikindustrie, die das so machen. Das inkludiert bei mir auch David Bowie, der seine Charaktere immer wieder neu erfand und abstreifte und nie mehr darauf einging. Zuletzt war er ein weißer Soul- Boy, aber in den 70ern war er noch ein deutscher Punk in Berlin - ich kann das einfach nicht nachvollziehen. Du hast Fans da draußen, die bestimmte Phasen deiner Karriere mögen und die solltest du zufriedenstellen und ihnen nicht vor den Kopf stoßen. Bei Festivals spielen wir natürlich alle Hits, darum geht es doch. Es macht Spaß und es ist nicht unsere  Einzelshow. Die Leute sind nicht nur für uns hier und sie erwarten sich eine Stunde mit den größten Klassikern - und die kriegen sie auch.

"Krone": Findest du nicht auch, dass The Sweet einer der am meist unterschätzten Rockbands aller Zeiten sind? Ihr hattet insgesamt 34 Nummer- eins- Hits, aber niemals einen Kultstatus wie viele andere Bands aus dieser Ära.
Scott: Das ist nicht ganz falsch, wir wurden nicht immer ganz so geschätzt. Aber darüber schauen wir hinweg, denn würde ich jeden Tag darüber nachdenken, wäre ich nur wütend und verbittert. Wer weiß was noch kommt? Vielleicht sind wir irgendwann doch noch die großen Champions, können in die Rock And Roll Hall Of Fame einziehen? Solange noch einer von uns am Leben ist, wird er diese Hoffnung sicher nicht aufgeben.

"Krone": In den 70er- Jahren hattet ihr dauerhaften Erfolg, in den 80ern ging dann überhaupt nichts mehr und die Band wurde relativ bedeutungslos. Was ist damals passiert?
Scott: Wir waren im Prinzip keine Band mehr. 1981 zog Steve nach Amerika und wollte uns alle dort haben, aber ich bin mit Leib und Seele Europäer und wollte nicht umsiedeln. Zu dieser Zeit hat sich die Kreativität verändert und wir sind aus unseren Rollen hinausgewachsen. Unser letztes Album wurde von Polydor veröffentlicht und es war noch nicht einmal der finale Mix erledigt. Mein Manager wollte sich dann beschweren und ich wollte das Album noch einmal mixen lassen und dann brach alles zusammen. Wir hatten eine England- Tour geplant, aber kein neues Album am Start. Zum Glück haben sich diese Shows noch verkauft, aber dann war es vorbei mit der Originalband. Wir waren dann vier Jahre weg und seit 1985 spielen wir wieder in veränderter Besetzung.

"Krone": Steve Priest hat in den USA auch eine Band namens The Sweet, die er dort so vermarktet wie du deine übriggebliebene Originalversion hier in Europa. Ärgert es dich, dass er das so durchgezogen hat?
Scott: Ich kann mich dazu nicht wirklich äußern, denn bis auf den US- Markt habe ich für überall alle Rechte und Trademarks auf die Band The Sweet. Die USA sind mir zu kompliziert, du kannst dort nur alles besitzen, wenn du wirklich extrem viel Geld investierst, das ich nicht habe. Nur so kannst du das Copyright auf alles kriegen. Ende der 90er- Jahre haben wir aufgehört dort zu touren, weil wir einfach nicht erfolgreich waren und nichts weiter ging. Es war eine Mischung aus großen Clubs und Mini- Open- Airs. Wir hatten zusammenhängende Touren an der Ost- und Westküste, die viel Spaß machten, aber wir haben überlegt, warum wir dort noch auftreten sollten, wenn uns die Menschen in Europa wirklich hören wollen. Das war für uns der Knackpunkt, eine Veränderung einzuleiten. Um ehrlich zu sein - ich habe nie verstanden wie Steve, damals im Alter von 61 oder 62, noch einmal von vorne beginnen wollte und das ohne mich. Es wundert mich nur. Wir sind aber nicht die Band, die jemand anderen verklagt. Es wäre mir zwar lieber, wenn er seine Band nicht The Sweet nennen würde, aber da wir zwei Märkte bedienen, sehe ich darüber hinweg. Es ist leider oft verwirrend - auch für Veranstalter. Oft wollte man uns buchen und landete auf der Homepage von Priest's The Sweet. Es ist sogar mal passiert, dass wir im Nachhinein ein Mail bekamen, warum wir so schlecht seien, es sich dabei aber gar nicht um uns handelte. (lacht)

"Krone": Du bist auch ein Riesenfußballfan und unterstützt Wales seit jeher. Im Herbst spielt dein Team in der Qualifikation zur WM 2018 gegen Österreich.
Scott: Eure EM war nicht so gut wie unsere oder? (lacht) Wir waren sensationell und besser als England. Was mich im Nachhinein nervt - das einzige Spiel, das Portugal wirklich gut spielte, war ausgerechnet gegen uns. Die Portugiesen sollten gar nicht im Finale stehen und verdienen den Titel noch viel weniger. Aber gut, so ist das leider in diesem Sport.

30.07.2016, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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