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05.12.2016 - 18:52
Foto: Sony Music

Santana: "Hippies sind stärker als Panzer"

30.04.2014, 18:03
Carlos Santana gehört zu den größten lebenden Gitarren-Legenden und ist außerdem ein hartnäckiger Förderer des Weltfriedens. Mit seinem brandneuen lateinamerikanischen Album "Corazón" versucht er, an seinen Megaerfolg "Supernatural" anzuschließen. Die "Krone" traf den 66-Jährigen in Madrid zum Gespräch. Dabei verriet der Wahl-Amerikaner viel über die spirituelle Seite seiner neuen Songs, wie man möglichst einfach den Weltfrieden herstellen könnte und warum ihn sich jeder Nachwuchsmusiker als Professor wünschen sollte.

"Krone": Carlos, als Allererstes sticht einem das psychedelisch- bunte Cover- Artwork von "Corazón" ins Auge. Welche Ideen hast du darin verbraten?
Carlos Santana: Das war eigentlich so wie beim Cover zu meinem großen Erfolg "Supernatural" – wir haben einfach alle Ideen zusammengeworfen und eins werden lassen. Insgesamt waren fünf Herren am Artwork für "Corazón" beteiligt. Ich fragte dann: "Wer hat diesen Teil gemacht? Wer hat das Herz gemacht?" Und sie sagten dann immer, dass sie es alle zusammen waren. Es war einfach ein wunderschönes und gut funktionierendes Gemeinschaftsprodukt – ähnlich wie das Album selbst.

"Krone": "Corazón" ist auch dein poppigstes Album seit "Supernatural". Warum bist du jetzt wieder von den Blues- und Jazz- Rock- Pfaden abgerückt?
Santana: Ich mag beide Welten. Zwischen 1973 und 1989 habe ich Musik mit Leuten wie Alice Coltrane, Pharoah Sanders und Wayne Shorter gemacht – das war alles, aber sicher keine radiotaugliche Popmusik. Als wir dann aber mit Produzent Clive Davis in Kontakt gekommen sind, hat er uns die Brücke zu moderner und weltlicher Popmusik gelegt. Die Leute wollten alle einen Song mit mir schreiben und überall wo ich dann hingelaufen bin, habe ich meine Songs gehört. Im Radio, in Shoppingcentern oder in Lokalen. Das war großartig, denn meine Musik wurde für eine verdammt lange Zeit nirgends gespielt. Das ist bei "Supernatural" einfach so passiert und mit "Corazón" verhält sich das nicht anders. Mein Manager Michael kam mit der Idee auf, ein "Supernatural" auf Spanisch zu machen. Wir haben dann praktisch das Skript geschrieben und die Akteure dazugeholt, oder wie es Wayne Shorter formulierte: "Es war, als ob wir einen Film machen würden." Und ich bin der Hauptdarsteller (lacht).

"Krone": "Corazón" bedeutet übersetzt Herz. Komponierst du deine Musik mit deinem Herzen oder doch deinem Kopf?
Santana: Hauptsächlich mit dem Herzen. Wir haben da ein Sprichwort: "Lass deinen Geist nicht dein Gehirn übernehmen." Das bedeutet nichts anderes, als dass du dann an dir selbst zu zweifeln beginnst. Das Herz spielt damit und besteht nur aus drei Sachen: Licht, Liebe und Freude. Du kannst Batman und Robin oder den Satan selbst spielen – am Ende existiert nur das Licht, das niemals den Schatten akzeptieren wird. Das Licht von Bob Marley oder John Lennon ist immer noch da. In der Erinnerung wirst du zur Geschichte – fernab jedweder Gravität. "Corazón" ist also das Haus von Licht, Liebe und Freude. Dieses Album hat die Botschaft, dass du - positiv und negativ – machen kannst, was du willst. Du kannst jeden Tag zum besten Tag deines Lebens machen, du kannst eine glorreiche Existenz haben, aber du kannst dich auch wertlos fühlen, ein Sünder sein. Im Prinzip ist aber alles eine große Illusion, weil sich diese Themen hinter Angst und Schatten verbergen. Ich idealisiere Musik und lasse sie auch gerne idealisieren. Deshalb habe ich zum Beispiel Leute wie Desmond Tutu, Papst Franziskus oder den Dalai Lama in die Ukraine eingeladen. Die haben die Macht. Niemand wird eine Kugel auf diese drei Menschen schießen. Diese drei Herren, noch jemand der Allah repräsentiert, und vier Nobelpreisträgerinnen kamen zu mir herein, wie in einem "Star Trek"- Film. Sie haben sich wie in diesen Filmen über alle religiösen und kulturellen Grenzen hinweg unterhalten und wir haben im Hintergrund "Imagine" und "One Love" gespielt. Du lebst in diesem Moment plötzlich das Gefühl von Frieden auf der Erde. Diese Songs gibt es noch immer. Natürlich werden viele Leute schimpfen, das seien nur Stücke von einem Haufen von Hippies. Leute, ich habe Neuigkeiten für euch: Hippies sind stärker und mächtiger als Panzer, Waffen und Raketen. Der Panzer wird irgendwann einmal rosten und zu Staub zerfallen, aber die Texte von Jesus oder diesen Hippies werden ewig weiterbestehen.

"Krone": Wie weit kannst du mit deiner Musik für Weltfrieden sorgen?
Santana: Ich kann die führenden Köpfe der Friedensmächte einladen. Als ich Papst Franziskus traf, habe ich ihm auch gesagt: "Sehen Sie, Eure Heiligkeit. Sie haben einen Job zu erledigen, und das ist der Weltfrieden! Gehen Sie mit Tutu, dem Dalai Lama und allen anderen zu jedem Platz der Welt, auf dem Konflikte herrschen, und bringen Sie dauerhaften Frieden." In Südafrika hat das funktioniert. Ein schöner Platz auf der Erde, auf dem immer viele Konflikte herrschten. Aber Nelson Mandela und Desmond Tutu waren dort und haben die Situation verbessert. Die Leute haben eine veränderte Sichtweise, sprechen eine andere, gemeinsamere Sprache. Sie lernen, nebeneinander zu existieren – schwarz, braun und weiß. "Corazón" soll diesen Schwung einfach forcieren und beschleunigen – so wie die Beatles mit "Abbey Road". Die Songs bringen genug Kraft mit, um die Angst der Menschen zu transformieren und den Friedensprozess zu beschleunigen. Mehr Liebe, weniger Angst.

"Krone": Bob Marley war vorher ein gutes Stichwort. Mit seinem Sohn Ziggy hast du seinen Klassiker "Iron, Lion, Zion" eingespielt. Sorgte diese familiäre Band für eine spezielle Atmosphäre?
Santana: Ja, auch mit ChocQuibTown, der auch am Song teilgenommen hat. Ich habe eine Melodie am Ende des Songs angehängt und die beiden haben ein paar Textbrocken hinzugefügt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass mein Bruder Bob Marley es gerne sehen würde, wie ich mit seinem Sohn musiziere. Ich sage dir jetzt die Wahrheit aus dem Zentrum meines Herzens. Bevor das Album fertiggestellt war, haben wir Paco de Lucía eingeladen, daran mitzuwirken. Er ist dann leider verstorben, aber er wäre ein wichtiger Teil des Werkes geworden.

"Krone": Eine interessante Kollaboration ist auch die mit Pitbull auf dem Song "Oye 2014". Kannst du damit die jüngere Generation für dich gewinnen?
Santana: Danke dir, wir haben kein Problem damit, mit Leuten wie Justin Bieber oder Lady Gaga zusammenzuarbeiten (lacht). Es gibt keine Grenzen – du musst nur das richtige Gefühl haben. Wenn du das nicht besitzt, dann wirst du mit bestimmten Leuten auch nicht zusammenarbeiten. Es muss nur ehrlich, echt, aufrichtig und authentisch sein. Das sind die Qualitäten, die Musik unvergesslich machen. Wenn du all diese Eigenschaften in jede Note legst, werden den Menschen die Haare zu Berge stehen und sie werden weinen. Auf positivem Weg natürlich.

"Krone": Dein größtes Ziel ist es also, möglichst viele Emotionen zu transportieren?
Santana: Das ist wirklich einfach. Du musst nur ein bisschen aus dem üblichen Weg ausscheren, tief durchatmen und in dich gehen – dann gelingt dir das mit Sicherheit. Der Sound eines solchen Songs berührt die Menschen tief im Herzen, sie können damit eine Lücke in ihrem Herzen füllen. Jeder hat doch den großen Traum, ein komplettes, vollständiges Leben zu haben und zu führen. Wie ein guter Film. Deshalb ist meine Musik so erfolgreich – sie erinnert jeden einzelnen Menschen an Dinge in sich, die vergessen schienen.

"Krone": Wäre "Corazón" ein Film, welcher wäre es?
Santan: Es würde um Gravitation gehen. Du verlässt den Planeten, gehst da draußen, aber nicht verloren und verunfallst auch nicht. Wäre ich ein Lehrer an einer Musikschule, würde ich die Studenten fragen: "Was sind eure Intentionen, eure Motivation und eure Absicht, ein Musiker zu werden?"

"Krone": Was machst du dann, wenn es ihnen ums Geld gehen würde?
Santana: Zu sagen, dass sie in der falschen Klasse sind und den Kurs verlassen sollen. Sie sollten dann eine Klasse besuchen, wo man das richtige Fälschen lernt. Dort lernst du, in den Spiegel zu sehen und unehrlich zu sein. In meiner Klasse würdest du zur Ewigkeit werden, so wie Charlie Parker oder Alice Coltrane. Wenn du dich auf meine Schule einlassen würdest, könntest du in eine ganz andere Kategorie der Musik vordringen. Du wärst auf einer Stufe mit Jimi Hendrix oder John Lennon. Wenn du reich und berühmt werden willst, dann besuche bitte einen anderen Kurs. Es ist nichts falsch daran, aber bei mir lernst du das nicht.

"Krone": Aber das ist doch leichter zu sagen, wenn man, so wie du, vermögend und berühmt ist.
Santana: Das stimmt schon. Ich habe all das, aber ich bin nicht davon besessen. Ich würde dem nicht nachjagen. Ich wollte früher einfach nur die Bühne mit Größen wie B.B. King oder Peter Green teilen. Das war für mich viel wichtiger als ein paar Grammys oder Geld. Wenn mein Telefon läutet und Miles Davis oder Stevie Ray dran sind, ist das unbezahlbar. Das liegt am einzelnen Individuum. Der eine will, so wie ich, mit diesen Legenden auf der Bühne stehen, ein anderer hätte lieber ein großes teures Auto. Ich habe all diese Besitztümer, aber ich sehe das so wie diese Kaffeetasse vor mir. Ich bin froh, dass sie da ist, wenn sie aber aus meinem Blickfeld ist, vermisse ich sie nicht. Was ich vermisse, ist im selben Raum zu sein mit Leuten, die ich liebe. Meine Intention ist es, neue Studenten heranzuziehen und ihnen zu sagen: "Wenn ihr eure Existenz und eure Prioritäten kristallisiert, dann werdet ihr unweigerlich glücklicher werden." Das ist mehr wert als ein nagelneuer Maserati und falsche Musik (lacht).

"Krone": Ist diese Haltung auch der Grund, dass du trotz all deiner erreichten Erfolge, Verkaufszahlen, Grammys etc. noch immer weitermachst?
Santana: Es treibt mich nach wie vor an, einen Sieg über die Angst davonzutragen. Ich wurde schon oft angeklagt, Karriere- Selbstmord zu begehen, weil ich eben mit Leuten wie Alice Coltrane spielte. Viele Leute wollen, dass ich noch mal ein "Abraxas"- oder ein "Supernatural"- Album schreibe, aber nach diesen Schemata funktioniere ich nicht. Diese Musik ist für mich wie eine Gnade Gottes und ich habe kein Monopol darauf. Ich liebe es, Musik zu erschaffen und mit Leuten zu arbeiten, aber ich kann die Töne nicht wie eine Maschine mit Startknopf aus mich rauspressen. Das liegt nicht in meinen Händen.

"Krone": Warum singst du eigentlich so selten selbst in deinen Songs?
Santana: Zwischendurch singe ich schon mal, aber nur sehr selten. Ich lasse lieber meine Finger singen, denn die können das ziemlich gut (lacht).

"Krone": Du bist jetzt dann mit Rod Stewart in Nordamerika unterwegs.
Santana: Darauf freue ich mich extrem, weil wir beide das Gleiche lieben – schwarze Musik. Und wir spielen sie für weiße Menschen (lacht). Ich weiß aber auch, dass viele Afrikaner klassische Musik hören. 2015 werde ich dann nach Europa kommen.

30.04.2014, 18:03
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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