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09.12.2016 - 07:04
Foto: Zoe Fotografie

Texta: "Wir sind Hättiwaris und Opportunisten"

25.04.2016, 17:00

Sie sind die Urgesteine des heimischen Hip Hop und begeistern seit 1993 Fans im In- und Ausland. Dass Texta nach dem Skero- Abgang 2013 zum Quartett geschrumpft sind, tat weder der Kreativität noch der Qualität einen Abbruch. Mit "Nichts dagegen, aber" halten sie dem Österreicher den Spiegel vor's Gesicht und zeigen, dass nicht immer alles schön und funkelnd glänzt. MC Flip hat sich mit uns über das brandneue Studioalbum, die aktuellen politischen Befindlichkeiten und das Wesen des Österreichers unterhalten.

"Krone": Flip, hr habt euer neues Album "Nichts dagegen, aber" via Crowdfunding finanziert. Habt ihr euren Amadeus- Award jetzt wirklich weggebracht? Hat einer die geforderten 7.500 Euro bezahlt?
Philipp "Flip" Kroll: Also den Amadeus haben wir dann doch nicht angebracht, vermutlich war der Preis zu hoch angesetzt... Aber eigentlich haben wir eh nicht erwartet, dass sich den jemand schnappen wird.

"Krone": Mit der Aktion habt ihr zumindest einen nationalen PR- Coup gelandet, weil ihr es damit auch in Teile der Boulevardmedien geschafft hat. Schon auch bewusstes Kalkül, um neben dem laufenden Schmäh für zusätzliche Aufmerksamkeit zu sorgen?
Flip: Nein, also damit konnten wir tatsächlich nicht rechnen. War schräg, dass wir es damit aufs Cover der "Heute" gebracht haben, aber umso besser, wenn so etwas ungeplant passiert.

"Krone": Die Kampagne habt ihr vorwiegend deshalb gewählt, weil ihr kein drittes Mal eine Unterstützung des österreichischen Musikfonds bekommen habt. Habt ihr den Weg auch für die Unabhängigkeit gewählt? Damit ihr weder von Majorlabels oder sonstigen allumfassenden Krakenarmen in diesem Geschäft festgehalten werdet?
Flip: Ob jetzt jeder Major "Krakenarme" besitzt, möchten wir von Haus aus mal nicht unterstellen, unsere Erfahrungen waren dennoch nicht unbedingt positiv. Aber etwas selber rauszubringen macht insofern Sinn, als man genau entscheiden kann, was passieren soll und was nicht. Aber mit Hoanzl haben wir außerdem einen super Vertrieb hinter uns, der uns bestens supportet bei unseren Unternehmungen.

"Krone": "Nichts dagegen, aber" ist mit Sicherheit das österreichischste all eurer Alben. Selbst alle Samples von Bands wie der EAV, Attwenger oder Kreisky haben einen Österreich- Bezug. Wie entstand zuerst der Grundgedanke, dieses Land und seine Seele als Überthema zu beleuchten?
Flip: Also zuerst waren ein paar Beats mit Österreich- Samples da und dann haben wir im Laufe der Aufnahmen beschlossen, dies als Konzept auszubauen. Aber wenn man schon so ein "patriotisches" Projekt plant, dann war es uns auch wichtig dies inhaltlich zu konterkarieren, was uns glaube ich ganz gut gelungen ist. Es hat jedenfalls Spaß gemacht, sich intensiver mit der österreichischen Musik auseinanderzusetzen.

"Krone": Wie würdet ihr die österreichische Mentalität einem Außerirdischen begreifbar machen? Was macht uns so anders als alle anderen bzw. was macht uns manchmal so verachtenswert?
Flip: Nun, in der Vergangenheit haben sich ja viele Philosophen und Psychoanalytiker mit der österreichischen Seele auseinandergesetzt, was viele dabei herausfanden, ist diese Tendenz zur Neurose, die uns so schön ambivalent gemacht hat. Darum auch "Nichts dagegen, aber" als Albumtitel. Man ist gleichzeitig für als auch gegen etwas. Das können die Österreicher recht gut, wie wir finden.

"Krone": War es in gewissen Passagen schwierig, eure Finger auf offene Wunden zu legen, die man mit unserer Heimat eben gerne verbindet?
Flip: Schwierig würden wir nicht sagen, aber das Ziel war weder textlich eine Verherrlichung noch eine Vernichtung zu schreiben, sondern so etwas wie ein ausgewogenes Bild zu skizzieren, was wir mehr in etwas codierter Form vorgenommen haben. Wenn man das nicht weiß, fällt dieser Österreich- Schwerpunkt bei vielen Songs vermutlich gar nicht besonders auf.

"Krone": Sogar das Cover ist Österreichisch - es stammt nämlich vom legendären Karikaturist Gerhard Haderer. Habt ihr ihn sofort für das Projekt gewinnen können? Gab es von der einen oder auch anderen Seite zwischen euch Vorgaben oder besondere Wünsche für eine Zusammenarbeit?
Flip: Es war schon länger Wunsch von uns, einmal ein Cover von Gerhard Haderer zu bekommen, aber diesmal hat es besonders gut gepasst und zum Glück war er auch motiviert, uns mit einem super Sujet zur Seite zu stehen. Vielen Dank hierfür nochmals!

"Krone": Zu sehen ist ein übergewichtiger Österreicher mit Kreuzketterl um den Hals, gefalteten Händen und einer Kirche in seinen Sonnenbrillen spiegelnd - kann man das Bild als Religionskritik definieren?
Flip: Ja und nein. Dieser Typ, manche sahen ihn auch weiblich, hat einfach Angst und schwitzt, obwohl er ja in dieser herrlichen Landschaft sitzt, darum muss er auch beten und hoffen, dass all das Unglück der Welt nicht auf ihn hereinbricht. Natürlich hat der Katholizismus dieses Land geprägt, das lässt sich trotz der vielen Kircheaustritte nicht leugnen.

"Krone": In der Nummer "Waunimadeng" heißt es etwa "Warum sollten wir das ändern, wir sind Weltmeister im Verdrängen" - spürt ihr das heute in der Gegenwart immer noch so schlimm, wie es früher auch mal war, dieses Verdrängen?
Flip: Verdrängen ist sicher eine Stärke in unserem Land. Wir wollen damit nichts zu tun haben mit all dem Schlechten. Es waren immer die anderen. Ob das jetzt aktuell bei der Hypo Alpe Adria ist, der Buwog- Affäre, Waldheim oder eben dieses Verdrängen das Nationalsozialismus nach dem Krieg, es scheint immer wieder (nicht) zu funktionieren.

"Krone": Sehr wohl geändert hat etwa die Bundesregierung, und hier speziell die SPÖ, ihre Ausrichtung beim Flüchtlingsthema. Wie verfolgt ihr dieses Thema aus eurer Perspektive?
Flip: Eine schwierige Thematik. Schade ist, dass anscheinend kein konsequenter Mittelweg gefunden zwischen Durchwinken und Festung gefunden werden kann. Aber da scheitert halt die gesamte EU daran, insofern ist Österreich nur im Rahmen des "Normalen" unterwegs.

"Krone": In gewisser Weise könnte man ja behaupten, die Regierung würde die Probleme auch gerne verdrängen, was dann wieder sehr gut zu eurem Text passen würde. Fehlt es dem Österreicher per se an Standfestigkeit?
Flip: Ja, wir sind Hättiwaris und Opportunisten.

"Krone": Sind Patriotismus und Nationalstolz bei uns stärker verbreitet als in anderen Ländern?
Flip: Das glauben wir nicht. Bei uns ist er halt vermutlich verkrampfter als in anderen Ländern aufgrund unserer Geschichte.

"Krone": "Alpenraps" ist eine schöne Rückblende auf eure mittlerweile 23- jährige Karriere. War es Zeit für eine kleine Vergangenheitsbewältigung?
Flip: Das war weniger Bewältigung denn ein wohlwollender Rückblick und Shoutout an die östereichische Rapszene.

"Krone": In dem Song besingt ihr auch, dass vor etwa zehn Jahren der Aggro- Rap im Vormarsch war, dann kamen eben Internet- Phänomene wie Money Boy, die einen erklecklichen Teil von Rap- und Hip- Hop- Interessierten für sich gewinnen konnten. Ist diese Entwicklung bedenklich für das Genre?
Flip: Zum Glück läuft im Hip Hop alles in Wellen ab. Sprich: alles hat ein Ablaufdatum. Im Endeffekt lieben Medien den Skandal und das Spektakel und weniger die Qualität und das pusht dann oft weniger talentierte Künstler nach oben, die halt nur gut im Medienumgang sind.

"Krone": Andere Rapper, wie Chakuza und RAF Camora, aber auch Nazar haben sich auch im Ausland in die Charts gespielt, teilweise auch den Umweg über Deutschland genommen - ihr seid dafür die heimischen Hip- Hop- Pioniere. Hättet ihr es vielleicht auch mal auf deren Weg versuchen sollen?
Flip: Nun unsere Alben sind immer auch in Deutschland rausgekommen und wir waren dort immer präsent . Halt weniger im Charts- denn im Hip- Hop- Bereich. Da kennt und schätzt man uns seit unserer Anfangszeit als Qualitätsgarant.

"Krone": Die heimische Saufkultur wird von euch bei "Kopfhelikopter" schön aufs Korn genommen - wie sah denn das bei euch in den jüngeren Jahren aus - Hand aufs Herz?
Flip: Mal besser, mal schlechter. Aber ja, das gehört halt auch irgendwie zur Jugend dazu, Grenzen auszuloten und den Kopf mal rotieren zu lassen.

"Krone": Ein sehr aktuelles Thema ist natürlich der Song "WWW" wo ihr den Wahnsinn des Internets, der sozialen Medien und all der anonymen Poster und Querulanten beleuchtet. Zerstören diese Netzwerke mittlerweile Gesprächskultur und gesellschaftliches Miteinander?
Flip: In gewissem Sinne ja. Wie es scheint, gewinnen doch auch hier wieder die lautesten und dümmsten Kommentarre. Die Demagogen haben jedenfalls das Internet für sich entdeckt und sind bereit, hier die Hegemonie zu erzielen.

"Krone": "Regiert der Wahnsinn wird die Ausnahme zur Regel", lautet die entscheidende Textzeile in diesem Song - ist es mittlerweile schon so weit?
Flip: Zum Glück noch nicht ganz. Aber wir denken, dass wir gerade in einer entscheidenden Phase in Österreich und Europa stecken. Entweder es geht wieder in die Schrebergartenmentalität und in faschistoide Staaten zurück, oder das Pendel schlägt doch noch in ein gemeinsames Miteinander um. Es wird die nächsten Jahre jedenfalls sehr spannend werden.

"Krone": Es gibt den schönen Spruch, man könne in Österreich immer so viel saufen, solange man sich noch zur Arbeit schleppen kann. Hat dieses Land ein gravierendes Alkoholproblem?
Flip: Laut Statistik ja. Da schlagen uns nur die Tschechen beim Bierkonsum, aber sonst sind wir überall ziemlich vorne dabei. Anscheinend muss man sich hier das Leben schönsaufen...

"Krone": In letzter Zeit musstet ihr auch des Öfteren Abschied nehmen - zum Beispiel von Skero, der seit 2013 nicht mehr zum Texta- Kollektiv gehört und somit erstmals auf einem eurer Alben fehlt. Wie hat sich das im Arbeitsprozess ausgewirkt?
Flip: Nun, da er ja in Wien wohnt und gewohnt hat, war Musikmachen immer ein relativ aufwendiger Organisationsprozess. Das hat sich jetzt jedenfalls um einiges vereinfacht. Auch sind vier Köpfe eher einer Meinung als fünf, das ist mal rein mathematisch so.

"Krone": Skero war mitunter auch durch seinen Solohit "Kabinenparty" das schillerndste Mitglied von Texta. Könnte man sagen, dass ihr als Viererbande wieder zusammengerückter seid?
Flip: Womöglich. Wobei das "Kabinenparty"- Ding sicher nicht der Grund der Trennung war.

"Krone": Abschied nehmen heißt es auch von euren Freunden und jahrelangen Wegbegleitern Blumentopf, die ihre Bandkarriere auch ad acta legen. Hat euch diese Entscheidung überrascht und ruft einen das gar die eigene Endlichkeit vor Augen?
Flip: Klar. Überrascht waren wir allerdings nicht, haben wir das doch schon beim Machen unseres gemeinsamen Albums "TNT" gewusst. Aber klar, ein Anfang ist immer besser als ein Ende. Mal schauen wie lange wir noch dabei sein dürfen.

"Krone": Bei euch gibt es aber noch keine Amtsmüdigkeit zu spüren - wie viel Feuer und Elan steckt in Texta heute zum Vergleich Mitte der 90er- Jahre?
Flip: Interessanterweise hat sich der Elan Musik zu machen kaum geändert. Das gehört zu unserem Leben einfach fix dazu. Auch ohne Texta ist jeder von uns musikalisch aktiv, ob in anderen Projekten, als DJ oder was auch immer. Das Feuer brennt noch!

Texta haben bereits einige Release- Shows zu ihrem neuen Album gespielt. Die Chance auf einen Livegig gibt es aber noch beim Heimspiel am 29. April im Linzer Posthof und am 19. Mai im Kremser Kesselhaus. Alle weiteren Infos finden Sie unter www.texta.at .

25.04.2016, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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