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06.12.2016 - 22:15
Foto: Rough Trade, Bad Seed ltd

Nick Cave verarbeitet größte Lebenstragödie

09.09.2016, 13:30

Es dauert lang, bis sein Name fällt. Bis Arthur Cave sozusagen aus dem Schatten tritt und in der Doku "One More Time With Feeling" greifbar wird. Der Sohn des Musikers Nick Cave war vor knapp einem Jahr in Südengland bei einem Sturz von Klippen tödlich verunglückt. Aber nicht nur der Film, auch das neue Album von Cave und den Bad Seeds ist davon maßgeblich geprägt. Nun erscheint "Skeleton Tree".

Die 16. Studioplatte ist schwer als etwas anderes zu lesen als Verarbeitung und Abschied. Schon im Vorfeld machten Cave und sein engster Mitstreiter Warren Ellis klar, dass sie kein Wort zu den Aufnahmen und dem Inhalt verlieren werden - jedenfalls im üblichen Sinn. Denn immerhin ließen sich beide vom australischen Filmemacher Andrew Dominik begleiten, bei der Suche nach passenden Arrangements und gelungenen Gesangstakes, bei Fahrten im Taxi, wo sie über Entstehung der Songs, den kreativen Prozess und die gegenseitige Verbundenheit sprechen.

Lähmende Trauer

Aber der eigentlich als Performance- Film konzipierte Streifen, der am Abend vor dem Albumrelease weltweit in den Kinos gezeigt wurde und in Österreich etwa im Wiener Gartenbaukino zu sehen war, hat durch den Tod Arthurs natürlich eine andere Wendung genommen. Zwar sind es immer noch die Songs wie das bereits im Vorfeld ausgekoppelte "Jesus Alone", die in unterschiedlichen Darbietungen wie Sterne leuchten und den Rest der Handlung um sich versammeln. Aber wenn darin die erste Zeile lautet "You fell from the sky, crash- landed in a field near the River Adur", fällt es natürlich schwer, in Cave nicht den trauernden Vater zu sehen. Dunkelschwarz schillert die Musik, sind kreative Spannung und private Anspannung beinahe greifbar.

Es sind aber zwei Aspekte, die den 3D- Film "One More Time With Feeling" erträglich machen: Einerseits die schon früh gesetzte Aufhebung einer filmisch- distanzierten Ebene, da die Aufnahmen selbst zum Thema werden und somit der dokumentarische Ansatz durch Besprechungen von bestimmten Szenen feine, bewusst gesetzte Risse bekommt. Andererseits sind da die Kommentare von Cave, der allen voran Bilder von sich selbst immer wieder kritisch hinterfragt, teils süffisante Bemerkungen abgibt und als Erzähler von Beginn an zu fesseln weiß.

Kurze Momente der Erlösung

In unterschiedlicher Intensität und zeitlich recht flexibler Abfolge wird man so Zeuge von Studioaufnahmen, Einspielungen von Streichern oder kommt Cave beim Einsingen seiner Lyrics ganz nah. Und doch wird die Ernsthaftigkeit immer wieder gebrochen - zum Glück. Etwa als Ellis nach erfolgter Arbeit spontan fragt: "Und jetzt eine Tasse Tee?" Auch ein Studiobesuch von Caves Frau Susie und Sohn Earl, dem Zwilling von Arthur, erfüllt diese Funktion, wirkt dabei rührend und beinahe erlösend, da er für einen kurzen Moment das fortgeführte Leben einfängt.

Und trotzdem: "Wenn du in den Spiegel blickst, siehst du da eine andere Person", erzählt Cave über eine Veränderung, die stattgefunden habe. Oder aus dem Off sich selbst kommentierend: "Was ist mit meinem Gesicht passiert? Diese Tränensäcke waren vor einem Jahr noch nicht da." Wirklich nahe gehen jene Szenen, in denen Nick und Susie in ihrem Haus am Strand ein von Arthur gezeichnetes Bild in die Kamera halten: Das Nichtgesprochene, die Verbindung zwischen diesen beiden Menschen überlagert hier alles andere. Später nimmt Cave auf übliche Plattitüden Bezug: "Es heißt ja: Er lebt in deinem Herzen weiter. Aber das stimmt nicht. Er ist zwar in meinem Herzen, aber er lebt nicht mehr."

Dunkle Ästhetik

All das fängt Regisseur Dominik mit nüchternen Schwarz- weiß- Bildern ein, die auch eine mehr als passende Ästhetik für die acht Stücke des Albums bereitstellen. Lange Kamerafahrten um den am Klavier sitzenden Cave, dann wieder der Schwenk zu einer stärker Oberflächenstrukturen und Lichtspiegelungen in den Vordergrund rückenden Umsetzung. Selbst eine Fahrt durch Menschen, Gebäude, raus in das Weltall wirkt hier nicht deplatziert, sondern dient als Versuch, die gezeigten sowie unterschwellig mitschwingenden Emotionen zu fassen.

Die Stücke abgekoppelt vom Film, unabhängig von den Ereignissen zu hören, ist quasi unmöglich. Das dezent schwebende "Girl In Amber", die jazzig angehauchte Skizze "Anthrocene" mit ihrer treibenden Percussion oder das durch und durch melancholische "I Need You" mit der Zeile "Nothing really matters, when the one you love is gone" - sie alle machen dieses eindrucksvolle, ehrliche und mutige Werk aus. Man muss den 58- jährigen Musiker dafür bewundern, wenn Cave einen ganz nahe an sich heran lässt, sowohl im Film wie auch musikalisch. Und für die letzte Zeile am Album: "And it's all right now." Es ist der Familie zu wünschen.

09.09.2016, 13:30
AG/red
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