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03.12.2016 - 23:52

Schenk über Krise, Kunst und Witze im Luftschutzkeller

31.12.2011, 17:00
Zu seiner "Fledermaus" tanzten Tausende ins neue Jahr. Im Interview mit der "Krone" spricht Otto Schenk (80) über tröstende Operetten, krisenfesten Humor und seine "hypochondrischen Depressionen".

Bitte einzutreten und sich aufzuhängen! Bei Otto Schenk lacht man schon, bevor der Spaß losgeht. Der 80- Jährige trägt Schwarz von Kopf bis Fuß, nur die Krawatte und die Hosenträger haben ein Muster. Sein Stammplatz ist das alte Sofa in seiner beeindruckenden Bibliothek. "Der Gedanke, dass meine Zeit nicht mehr ausreicht, um all diese Bücher zu lesen, stimmt mich nicht gerade fröhlich."

Er, der Meister des feinen Humors, kann ganz schön finster dreinschauen. Aber sobald er Publikum hat, und da reicht eine Person, blitzt ihm der Schelm aus den Augen. Manchmal springt er auch mitten im Interview auf und spielt spontan einen Sketch.

"Krone": Wie beginnt Otto Schenk das neue Jahr?
Otto Schenk: Wie jeden andern Tag. Ich bin ein sehr großer Gegner von Ritualen, Jubiläen, Festen. Also trink ich meinen Earl Grey. Die "Schenkmischung" vom Schönbichler. Kein Zucker, keine Milch. Alles, was man dazugibt, ermordet den Tee.

"Krone": Schalten Sie nicht das Neujahrskonzert ein?
Schenk: Doch. Ich liebe meine Philharmoniker. Silvester hingegen ist mir ein Gräuel. Die Kracherei, diese Lärmidiotie! Das große Besäufnis! Ich mag auch nicht Bleigießen oder irgendwelchen Glücksfischen den Kopf abbeißen. Ich versuche, fast abstinent zu sein.

"Krone": Wie war das in Ihrer Kindheit?
Schenk: Da gab es zu Neujahr einen Schweinsschädel. Das hat fürchterlich, fast kannibalisch ausgeschaut. Man hat alles gegessen, die Ohren, das Schnauzerl, die Wangerln. Heute esse ich gar nichts am 1., weil mir immer noch schlecht ist von Weihnachten.

"Krone": Sie inszenieren zum Jahreswechsel die "Fledermaus" an der Staatsoper, mit Open- Air- Übertragung. Was haben Sie mit diesem Operetten- Klassiker gemacht?
Schenk: Ich habe eine Antiquität rekonstruiert. Das Bühnenbild ist gegeben und die geniale Musik auch. Das Neue ist die Besetzung. Lauter wunderbare junge Menschen, die mich inspiriert und beschenkt haben mit ihrem Talent.

"Krone": Sie haben einmal gesagt, dass Sie ein altes, träges Mühlrad seien, und dass dieses Rad immer wieder angetrieben werden muss. Tun das die "Fledermaus"- Künstler?
Schenk: Dem Ensemble ist es sehr gelungen, mich in Schwung zu bringen. Mir wird dort jeden Tag gesagt, dass ich mit meinen 80 Jahren eigentlich der Jüngste weit und breit bin. Das hat etwas von einem Nekrolog...

"Krone": Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als es umgekehrt war?
Schenk: Ja. Wir sind an die alten Kollegen mit Vergötterung herangetreten, und sie haben uns wie ihresgleichen behandelt. Am Theater gibt es keine Altersbarriere. Theater ist ein ungeheuer amikaler und toleranter Ort. Schon Goethe hat sich am Theater von der Politik erholt.

"Krone": Das alte Jahr war voller Krisen - von Fukushima bis Euro...
Schenk: Schrecklich!

"Krone": Kann eine "Fledermaus"- Aufführung Zuversicht geben?
Schenk: Orlofsky sagt in der "Fledermaus": Wer sich bei mir nicht amüsiert, dem werfe ich die Flasche an den Kopf. Also: Wer da nicht in die Luft explodiert vor lauter Freude, der hat wahrscheinlich einen kleinen Schaden. Dieses Werk sprüht ja vor Laune und Blamage, vor Liebe und Liebelei, und die Musik ist eine dramatische und lebendige Begleitung des hinreißenden Buches. Die Melodie ist um die Welt gegangen. Es ist ja auch ein derartiges G'riss um die Karten.

"Krone": Also kann man bei Ihnen das ganze Elend vergessen?
Schenk: Das Theater ist für mich eine große "Auch- Anstalt". Man kann sich auch unterhalten, man kann auch Mitleid fühlen, man kann auch hassen, man kann sich auch freuen. Nur den großen Katastrophen wird das Theater nicht gerecht. Wenn ich in die "Fledermaus" blödsinnig Aktuelles hineinpacken würde, zerbricht die Aktualität und das Stück.

"Krone": Hat die Kunst in Krisenzeiten eine andere Funktion?
Schenk: Die Kunst hat immer die Funktion, die Menschen zu trösten, zu begeistern.

"Krone": Aber was gibt es noch zu lachen in Zeiten wie diesen?
Schenk: Genug! Gerade traurige Zeiten fördern die Lachneigung enorm. Wir haben uns in der schrecklichsten Zeit, im Luftschutzkeller während des Krieges, blöde Witze erzählt. Lachen ist eine Möglichkeit, aus der Realität zu fliehen. Das Lachen unterscheidet uns vom Tier. Es ist die menschlichste Eigenschaft, dass wir lachen, und zwar bevor wir verstanden haben, warum. Das ist für mich ein großes Wunder und dieses Wunder hat am Theater seine Heimat gefunden.

"Krone": Wie geht denn ein Komödiant wie Sie mit Krisen um?
Schenk: Man hofft halt. Man hofft, dass es nicht so arg ist, wie die Zeitungen jammern. Man hofft, dass sich irgendwo ein paar g'scheite Experten Gedanken machen. Die Welt ist ja komisch: Der größte Kaufrausch war in dem Jahr, in dem besonders große Unglücke und Schweinereien auf der Geldebene passiert sind.

"Krone": Welche Krise beschäftigt denn Sie ganz persönlich am meisten?
Schenk: Ich bin ehrlich. Ich ärgere mich über den Dreier- Autobus, der nicht mehr durch die Stadt fährt, weil irgendwelche Funzengeschäfte in der Fußgängerzone geschont werden. Das finde ich erbärmlich.

"Krone": Sie schmunzeln.
Schenk: Ich sag das säuerlich schmunzelnd. (lacht) Ich leide darunter, weil ich nicht zur Oper fahren kann, zum Musikvereinssaal mit meinem Autobus. Dabei sind diese Boutiquen eh menschenleer, nur ab und zu schaut halt eine dicke reiche Russin vorbei.

"Krone": Herr Schenk, haben Sie eigentlich auch Humor, wenn Sie allein sind?
Schenk: Nein. Wenn ich allein bin, verfalle ich in hypochondrische Depressionen. Ich habe eine Riesen- Sucht, das, was mir gefällt, zu teilen. Ich werde schon nervös, wenn ich etwas lese, weil ich es dann gleich vorlesen will mit meiner verführerischen Begeisterung. Ich weiß gar nicht, ob ich Talent hab'. Ich fand mich immer ungeschickt und unzureichend.

"Krone": Würde diese Verführung auch vor dem Spiegel funktionieren?
Schenk: Vor dem Spiegel sehe ich einen fremden, schiachen Juden, der mir auf die Nerven geht. Also versuche ich, ein Gesicht zu machen, das ihm nicht ähnlich schaut. Manchmal, wenn eine Auslage spiegelt, erschrecke ich richtig. Oder in der Toilette des "Imperial". Da stehen plötzlich drei fremde, schiache Juden um mich herum.

"Krone": Begegnen Ihnen die auch im Traum?
Schenk: Im Traum misslingen mir Regien, viel mehr als im Leben. Als Kind habe ich geträumt, wie ein Vogel durch die Stadt zu fliegen, das ist vorbei. Jetzt suche ich Handschuhe und finde sie nicht, oder meine Schlüssel brechen beim Aufsperren ab. Ich erzähle das ungern, weil dann träume ich es heute Nacht gleich noch einmal.

"Krone": Wann ist man alt?
Schenk: Immer. Ich war alt, als ich plötzlich nicht mehr in die Volksschule musste, ich war furchtbar alt, als der Krieg begonnen hat. Ich war auch alt, als er zu Ende war. Alt vor Freude, ich hätte sterben können vor Glück, dass keine Bomben mehr gefallen sind und mein Vater am Leben geblieben ist. Ich habe im Leben immer das Gefühl gehabt: Jetzt bin ich alt.

"Krone": Also waren Sie schon älter als jetzt mit 80?
Schenk: Jetzt werde ich direkt jünger.

"Krone": Sind Sie nie müde, bei so viel Arbeit?
Schenk: Die "Fledermaus" war sehr anstrengend. Aber angenehm anstrengend. Ich bin in meiner Jugend trainiert worden, nicht müde zu werden. Deshalb hab ich den Mühlsteinmotor quasi eingebaut. Ich habe ja Monate gehabt, wo ich 52 Vorstellungen gespielt hab'! Alles, was nachher kam, war wie Urlaub.

"Krone": Ihr alter Freund Helmuth Lohner hat mit 72 noch einmal geheiratet. Hatten Sie da die Hände im Spiel?
Schenk: Ich habe nicht verstanden, warum er's nicht tut und so eisern war. Ich glaube, letztendlich hat ihn dann der Herr Konrad überredet. Der hat ihn ja auch zur Firmung gebracht. Da wurde der größte Zyniker, den ich kenne, plötzlich gefirmt. Der Fratz war 70. (lacht) Also da hat er sich allerhand anhören müssen.

"Krone": Sie sind seit 1956 mit Ihrer Renée verheiratet. Wie hält man eine Liebe so lange frisch?
Schenk: Durch Gespräch und Zärtlichkeit. Man muss zur Frau zärtlich sein wie zu einem Hunderl.

"Krone": Müssen Sie sich zu dieser Zärtlichkeit auch manchmal zwingen?
Schenk: Höchstens nach einem Krach. Da bin immer ich als erster wieder zärtlich. Sie ist noch eine ganze Zeit mürrisch, schmilzt aber dann. Das ist ein wunderschöner Moment.

"Krone": Wann haben Sie zuletzt Krach gehabt?
Schenk: Vor einer Viertelstunde. Weil ich bucklig gegangen bin. Da schimpft sie therapeutisch mit mir.

"Krone": Sie haben zur Geldnot am Wiener AKH gemeint: Einige Politiker sollten sich hierher zu einer Gehirntransplantation begeben. Wen haben Sie da gemeint?
Schenk: Ich werde mich jetzt hüten, Vorschläge zu machen! Das war halt so ein Sager. Ich meine ja nicht wirklich, dass einer sich ein Hirn einsetzen lassen soll. Man würde auch nicht so schnell eins finden. Außer von einem andern Politiker vielleicht, und dann sitzt er wieder da.

"Krone": Herr Hawelka ist am Donnerstag gestorben, Jopie Heesters wurde am Freitag beerdigt. Denken Sie manchmal an den Tod?
Schenk: Ich habe immer ans Ende gedacht. Erst der Zweifel am Ewigkeitsdenken ergibt unsere ganze Literatur und Kunst.

"Krone": Glauben Sie, dass es ein leichtes Sterben gibt?
Schenk: Mir hat ein Kollege, der sehr nah am Tod war, gesagt, dass es am Ende plötzlich wunderschön geworden sei. Und mein Onkel, eine furchtbare italienische Zezn, der von der ganzen Familie getröstet werden musste, wenn er sich irgendwo beim Rasieren geschnitten hat, der starb wie ein Held. Hat gelassen seine Münzen verteilt und gesagt: Schaut's doch nicht so traurig! Geweint haben nur die andern.

"Krone": So stellen Sie sich's auch vor?
Schenk: Ich stelle es mir nicht vor, das wäre zu viel verlangt. Das überlasse ich meinen Angstträumen in der Nacht.

"Krone": Was soll bleiben von Otto Schenk?
Schenk: Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränz'. Es soll alles weitergehen, es sollen die anderen spielen.

Otto Schenk: "Es war nicht immer komisch - Notizen aus meinen ersten 80 Jahren"
Schauspieler, Kabarettist, Regisseur, Theaterleiter und Meister des Humors: Otto Schenk erzählt aus seinem Leben.

224 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Maße: 15 x 22 cm, Gebunden, Deutsch Amalthea
ISBN- 10: 3850027074
ISBN- 13: 9783850027076

31.12.2011, 17:00
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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