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29.05.2017 - 00:13
Foto: Kenneth Cappello

The Kills: "Wir müssen den Leuten Musik wegnehmen"

01.11.2016, 17:00

Alison Mosshart und Jamie Hince sind als The Kills zweifellos das coolste Indie- Garage- Rock- Duo, das derzeit über den Planeten tourt. Mit ihrem neuen Album "Ash & Ice" und einem famosen Auftritt beim Frequency Festival im Sommer, machten sie auch die Probleme der letzten Jahre vergessen. Jamie Hince machte eine leichte Fingerverletzung lange so arg zu schaffen, das er fast seine Hand verloren hätte. Nun ist alles wieder gut - zumindest gesundheitlich, denn im "Krone"- Gespräch zeigten sich die beiden sympathischen Frohnaturen sehr nachdenklich bezüglich der Zukunft der Popmusikbranche.

"Krone": Alison, Jamie - zwischen eurem letzten Album und dem aktuellen "Ash & Ice" sind fünf lange Jahre vergangen. Wart ihr so stark mit anderen Projekten beschäftigt?
Alison Mosshart: Es war niemals der Plan, so lange zu brauchen, aber Bands und Musiker wie wir lassen sich von der Kreativität leiten und da es momentan nicht mehr viel im Musikgeschäft zu holen gibt, müssen wir hauptsächlich touren und dabei live spielen. Wir waren etwa zwei Jahre mit dem Vorgängeralbum unterwegs - eigentlich ist das die normale Mathematik des gegenwärtigen Musikgeschäfts.
Jamie Hince: "Blood Pressures" betourten wir bis etwa 2014 und dann passierte der Unfall mit meinem Finger, den ich mir eingezwickt habe, was unglaubliche Folgeprobleme nach sich zog. Genau zu diesem Zeitpunkt wollten wir eigentlich mit dem neuen Album beginnen. Meine Verletzung hat uns dann aber eineinhalb, wenn nicht sogar zwei Jahre zurückgeworfen.
Mosshart: Mit dem Material waren wir schnell fertig. Nach etwa vier Monaten war alles gemixt, aber die Plattenfirma wollte sich bis zur Veröffentlichung etwa noch einmal so lange Zeit lassen. So ist das heute eben, da kann man nicht viel dagegen machen. Ich mag diesen entschleunigten Prozess aber auch, die Freiheit, nicht alle zwei Jahre etwas herausbringen zu müssen. Aber klar, wenn wir jetzt alle hoffentlich gesund bleiben, sollte das nächste Album keine weiteren fünf Jahre mehr entfernt sein. Das Musikgeschäft ist heute sehr interessant geworden. Es ist alles teurer und wir haben immer weniger Einnahmen - du musst mit deinem Budget extrem gut balancieren.
Hince: Die künstlerische Freiheit gerät immer mehr ins Hintertreffen, weil der finanzielle Druck heute massiv ist. Das ist der einzige Druck, der mich besorgt. Verkaufszahlen an sich und kreative Schübe, die manchmal ausbleiben, verunsichern mich nicht. Aber die gesamte Finanzlage in diesem Geschäft bringt mich zum Grübeln. Zu lange für Alben zu brauchen, bringt auch finanzielle Einbußen mit sich. Das ist jetzt natürlich eine gute Nachricht für alle unsere Fans, denn dadurch müssen wir uns künftig wirklich ranhalten. (lacht)

Fühlt ihr euch in eurer kreativen Arbeitsweise manchmal auch limitiert, weil es heute so stark ums schnelle Geld geht?
Hince: Wir haben beide nie auf großem Fuß gelebt, aber wenn du keine Alben mehr verkaufst und mit dem Streamen nicht einmal ein Mittagessen bezahlen kannst, dann machst du dir natürlich Gedanken darüber, wie du noch von deiner Kunst leben kannst.
Mosshart: Wir leben hier in einer interessanten Zeit. Ich will sie nicht komplett verteufeln, denn es hat sich schon oft viel geändert und man muss eben Auswege finden. Aber es ist klar zu sehen, dass die Kreativität vieler Künstler unter dem finanziellen Druck leidet. Die Dinge haben sich enorm geändert.

Ihr seid immer noch auf einem Indie- Label und nicht bei einem großen Major. Diese haben sich auch längst umgestellt und lukrieren mit den 360- Grad- Verträgen auch Geld aus Liveshows ihrer Künstler.
Mosshart: Wenn du darauf einsteigst, dann kannst du dir eigentlich gleich den Fuß wegschießen. Wenn du deinen Künstlern auch noch bei ihren Konzerten etwas abknöpfst, dann hat das nichts mehr damit zu tun, dass sie an dich und deine Kunst glauben.

Das Streamen ist mitunter auch eine direkte Entwicklung aus der Tatsache, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen immer kürzer wird und ganze Alben fast schon veraltet wirken…
Mosshart: Du musst den Menschen da draußen wirklich alles wegnehmen, und zwar so lange, bis sie schätzen was sie an dir und deiner Kunst haben, weil sie dann eben nicht mehr frei zugänglich ist. Das klingt hart, ist aber wohl die einzige Lösung. Vielleicht beschreiten wir mit unserem nächsten Album auch neue Wege und verzichten komplett auf traditionelle Vorgehensweisen? Vinyl verkauft sich wieder stärker, okay, aber das ist auch nur ein Trend, der wohl wieder endet. Das große Bewusstsein für Musik und die Arbeit, die dahintersteckt, das ist weg.
Hince: Wir alle versuchen verzweifelt neue Wege für Musik zu finden. Ich finde die Aktion von Frank Ocean genial. Jahrelang hat er an der perfekten Marketing- Strategie gearbeitet, hat das Album versprochen und es kam nie. Plötzlich gab es einen Trailer und dann war auch schon das ganze Album da und die Leute waren verunsichert. Kann das echt sein? Verarscht er uns jetzt? Genial oder? Das hat einfach gesessen. Das Ding ist extrem eingeschlagen und er hat etwas Neues versucht.
Mosshart: Im Endeffekt war es ein Statement. Er hat einfach ein Album rausgeworfen, mit einem beneidenswerten Selbstvertrauen und dem Wissen, dass die Strategie klug war. Ich finde das total lustig, weil er die Leute komplett verwirrt hat. (lacht)
Hince: Interessant ist ja auch, dass die Leute offensichtlich wirklich Probleme damit haben, eine Stunde lang ein Album zu hören, aber locker zwei Stunden lang etwas sehen können, das mit Musik hinterlegt ist. Filme funktionieren noch immer.

Wird das Visuelle in Zukunft wichtiger? Müssen Künstler ihre Alben sozusagen sichtbar machen?
Mosshart: Für richtig gute, professionelle Videos haben nur mehr die allergrößten Künstler das Budget. Alle anderen müssen ohnehin alles online stellen und gratis zur Verfügung stellen, damit es überhaupt Aufmerksamkeit lukriert. Videos sind aber extrem wichtig, die Leute kommen heute immer noch über Videos zu deinen Songs. Ich liebe es auch, Videos zu machen, aber ob sie die große Zukunft sind?

Habt ihr aufgrund der prekären Lage im Musikgeschäft schon einmal daran gedacht, eure Brötchen mit einer anderen Form der Arbeit zu verdienen?
Mosshart: Wir sind ja nur zu zweit, was ein unheimlicher Vorteil ist. Wären wir eine vierköpfige Band, könnten wir schon kaum mehr davon leben.
Hince: Wir machen das jetzt seit 15 Jahren und haben uns der Gegenwart immer angepasst. Die Welt war 2002 eine ganz andere als heute, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wir haben uns immer mit den Strömungen treiben lassen und versucht, nicht den Anschluss an die Moderne zu verlieren. Das muss man, wenn man als Musiker überleben will. Es ist eine Schande, denn es gibt nur ganz wenige Geschäftsbereiche, wo die Leute mittlerweile davon ausgehen, dass sie ohnehin alles kostenlos bekommen. Das kann so nicht weitergehen. Ich kann es den Menschen nicht einmal verübeln, denn gewisse Firmen haben sie mit ihrer Fehlpolitik dahin erzogen.
Mosshart: Ich liebe den Gedanken in einer Welt zu leben, in der Menschen ihr ganzes Herzblut in ihr Handwerk und ihre Kunst stecken und dafür auch gerecht entlohnt werden. Ich hoffe einfach, dass sich die jungen Bands nicht vom Markt einschüchtern lassen und trotzdem ihr Ding durchziehen.

Was auch nicht leicht ist, denn junge Musiker haben oft schon drei Jobs, damit sie samt Musik über die Runden kommen - was natürlich wieder zu Lasten der Kreativität geht.
Mosshart: Es ist einfach unendlich wichtig, dass die Menschen wieder schätzen lernen, was Musiker alles auf sich nehmen, um den Leuten eine Freude zu bereiten oder sie musikalisch durch ihr Leben zu begleiten. Aber live geht das noch. Nichts übertrifft das Erlebnis eines Austausches zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen dieser Interaktion - das ist der Grund, warum so viele nicht aufgeben. Die Leute wollen auf die Bühne und für Leute spielen. Wir müssen das auch schätzen lernen, trotz der vielen Widrigkeiten.

Wie hat sich denn eure Beziehung zueinander innerhalb dieser 15 Jahre bei den Kills verändert oder entwickelt?
Hince: Das ist immer wie bei einem Vorstellungsgespräch. Wenn dich jemand fragt, wo du dich in fünf Jahren siehst, hast du meistens keine Ahnung. Woher auch? Und wir wussten anfangs auch nicht, wie sich die ganze Sache fünf Jahre später anfühlen würde. Es fühlt sich heute grauenhaft an. (lacht)

Die großen Kulturunterschiede zwischen England und den USA fallen nicht stark ins Gewicht?
Hince: Heute gibt es glücklicherweise viele Dinge, die über eine Kultur oder Nationalität hinausragen. Musik ist ein ganz wichtiger Teil davon. Wir teilen uns viele Einflüsse aus unterschiedlichen Kulturen, die uns als Zwei- Mann- Band ausmachen.

Alison, du bist in Florida geboren und aufgewachsen und dann später nach Nashville gezogen. Wie viel von diesem alten Klischeegedanken, dass diese Gegend die Hauptstadt aller amerikanischen Musik wäre, stimmt heute noch?
Mosshart: Da stimmt eigentlich noch alles. Es gibt in der Stadt keinen Bereich, der so viele Arbeitsplätze besorgt und hält und wirtschaftlich auch nur ähnliche Umsätze lukriert, wie die Musik. Es gibt in jeder Ecke Live- Musik, das ist wirklich verrückt. Nashville war musikalisch schon immer interessant und heute gilt es international als Rock- 'n'- Roll- Mekka. Es ist schön zu sehen, dass ich ein Teil davon bin. Lange Zeit ging es hier nur um Country- Musik, aber heute boomt auch alles andere.
Hince: Es ist ein konstanter Fluss. Es ist fast so, als ob Nashville ausschließlich musikalische Leute anziehen würde. Nimm nur mal Sheryl Crow, Taylor Swift oder die Kings Of Leon als Beispiel - es ist eine unendliche Liste an Musikern, die in ihren Bereichen bahnbrechend waren oder sind. Ich verstehe das schon fast nicht mehr, das ist mir eigentlich zu viel. (lacht)
Mosshart: Sie lieben Musiker in dieser Stadt und es gibt keinen Job dort, der mehr Respekt einbringt, was für unsereins natürlich nicht gerade von Nachteil ist. (lacht)

Ist es für deine Kreativität auch wichtig, in einer so musikalisch interessierten Gegend zu leben?
Mosshart: Ich lebe einfach gerne in großen Städten, wo es Konzerte gibt und viel passiert. Rein vom Schreibprozess her würde ich dem nicht so viel Bedeutung zumessen. Ich glaube, ich könnte auch irgendwo anders meine Songs schreiben. Aber wo kriege ich dann schnell einen neuen Verstärker her, wenn meiner durchgebrannt ist? Wer besorgt mir am Land Saiten, wenn meine gerissen sind?
Hince: Für mich ist so eine Umgebung sehr wichtig. Ich brauche einfach den Lärm und auch die Betriebsamkeit eines Umfelds, das mich zu Songs forciert. Wenn ich mitten im Nirgendwo lebe, nahe dem Meer, dann hat das einen massiven Effekt auf meine Musik. Wir sind aber nicht die Typen für dieses Einsiedlerdasein. (lacht)

Die Jungs von Biffy Clyro etwa bewegen sich absichtlich nur zum Albumproduzieren und auf Tour in große Städte. Ansonsten sind sie alle ziemlich abgeschieden im tiefsten Schottland zuhause.
Hince: Das funktioniert bei vielen Leuten viel besser in dieser Form. Ich brauche aber immer Lärm, ich brauche Bewegung und Veränderungen in meiner Umgebung. Ich muss mich so fühlen, als ob ich nicht stehenbleibe und die Leute mich pushen - auch wenn es real gar nicht so ist.

Wird es für euch nach fünf Alben zunehmend schwieriger, neue Ideen für den Kills- Sound zu finden?
Mosshart: Die Trauben hängen immer höher, das ist klar. Keiner will sich die ganze Zeit selbst wiederholen, sondern versuchen, sich im eigenen Soundkosmos zu bewegen und dennoch neue Einflüsse zuzulassen. Man will jedes Album und jedes Konzert besser machen - das hält frisch. Ich glaube nicht daran, dass es etwas wie eine vollkommene Zufriedenheit überhaupt gibt und das ist sehr gut so.

"Ash & Ice" finde ich im Vergleich zu euren älteren Alben wesentlich atmosphärischer, lebensbejahender und freundlicher. Es fehlt ein bisschen von dieser kompromisslosen Rauheit.
Hince: Es gibt auch in den neuen Songs Momente - hauptsächlich bei meinen Songs - die sich irgendwie bereits bekannt und familiär für uns anfühlen. Manchmal fühlt es sich so an, als ob die falsche Band die richtigen Songs schreibt. (lacht) Wir wollten immer so sein wie PJ Harvey. Eine Band, der es nicht nur um die Musik geht, sondern um das große Ganze. PJ Harvey kann genauso gut ein Hardcore- wie auch ein Streicherquartett- Album aufnehmen und es würde immer passen. Das ist eigentlich unser Ziel. (lacht)

Fällt es euch beim Songschreiben leicht solche Ideen zu haben, die dem anderen auf Anhieb gefallen?
Mosshart: Das ist der interessanteste Part bei uns, der auch viel Zeit kostet. Du musst einfach die magische Balance finden. Das ist oft sehr lustig, denn manchmal zündet etwas sofort und ein anderes Mal brauchst du ewig dafür.

Irgendjemand muss am Ende ohnehin das letzte Wort haben.
Hince: Es ist super, wenn Songs schön und schnell funktionieren, aber manchmal soll das gar nicht so sein. Da wäre es besser, wenn man verkopfter an die Sache rangeht, um die Dinge frisch und interessant zu halten. Songs können oft eine große Last sein, man kann einen Partner damit sogar beleidigen. Auch wenn es nur ein fucking Song ist, er kann zu Krisen führen. Zum Glück so gut wie nie bei uns. (lacht)

01.11.2016, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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