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05.12.2016 - 11:09
Foto: Danny North

Kaiser Chiefs: "Haben das Schiff noch umgedreht"

30.04.2014, 08:00
Die Kaiser Chiefs wurden noch vor wenigen Jahren in einem Atemzug mit britischen Indie-Größen wie den Arctic Monkey oder Franz Ferdinand genannt. Schwächeres Songmaterial, falsche Entscheidungen und der Abgang von Drummer und Songwriter Nick Hodgson sorgten fast für das Ende der Band. Nun sind sie wiederauferstanden und schafften mit dem neuen Output "Education, Education, Education & War" sogar den Sprung auf Platz eins der englischen Albumcharts. Wir trafen den entspannten und reflektierten Sänger Ricky Wilson, um mit ihm über Frustration, Aufbruchsstimmung und künstlerischen Ausverkauf zu sprechen.

"Krone": Ricky, mit dem Album "Education, Education, Education & War" gelang euch heuer ein großartiges Album, das man so gar nicht mehr erwarten konnte. Wie hart wurdet ihr vom Ausstieg eures Drummers und Songwriters Nick Hodgson im Dezember 2012 getroffen?
Ricky Wilson: Natürlich war es schwierig, aber er war bei Gott nicht der einzige Songwriter in der Band. Wir haben alle geschrieben, gerade am Anfang der Kaiser Chiefs. Irgendwann einmal passierte es, dass er immer selbstbewusster wurde und sich das beim Rest der Band ins Gegenteil verkehrte. Als er uns verließ, traf uns das natürlich, weil er zu diesem Zeitpunkt schon eine so mächtige Kraft war. Wir mussten dann schnell lernen, uns selbst freizuschaufeln, und das war in vielen Bereichen das Beste, was uns passieren konnte. Bei uns war die Bandsituation so wie bei einem Kind und dem Spielzeug. Wenn jemand anderes damit spielt, willst du es sofort zurück – so ging es uns dann mit den Kaiser Chiefs.

"Krone": War die Überlegung nach Hodgsons Ausstieg da, die Band ruhen zu lassen?
Wilson: Hätten die anderen ihre Arbeit auch niedergelegt, hätte ich der Realität wohl ins Gesicht sehen müssen und mich nach anderen Aufgaben umgesehen. Ich hätte aber mit Sicherheit woanders wieder gesungen.

"Krone": Aber in den Songwritingprozess zum neuen Album floss doch sicher viel Frustration ein?
Wilson: (überlegt lange) Ja, aber das soll doch so sein. Wenn es zu einfach wird, fehlt doch der Biss. Es war aber schwierig, das Album auf den Markt zu bringen, und ich persönlich habe mich etwa ein Jahr lang wirklich schwer mit dieser Situation abgefunden. Ich muss mich noch heute bei meiner Freundin dafür entschuldigen. Wir wussten auch genau, dass es aufgrund des Ausstiegs von Nick und dem nicht so gut gelaufenen Vorgängeralbum unerlässlich sein würde, unser absolut bestes Album rauszubringen. Irgendwie war es so wie bei den Aufnahmen zum ersten Album – wir wussten nicht so recht, wie viele Fans wir noch haben. Wir haben den Namen und wir haben die Hits. Aber was niemals in Frage kommen würde wäre, durch die Festivals zu tingeln und mit einem Banner aufzuwarten, auf dem "Kaiser Chiefs spielen nur alte Hits" steht. Wir wollten als neue Band zurückkehren, und das ist uns gelungen. Um ehrlich zu sein ist es nicht einfach, ein Schiff noch einmal umzudrehen, und es hat viel Zeit und Arbeit benötigt. Dass dieses Album auf Nummer eins in England gelandet ist, bedeutet uns so viel mehr als alles je zuvor. Wir haben das nicht nur einfach möglich gemacht, sondern wir haben es aus der denkbar schwersten Position geschafft.

"Krone": Es war ja tatsächlich ein Neubeginn in vielen Bereichen.
Wilson: Du sagst es. Ich schätze heute auch jede Kleinigkeit viel mehr, als ich es früher tat. Irgendwann wirst du es gewohnt, in einer Band zu sein oder in den großen Arenen zu spielen – aber es ist ein Privileg. Und dieses Gefühl habe ich jetzt endlich wieder.

"Krone": Ihr habt jetzt unlängst eine Tour mit den Sportfreunden Stiller gespielt – es ist doch unüblich für euch, eine andere Band zu supporten.
Wilson: Ich mag das und die Sportfreunde sind hier eine Riesenband. Sie ermöglichten es uns, in Österreich dreimal vor Tausenden Menschen zu spielen – das ist der Wahnsinn. Das ist zehnmal mehr, als es uns alleine hier gelingen würde. Wir mussten hart dafür arbeiten und das waren die ersten Shows, seit wir das Album veröffentlicht haben. Es fühlt sich für uns alles so neu an. Wir versuchen, uns den Erfolg wieder zu erarbeiten. Es ist nicht so, dass wir das neue Album haben, uns auf die Bühne stellen und spielen. Wir erarbeiten uns noch einmal alles von vorne, um den Erfolg auch ernten zu können. Das ist auch der Grund, warum wir eine große Hallentour durch England machen. Das tun wir nicht, weil ich jetzt in der großen TV- Show "The Voice" in England in der Jury war, sondern weil das Album einfach unheimlich erfolgreich ist.

"Krone": Es war angeblich nicht jeder in der Band zufrieden mit deiner Entscheidung, an "The Voice" teilzunehmen.
Wilson: Wir hätten unsere Schritte nicht gesetzt, hätten wir nicht gewusst, dass sie nötig wären. Ich hätte gerne gesehen, dass sich die Leute fragen, wo unser neues Album bleiben würde, aber das passierte irgendwie nicht. Wir sind Realisten und haben das kapiert, also mussten wir die Leute an uns erinnern. Im Jahr 2014 musst du einfach alles machen, was möglich ist, um dich ins Gespräch zu bringen. Im Fernsehen geht das am einfachsten, und als sich diese neue Chance ergab, nutzte ich sie. Der Typ auf der Bühne bin nicht ich – der Typ in der Show ist aber Ricky Wilson, wie er im wahren Leben ist. Auf diesem roten Sessel im Studio kannst du nicht sechs Monate Entertainment bieten, wie du es sonst auf der Bühne machst.

"Krone": Dir hat die Aufgabe bei "The Voice" aber offensichtlich viel Spaß gemacht.
Wilson: Anfangs dachte ich nicht, dass es mir überhaupt gefallen würde, und jetzt vermisse ich die Show. Ich habe tatsächlich dasselbe Gefühl wie am Ende einer Kaiser- Chiefs- Tour. Ich liebte es, meine eigene Garderobe zu haben, ich liebte es, Georgia zu haben, die meine Haare und mein Make- up gemacht hat. Ich vermisse auch Kylie Minogue, Tom Jones und will.i.am.

"Krone": Wird es für dich eine Fortsetzung geben?
Wilson: Vielleicht – bislang hat mich noch niemand gefragt, aber man weiß ja nie. Wenn sie mich fragen würden, käme es total darauf an, wer noch mit im Boot wäre.

"Krone": Lass uns jetzt wieder zur Musik kommen. Teile des Albums stammen aus einem Zitat des britischen Ex- Premierministers Tony Blair. Ist das Album politisch?
Wilson: Wir sind keine Politiker, sondern Rockstars. Das erste Album war wirklich sehr politisch und die Leute haben das damals mitgekriegt. Um dort nicht zu stark anzuecken oder in diese Richtung gedrängt zu werden, haben wir uns dann wieder von diesem Thema gelöst. Ich würde nicht direkt sagen, dass wir über Politik schreiben, aber über Sachen, die uns wütend machen und frustrierend sind. Außerdem gehen wir auf die Autorität los, was im Prinzip das Grundprinzip des Rock 'n' Roll ist. Wenn wir also Texte gegen Krieg oder Politik haben, entsteht das bei uns aus einer Punk- Attitüde heraus. Wenn du diese Punk- Schlagseite auf einen politischen Weg mitteilen kannst, ist das umso besser.

"Krone": Wie kombiniert sich in eurem Albumtitel die Erziehung mit dem Krieg?
Wilson: Weil die Begriffe sich so ähnlich sind. Krieg führt zu großen Lücken in der Technologie oder der digitalen Welt und es ist eine Schande, dass die Regierungen Geld in die Hand nehmen, um Kriege zu finanzieren. Kein Konflikt wäre ein Krieg wert. Im Prinzip hat der Titel aber auch mit uns zu tun. Wir wissen, wie man kämpfen muss, um zu überleben, und wir haben gelernt, wieder eine Band zu sein. Wir wollten das Album lange "Education & War" nennen, weil diese zwei Überbegriffe immer den Sinn des Albums darstellen sollten. Als der britische Schauspieler Bill Nighy dann die Stimme in einem Song übernommen hat, brachte er uns auf die Idee, "Education" noch viel öfter einzufügen, und das haben wir uns zu Herzen genommen. Außerdem macht das die Kommunikation auf Twitter schwieriger (lacht).

"Krone": Der Song "Coming Home" klingt wie eine Wiedergabe eurer Bandsituation.
Wilson: Definitiv. Der Song funktioniert im Prinzip mit allen Menschen, weil jeder etwas mit dem Heimkommen anfangen kann und die Lyrics gehen metaphorisch in Richtung eines Platzes oder Ortes, an dem man gerne sein möchte. Bei uns sind das halt die Bühne oder das Studio oder die Spitze der britischen Hitparade. Dieser Song entfacht große Emotionen bei mir, weil wir mittlerweile tatsächlich nach Hause zurückgekehrt sind.

"Krone": Ihr habt erstmals in den USA aufgenommen. Habt ihr das gemacht, um die Köpfe freizubekommen?
Wilson: Wir wollten schon immer ein Album im Ausland aufnehmen, aber Nick war immer dagegen. Er war der Boss und somit haben wir das nie gemacht. Jetzt wo er weg ist, können die Kinder machen, was sie wollen (lacht). Es war sehr befreiend, denn wir waren so weit von zu Hause weg, dass wir nicht mit den Alltagsproblemen im Gepäck ins Studio gingen. Es ging nicht ums Rechnungen bezahlen, kochen oder Freundin ausführen – wir waren völlig auf das Album fokussiert. Es war andererseits natürlich auch schwieriger, weil wir nicht flüchten konnten. Wir verspürten natürlich auch ein gewisses Heimweh, aber das förderte den Aufnahmeprozess.

"Krone": Ich finde es interessant, dass ihr trotzdem sehr englisch klingt. Vielen britischen Bands geht bei US- Aufnahmen oft das Lokalkolorit flöten.
Wilson: Da hast du recht. Nimm nur die Arctic Monkeys – sie gingen in die USA und nichts klang mehr wie zuvor. Wir sind den ganz anderen Weg gegangen, fühlten uns wie außerirdische Briten, die einfach viel zu weit von zu Hause entfernt sind. Das förderte sicher unseren britischen Sound. Im Prinzip befürchteten wir auch, dass wir anders klingen würden, aber es war ein glücklicher Zufall, trotzdem zu den Wurzeln stehen zu können.

"Krone": In einem Interview hast du einmal gesagt, es liegt euch nicht, an der Spitze zu stehen.
Wilson: (lacht) Ja wir wollen da immer hin, aber wenn wir dort gelandet sind, wollen wir wieder der Underdog sein. Wir mögen es, zu kämpfen und uns selbst zu beweisen. Es ist natürlich sehr schön, an der Spitze zu stehen, aber du überlegst dir dann sofort, was denn danach kommen soll. Ich bin so froh, dass wir Nummer eins in England sind und unsere Fans uns wieder lieben, aber was jetzt? Du musst dir wieder neue Ziele setzen und die Ambitionen höherschrauben.

"Krone": Der Druck für das nächste Album ist natürlich enorm für euch.
Wilson: Damit musst du leben. Wenn du ein Festival anführst, musst du mit Feuerwerk und so Zeugs auffahren (lacht). Es ist cool, aber schwierig.

"Krone": Du hast schon von der England- Tour gesprochen. Wann wird die stattfinden und gibt es auch weitere Europa- Termine?
Wilson: Geplant ist die England- Tour für Anfang 2015 – die restlichen europäischen Länder sollten folgen. Dieses Album bedeutet mir emotional so viel wie das allererste und ich will das Material so gut es geht zu den Leuten tragen. Wir werden mit Sicherheit sehr viele Shows spielen, um "Education, Education, Education & War" den würdigen Rahmen zu geben.

"Krone": Du bist in der Band der einzige Nicht- Fußball- Fan und selbst die Sportfreunde Stiller sind total verrückt nach diesem Sport. Macht dich das nicht fertig?
Wilson: Das ist oft wirklich mühsam und ich schalte einfach weg, wenn meine Jungs über die letzten Ergebnisse von Leeds United in der zweiten englischen Liga reden (lacht). Mein Interessensgebiet hängt immer mit den Kaiser Chiefs zusammen – ich kann ohne diese Band nicht leben. Ich hatte zuerst Angst, das neue Material auf die Bühne zu bringen, aber nach diesem Erfolg bin ich beruhigt, gehe Nacht für Nacht nach draußen und freue mich einfach auf die Reaktionen der Leute. Ich denke auch schon an das nächste Album, was wir zuvor nie machten, nach dem Release eines anderen. Wir müssen den Ball am Rollen halten. Außerdem geht es auch um die Frage, warum wir arbeiten. Sicher nicht, um eine Auszeit zu kriegen. Wir haben immer getourt, pausiert, geschrieben und aufgenommen. Doch wofür die Pausen? Sie machen mich nicht glücklich.

"Krone": Um euer neues Album finanzieren zu können, habt ihr in einem Werbespot des britischen Finanzunternehmens Barclays mitgewirkt. Das war doch sicher eine schwierige Entscheidung für euch?
Wilson: Absolut. Wir hatten im Prinzip aber keine Wahl, denn wir hätten das Album sonst niemals zur Gänze finanzieren können. Ich habe unseren Manager dann angeblöfft und gesagt, wir würden das machen, wenn er keine Art von Provision verlangen würde. Er hat das aber als eine brillante Idee erkannt und gemeint, er würde sich wünschen, würden das mehrere Bands so machen. Wir haben also im Endeffekt all unser Geld zusammengekratzt und mit Barclays' finanzieller Unterstützung das Album gemacht, das wir machen wollten. Der Schritt ist natürlich zu diskutieren, aber Bands müssen heute anders agieren als vor zehn Jahren. Du musst die Chancen nützen, um Geld hereinzubekommen. Es ist immer so lange okay, solche Schritte zu setzen, solange du mit dir selbst damit im Reinen bist. Die Aktion an sich hat mir selbst nicht so behagt, aber der Grund und die Motivation warum wir das machen, war für mich total okay. Wir würden für das nächste Mal mit Sicherheit wieder ähnliche Schritte setzen.

"Krone": In den letzten Monaten habt ihr für euch viele richtige Entscheidungen getroffen.
Wilson: Das ist der Punkt. Es war erstmals seit langer Zeit für uns nötig, selbst viele Entscheidungen zu treffen. Bands mögen das für gewöhnlich nicht, aber im Prinzip musst du täglich Entscheidungen treffen. Du entscheidest dich dafür, dein Daheim zu verlassen und einen Plattenvertrag zu unterschreiben – es beginnt schon sehr früh. Irgendwann kommen andere Leute auf dich zu und wir versuchten immer, das zu vermeiden. Du darfst niemals andere Leute für dich entscheiden lassen, sondern musst selbst in diese Abenteuer eintauchen. Du spielst jeden Tag mit deiner eigenen Zukunft und musst vorsichtig sein. Aber es fühlt sich großartig an, die richtigen Schritte gesetzt zu haben.

"Krone": Würdet ihr einmal zu einem großen Plattenlabel, wie früher Universal, zurückkehren?
Wilson: Ich weiß es nicht. In Interviews sagst du niemals nie, denn sonst hängen sich die Leute auf Aussagen von dir auf und du schmeißt dir vielleicht selbst die Türen zu (lacht). Ich warte einfach ab, wohin mich die Welt trägt.

30.04.2014, 08:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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