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20.01.2017 - 14:40
Foto: Andreas Graf

KISS live in Wien

13.05.2008, 12:07
In der heutigen Zeit, wo Konzerte großer Acts mitunter ein flüchtiger Moment sein können, ist der immaterielle Wert einer Eintrittskarte ja gar nicht mehr so leicht zu beziffern. Für über 10.000 österreichische Fans der amerikanischen Kultband KISS wurde es am Montagabend in der Wiener Stadthalle jedoch schnell Gewissheit, dass man sein Geld mehr als nur gut investiert hatte. Nämlich in eine explosive, einzigartige Show, bei der Paul Stanley, Gene Simmons und ihre beiden Mitstreiter Eric Singer und Tommy Thayer über zweieinhalb Stunden buchstäblich nix anbrennen ließen.

Auf ihrer "Alive 35"- Tour feiern Stanley und Simmons, die beiden noch verbliebenen Gründungsmitglieder der kultigen Hardrockband, ihr 35- jähriges Bühnenjubiläum. Wien war erst der dritte Europatermin und dementsprechend frisch der Spieldrang der maskierten Rocker, die mit "Alive 35" laut Gene Simmons ihre letzte Tournee in voller Montur und dem riesigem Pyrotechnik- Brimborium abliefern wollen. Ein "Once in a lifetime"- Moment, wenn man den Worten des Bassisten und Reality- TV- Stars Glauben schenkt. 

Nach einem eher mäßigen Vorprogramm mit "Cinder Road" legten KISS einen fulminanten Kickstart mit Überraschungseffekt hin. The Whos "Won't Get Fooled Again" lief zunächst ganz normal über die Lautsprecher. Nach ungefähr sieben Minuten, wenn sich der Song nach dem letzten Keyboardsolo noch einmal aufschaukelt, trommelte plötzlich Eric Singer hinter dem blickdichten Vorhang mit und fiel in Roger Daltreys Schrei ein - ein ohrenbetäubender Jubel ging durch die Menge, in dem Gene Simmons seinen obligatorischen Gruß "You wanted the best, you got the best. The hottest band in the world... KISS!" losließ. Der schwarze Vorhang fiel und gab die monströse Bühne frei, auf die die vier Akteure zum Einzug ("Deuce") auf Plattformen von oben herab schwebten, links und rechts von Eric Singer, der in gut drei Metern Höhe stehen blieb, loderten Stichflammen aus dem Boden, Feuerwerk knallte durch die Halle. Die unglaubliche Hitze der Flammen spürte man weit über die Mitte der prall gefüllten Halle hinaus.

Aus dem Staunen sollte man die nächsten zweieinhalb Stunden nicht mehr herauskommen - und daran war auch großteils das mit bis zu 30 Jahre alten KISS- T-Shirts bekleidete und hier und da sogar geschminkte Publikum beteiligt, das die Hardrockhelden wie Götter feierte. Drummer Eric Singer (O- Ton Stanley: "Our little Pussycat") bekam gleich zu Beginn ein Geburtstagsständchen aus 10.000 Kehlen gesungen. Der Ex- Alice- Cooper- Schlagzeuger hat Ur- Haudegen Peter Criss ja nun endgültig abgelöst und auch dessen "Catman"- Schminke übernommen. Am Montagabend feierte er seinen Fünfziger. Lautstark begrüßt würde auch Gitarrist Thommy Thayer, der erst seit 2002 dabei ist und am Montag mit KISS zum ersten Mal in Wien auftrat. Spielerisch präsentierte sich der ehemalige Gitarrist einer KISS- Doublegroup, der auf "Psycho Circus" erstmals für die echten KISS im Studio arbeitete, als gute Mischung aus Ace Frehleys Geradeaus- Mentalität und dem virtuosen Feingefühl eines Bruce Kulick.

Bis zur Hälfte der Show streiften KISS die alten Zeiten. Neben "Got To Chew", "Hotter Than Hell" kam auch der Rock'n'Roll- Kracher "Nothin' To Lose", bei dem Eric Singer als Leadsänger brillierte. An Peter Criss' charakteristisches Gekrächze kam er zwar nicht ganz heran, dafür überbot der Ausnahmedrummer, der sich für die "Alive 35" Tour extra seinen Blondschopf schwarz färbte bzw. eine Perücke aufsetzte, seinen Vorgänger spielerisch nicht nur einmal. Nachdem Tommy Thayer ein fünfminütiges Solo inklusive Feedback- reicher "Gitarrenbeschwörung" und Funkenregen aus seinem Instrument hingelegt hatte, trat Singer zu seinem Solo an. Bemerkenswert ist, wie die vier Akteure in jede ihrer Aktionen das Publikum einbinden. Singer ließ die Fans mitklatschen, Paul Stanley arrangierte allein mit Handbewegungen und Mimik einen Shouting- Contest zwischen der rechten und linken Hälfte der Halle.

Nach "Rock Bottom" mit kurzem Intro und der KISS- Hymne "Rock 'n' Roll All Nite" endete das reguläre Set schon nach knapp anderthalb Stunden mit sechs bombastischen Papierkonfetti- Fontänen, die für Stadthallen- Verhältnisse alles bis dato dagewesene in den Schatten stellten. Die Raucher hatten beim Austreten ihrer Zigaretten alle Mühe, das Meer an Papierstreifen vom Glosen abzuhalten. Doch das sollte noch fast eine Stunde so weiter gehen, die Fans wussten, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Es dauerte keine fünf Minuten, kehrten die vier Hardrocker wieder. Zum Start gab es "Shout It Out Loud", bei dem der abseits seiner Zungenakrobatik bisher ungewohnt zurückhaltend agierende Gene Simmons (er spuckte nur einmal Feuer) die charakteristische Axt- Bassgitarre auspackte. Den Überraschungsanfang mit "Won't Get Fooled Again" zitierte Tommy Thayer noch einmal bei "Lick It Up", als er im Solo das Keyboard- Intro des The- Who- Hits einflickte und Eric Singer noch einmal Gelegenheit gab, sein Talent als Keith- Moon- Double zu zeigen. Paul Stanley nutzte danach die Gelegenheit, um sich beim Publikum für die lange Abstinenz zu entschuldigen. "Wir werden jetzt öfter kommen. Was würdet ihr davon halten, wenn wir nächstes Jahr wieder kommen?!", fragte Stanley, der sich mit 56 Lenzen sein brustfreies "Starchild"- Kostüm erlauben kann, ohne peinlich zu sein.

Für das Grande Finale erweckte Gene Simmons "The Demon" zum Leben und ließ sich während eines schaurigen Bass- Solos das Theaterblut übers Kinn laufen. Mit einem Grinsen schnellte er dann plötzlich von bis dahin unsichtbaren Seilen gezogen zur Decke und dirigierte von einem Podest in luftiger Höhe über der Bühne "I Love It Loud", bei dem das Wiener Publikum einmal mehr bewies, dass es für einen unvergesslichen Konzertmoment gekommen war. Beim darauffolgenden Superhit "I Was Made For Loving You" zeigte Paul Stanley dann fast so etwas wie Altersschwäche, als er den hohen Tönen in der Strophe mit gesprochenen Worten auswich. Dem Feeling des 1979er Krachers schadete das trotzdem nicht.

Nach dem der für seine Höflichkeit bekannte Frontmann "Love Gun" mitten im Publikum auf einer kleinen Bühne gespielt hatte (für den Weg dorthin nahm er einfach die bühneneigene Seilbahn und flog längs durch die Halle) gab's mit "Detroit Rock City" einen lautstarken Abschied. Beim Hinausgehen durften die Fans noch zu "God Gave Rock 'n' Roll To You", das aus der Konserve gespielt wurde, singen. Die Chance ist hoch, dass man hier das Konzerthighlight des Jahres 2008 miterlebt hat. Ganz sicher ist zumindest, dass es heuer nirgendwo mehr lauter oder feuriger werden kann.

Von Christoph Andert
Fotos: Andreas Graf

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