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07.12.2016 - 10:34

Sir Tom Jones erweckte den Tiger in sich

29.06.2015, 08:35
4.300 Fans jubelten Sonntagabend "Tiger" Sir Tom Jones in der Wiener Stadthalle zu. Der in Würde ergraute Barde hat mit 75 nichts von seiner stimmlichen Intensität verloren und lieferte ein buntes Programm aus mehr als 50 Jahren Musikgeschichte.

Beim Billy- Boy- Arnold- Cover "I Wish You Would" am Ende des regulären Konzertsets beruft er sich dann doch noch auf seine jungen Jahre und weckt den Tiger in sich. Lässig schwingt er die Hüften, macht ein paar coole Tanzschritte und blinzelt den vielen Frauen in den ersten Reihen vor der Bühne galant zu. Statt fliegender Unterwäsche gibt es anno 2015 zwar nur ein paar schmachtende Grinser zurück, doch in diesem kurzen Moment hat der zum Sir geadelte Tom Jones tatsächlich die Pforte in die glorreiche Vergangenheit geöffnet, als er der vielleicht größte Womanizer der Pop- Welt war.

Gealterter Hit- Lieferant

75 Jahre alt wurde er vor wenigen Wochen, das Haupt ist in Würde ergraut und die Bewegungen während des fast zweistündigen Stadthallen- Konzerts hat er auf ein Minimum zurückgeschraubt, doch wenn sich das Stimmorgan des Walisers in seiner vollen Pracht entfaltet, dann beweist er noch heute in eindrucksvoller Art und Weise, warum er zu den ganz Großen seiner Zunft gehört. Von vielen als schnöder Cover- Künstler verschmäht (ironischerweise musste Joe Cocker nicht so oft mit diesen Vorwürfen vorlieb nehmen), sind es dann aber doch die eigenen Hits, die dem Publikum bis heute im Gedächtnis geblieben sind.

Als etwa zu Ende des ersten Konzertdrittels eine stimmlich hervorragend improvisierte Version von "Sex Bomb" durch die Halle dröhnt, wird es plötzlich blitzhell, weil die Smartphone- Kameras in Rekordtempo in die Höhe schnellen. Mit seiner sechs- bis neunköpfigen Band (je nachdem, ob die Bläsersektion bei den Songs gebraucht wird oder nicht) und einer großen Videowall, welche die lyrischen Inhalte der meisten Songs bildhaft projiziert, zeigt sich Jones bei eher dämmrigem Bühnenlicht keinesfalls altmodisch, zwingt sich aber auch nicht in den grassierenden Jugendwahn der Populärmusikwelt.

Organ mit Sogwirkung

Mit "Burning Hell" und dem bekannten "Mama Told Me Not To Come" startet Jones, gewohnt leger mit Jeans bekleidet, furios ins Set. Die Akustik funktioniert an diesem Abend gut, die Stimme des Briten ist ohnehin über alle Zweifel erhaben. Gerade in den ruhigeren Momenten des opulenten Sets entfacht die "Golden Voice" ihre volle Sogwirkung. "Didn't It Rain", "Soul Of A Man" und vor allem das Leonard- Cohen- Cover "Tower Of Song", das dank Jones' hervorragender Röhre tatsächlich besser als das kultige Original klingt, leben vom grandiosen Organ des Frauenlieblings. Dazu immer wieder die hervorragende Band mit partiellen Einsätzen von Bläsern oder einer Ziehharmonika, wodurch der Auftritt im Gesamtkorsett nicht nur an eine Big Band erinnert, sondern auch für unerwartet viel Swing- und Crooner- Atmosphäre sorgt.

Der Mann ist nach so vielen Ups und Downs im Musikgeschäft längst mit sich im Reinen und muss auch nicht mehr den Hitparaden- Kaspar abspulen. Dem unsäglichen 60er- Kassenschlager "What's New Pussycat?" gewährt er schon seit geraumer Zeit mehr keinen Platz in der Setlist – nicht alle Jugendsünden müssen für lebenslange Unterhaltung sorgen. Ohne große Hits geht's dann aber natürlich doch nicht und bei "It's Not Unusual", dem Schmachtfetzen "Delilah" oder dem schwungvollen "If I Only Knew" brechen schlussendlich auch im Publikum die letzten Dämme – der Kraft der Eingängigkeit kann man sich auch wahrlich schwer entziehen.

Keine Pension in Sicht

Dazwischen bettet er immer wieder ruhige Momente ein, lässt mal nur die Gitarre sprechen, vertraut völlig auf die Intensität seiner Stimmkraft und fordert die Anwesenden mit einer historisch als auch musikalisch bunt gemischten Songliste. Für große Ansprachen und Publikumsinteraktion bleibt dabei keine Zeit, ein paar lobende Worte für Wien und sein Essen und kleine Scherzchen mit der Band sind zwar drin, ansonsten lässt der topfitte Entertainer aber lieber die Musik sprechen. Ein neues Album soll folgen, die Pension ist auf unbestimmte Zeit aufgeschoben. Gut so – der Sir ist auch ohne unfreiwilliges Unterwäschesammeln eine Klasse für sich.

29.06.2015, 08:35
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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