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27.02.2017 - 18:39
Foto: Universal Music

Rolling Stones: Reanimation der Blues- Seele

01.12.2016, 08:00

Wenn die größte lebende Rockband der Welt nach mehr als fünf Karrierejahrzehnten wieder ein Lebenszeichen von sich gibt, steht die Musikindustrie "Habt Acht". "Blue & Lonesome" ist das erste Studioalbum der Rolling Stones seit elf Jahren und zeigt Mick Jagger, Keith Richards und Co. frischer und spitzbübischer denn je zuvor. Und die allerbeste Nachricht? Nach den hier zwölf gecoverten Blues- Klassikern aus einer längst vergessenen Ära, planen die Briten für 2017 auch noch ein richtiges Studioalbum. We can get satisfaction!

Es gibt nur eine Handvoll Bands, die sich in der heutigen Zeit noch alles erlauben können und wohl nur eine einzige, die das mit beneidenswert stoischer Kompromisslosigkeit durchzelebriert. Die Rolling Stones sind - und das müssen auch Nicht- Fans neidlos anerkennen - nicht nur die größte Rock- Band, sondern auch das allerletzte Überbleibsel einer Ära, als musikalische Fingerfertigkeit und kompositorisches Geschick für einen breitenwirksamen Erfolg wichtiger waren als ausgeklügelte Marketing- Strategien und provokatives Social- Media- Verhalten. Mick Jagger haftet auch mit 73 noch die Aura des ewigen Teenagers an, Charlie Watts ist längst DER Elder Statesman der Rockwelt geworden und Keith Richards, das Fleisch gewordene Enfant Terrible, hat nicht nur Palmenunfälle am "Fluch der Karibik"- Set, sondern auch Lemmy Kilmister überlebt.

Aktiv wie nie zuvor

In ihrem sechsten Karrierejahrzehnt sind die Stones nun tatsächlich aktiver als in den Dekaden davor. "The Rolling Stones In Mono" schnürte alle erschienenen Alben aus der Decca- Zeit zu einem Paket zusammen, "Havanna Moon" ist die unlängst veröffentlichte Live- Rückschau auf ihr März- Konzert in Kuba vor gut 500.000 Menschen und mit "Blue & Lonesome" erscheint dieser Tage gar das 23. Studioalbum der britischen Kultmusiker - das erste seit "A Bigger Bang" im Jahr 2005. Der Terminus "Studioalbum" ist von technischer Seite gesehen korrekt, doch der zwölf Songs starke Inhalte integriert keine Neukompositionen, sondern eine launig- sympathische Cover- Rückschau auf die Anfänge der Band.

Selbst in den ganz frühen Jahren haben die Stones zumindest ein oder zwei Eigenkompositionen auf einem Album verbraten - somit stellt "Blue & Lonesome" ein Novum dar und zeigt, dass sich eine Band auch im voranschreitenden Karrierewinter noch einmal mühelos selbst erfinden kann. Wenn auch der Erfindung gut Geklautes zugrunde liegt. "Das Album ist eine Hommage an unsere Helden. An Menschen und Musiker, die uns Musik nähergebracht und uns selbst zu Musikern gemacht haben. Sie sind der Grund, warum wir eine Band gründeten", erzählt Frontmann Mick Jagger. Dieser war die treibende Kraft für das nun vorliegende, authentische Werk, dass die Stones einmal mehr als galante Systemrebellen zeigt.

Vom Test zum Auftrag

"Wir waren im Studio, um brandneue Songs für ein geplantes Album aufzunehmen", erinnert sich Richards, "und immer wenn wir mal pausierten oder ein Warm- Up brauchten, coverten wir alte Blues- Klassiker. Es begann mit dem Little Walter- Song 'Blue & Lonesome'. Dann kam Mick und meinte, wir sollen auch gleich Howlin' Wolf spielen - danach konnten wir ihn nicht mehr aufhalten." Produzent Don Was ergänzt: "Wir wollten mit den Blues- Covers eigentlich nur den Kopf freimachen, um mit voller Kreativität an den neuen Songs weiterzuarbeiten. Stattdessen hatten wir am Ende des ersten Tages sechs fertige Songs im Kasten."

"Blue & Lonesome" als Ganzes war vor exakt einem Jahr innerhalb von nur drei Tagen in den British Grove Studios in West- London eingespielt. Unterstützt wurde die Stammbesetzung der Stones von ihren langjährigen Weggefährten Darryl Jones (bass), Chuck Leavell und Matt Clifford (beide Keyboards) - auf den beiden Songs "Everybody Knows About My Good Thing" und "I Can't Quit You Baby" hört man "Mr. Slowhand" Eric Clapton an der Gitarre. "Wir haben ihn einfach gefragt, ob er mitmachen möchte und trotz Schmerzen in seiner Hand sagte er zu", denkt Ronnie Wood freudig an die Studiozeit zurück, "es war einfach magisch. Es war wohl eine Erleichterung für ihn, nicht der Bandleader zu sein, sondern einfach drauflosspielen zu können. Er liebt diese Arbeitsweise."

Back to the roots

Die Ungezwungenheit einer Bande musikliebender Teenager im Körper älterer Herren zieht sich als roter Faden durch die vertonten Verbeugungen vor den alten Helden. Der jüngste Cover- Song datiert aus dem Jahr 1971, die ältesten Nummern von Little Walter, Eddie Taylor oder Otis Rush haben schon 60 bis 61 Jahre auf dem Buckel. Angenehmerweise wurde der Sound nicht großartig nachbearbeitet oder für den modernen Markt gestrafft, sondern so original, fehlerhaft und echt gelassen, wie es einst Usus war. Schon beim eröffnenden Country- Rocker "Just Your Fool" fühlt sich der Hörer direkt ins Jahr 1959 zurückversetzt. Es ist faszinierend, wie die Stones es scheinbar mühelos schaffen, im Rentenalter wie eine Horde Schuljungen zu klingen, ohne dabei auch nur eine Sekunde peinlich zu wirken.

Essenziell für das Selbstverständnis als Branchenführer ist auch der musikalische Zugang. Die Auswahl der alten Hadern erfolgte rein nach persönlichem Geschmack und orientierte sich zu keiner Sekunde an kommerzielle oder verkaufsfördernde Gedanken. Flotten Nummern folgen mit Soul angereicherte Balladen, den seltenen Gitarren- Ausritten Richards' zumeist ins Ohr gehende Mundharmonika- Stafetten von Jagger, der eindeutig die vorherrschende Rolle auf "Blue & Lonesome" einnimmt. "Er ist der einzige mir bekannte noch lebende Musiker, der die Mundharmonika so bedienen kann", zeigt sich Richards ehrfürchtig, "viele Menschen vergessen oft, welch ernsthafter, guter Musiker er ist. Sein Gesang und die Mundharmonika- Parts sind beispiellos gut gelungen."

Studioalbum ante portas

Die Rolling Stones schöpfen ihre Kraft aus der Reduktion auf das Wesentliche. Kein noch so kleiner klanglicher Ballast, der das rohe und direkte Zusammenspiel der musikinfizierten Briten stören könnte, wurde für "Blue & Lonesome" übrig gelassen. In diesen zwölf Songs gelingt es dem Quartett tatsächlich, noch einmal das Feuer der eigenen Jugend zu entfachen und sich in wohliger Nostalgie zu suhlen. Nur schade, dass mit diesem Material bei etwaigen Stadionshows (wir hätten hier in Österreich übrigens noch Platz für euch…) nicht zu rechnen ist. "Meiner Meinung nach brauchen wir dafür kleine Räume und Clubs", nimmt Drummer Watts allen Hoffnungen den Wind aus den Segeln. Aber für die großen Feste soll bald das richtige Studioalbum kommen. Jedenfalls werden sie weiter daran werken…

01.12.2016, 08:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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