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03.12.2016 - 03:39

Placebo rockten in zwei verschiedenen Welten

22.11.2013, 00:14
Am Donnerstagabend versenkten die Alternative-Rocker Placebo die Besucher der Wiener Stadthalle in ein Meer der Melancholie. Nach verhaltenem Beginn und distanzierter Bühnenhaltung, tauten Künstler und Fans im Laufe des Konzerts auf, um am Ende unter viel Jubel ein Hit-Furioso an den Tag zu legen.

Kitschig wie aus einem Hollywood- Film zog sich die Melancholie über mehrere Ebenen. Kurz bevor die britischen Alternative- Rock- Stars Placebo die Bühnen einer eher durchschnittlich gefüllten Wiener Stadthalle betraten, öffnete vor den Toren auch der Himmel seine Schleusen und verstärkte das windige Spätherbstwetter mit Regen. Der Wetterumschwung vollzog sich wie aus einem Dramen- Lehrbuch, da auch die Musik der Hauptband von zurückgezogenen und ruhigen Passagen getränkt ist und nur selten aus dem Kokon der schüchternen Reduktion ausbricht.

Auf Wiedergutmachungstour

Zeit seines Lebens bringt Frontmann Brian Molko das elegische Leiden seiner wohldurchdachten Kompositionen auf die Bühne und hat dabei die ausgestrahlte Verletzlichkeit zur persönlichen Stärke erkoren. Nach dem unrühmlichen Frequency- Auftritt 2012 (die Band verließ aufgrund gesundheitlicher Probleme von Molko nach nur einem Song die Bühne) befand sich das Trio an diesem Abend auf Wiedergutmachungstour, brachte aber vor allem in der ersten Konzerthälfte zu wenig Herzblut dafür ein.

Die Bühne war sehr spartanisch eingerichtet, nur drei Vorhänge und eine über die halbe Rückwand verlaufende Videoleinwand verstärkten die Show, in der sich Placebo erwartungsgemäß am Material des nicht uneingeschränkt positiv aufgenommenen neuen Albums "Loud Like Love" orientierten. Im Direktvergleich zu den Band- Evergreens wirken Songs wie die Social- Media- Kritik "Too Many Friends", "Scene Of The Crime" oder "A Little Million Pieces" weniger stringent und in gewisser Weise auch gesättigt von sich selbst.

Dissonanz in der Interaktion

Bühnentechnisch konzentrierten sich die Briten fast ausschließlich auf die akustische Darbietung – auf Lichteffekte, Überraschungseinlagen oder Interaktion mit dem Publikum warteten die Anwesenden vergeblich. Placebo zelebrierten ihre neuen Songs zwar präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, doch mit Ausnahme des Klassikers "Every You Every Me" wollte der Funke nicht so recht überspringen.

Molko selbst hat mit seinen mittlerweile 40 Lenzen auch die letzten Reste der ungezwungenen Jugendtage ad acta legen müssen. Im schwarzen Hemd, mit wieder lang gewachsenen Haaren und an seine Gitarre geklemmt, wirkte der Londoner seinem realen Alter entsprechend. Das gegenseitige Feuer zwischen Künstler und Fans wurde erst sehr spät entfacht. Vorher übten sich Placebo in gewollter Distanz, ließen immer wieder den durchsichtigen Vorhang als eine Art Puffer gegen die Fanmassen vor sich heruntergleiten.

Das Gute liegt recht fern

Doch in der zweiten Konzerthälfte kam Schwung ins Getriebe und die Briten feuerten vergangene Top- Hits im Stakkato- Takt ab, bewiesen damit auch eindeutig, dass bei Placebo das wirklich Gute in der Vergangenheit begraben liegt. Der "Song To Say Goodbye" überzeugte dabei neben "Special K", "The Bitter End" oder dem pulsierenden Schlusspunkt "Infra- Red", ohne Abnützungserscheinungen erkennen zu lassen. Dass das uralte "Teenage Angst" mittlerweile obsolet geworden ist, konnte man ebenso verschmerzen wie das erneute Verzichten auf "Pure Morning". "Nancy Boy" aus der Setliste zu streichen, darf trotzdem als Fauxpas bezeichnet werden.

Zwischen den eher reserviert aufgenommen neuen Songs und den haltlos abgefeierten Klassikern sitzen Placebo momentan in einer Nische, die nur wenig Raum zur Entfaltung bringt. Ausgerechnet das feine Kate- Bush- Cover "Running Up That Hill" könnte mit seiner ruhigen, aber in allen Bereichen erwachsenen Ausrichtung die zukünftige Band- Linie vorgeben.

Zwischen jung und alt

Molko scheint derzeit zwischen seiner rastlosen Jugend und der gereiften Gegenwart zu pendeln - unsicher, welchen Weg er jetzt wohl einschlagen sollte. Doch die aus der Unentschlossenheit resultierende Antwort schlug zumindest am Ende kometenhaft ein und verwandelte die Stadthalle in ein stimmungsvolles Tollhaus. Alternative- Rock muss nicht immer zugänglich sein.

22.11.2013, 00:14
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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