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Foto: [Pias] Cooperative/Eliot Lee Hazel

Interpol: "Das Musikbusiness ist kein Sport"

25.08.2015, 17:00
Als die New Yorker Indie-Band Interpol Anfang des Jahrtausends die Alben "Turn On The Bright Lights" und "Antics" veröffentlichte, traf sie mit ihrem schwermütigen Düster-Sound genau den Zahn der Zeit. Nach einigen Soundexperimenten, Personalproblemen und kommerziell dünneren Jahren kehrten Frontmann Paul Banks, Gitarrist Daniel Kessler und Drummer Sam Fogarino 2014 mit "El Pintor" fulminant zurück. Am Rande des Frequency haben wir uns mit Kessler über die "neuen, alten" Interpol, die Passion für Musik und die Festivaltauglichkeit der passionierten Anzugträger unterhalten.

"Krone": Daniel, wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man den atmosphärischen, eher dunklen Sound deiner Band Interpol auf einem Festival spielt, wo es doch eher um Party, Beats und Bier geht?
Daniel Kessler: Ich finde das großartig, denn jeder Tag ist anders. Andere Länder, andere Kulturen, anderes Feedback. Du weißt nie was passiert und außerdem mag ich keine Soundchecks, bei Festivals muss ich die nicht machen, sondern gehe auf die Bühne, spiele und hoffe das Beste. Ein Festival ist ein totales Überraschungspaket und ich mag es, dass die Ästhetik so vielseitig ist. Mich erinnern Festivals an das Meeresleben. Hier versuchen die Bands als Seemänner alle am selben Hafen anzudocken, wo das Publikum wartet. Außerdem sieht man alte Freunde wieder, so wie in meinem Fall heute TV On The Radio.

"Krone": Du kannst dich also auch gut mit elektronischen Partybands identifizieren, die euch stilistisch nicht ferner sein könnten?
Kessler: Auf jeden Fall. Ich habe schon seit meinen Teenagertagen eine große Passion für elektronische Musik und ob es Elektronik oder Rock ist, ist am Ende des Tages egal, solange die Musik eben nur gut ist. Ich habe ja auch mal ein Label geleitet, auf dem elektronische Musik veröffentlicht wurde.

"Krone": Aber kriegt man das Publikum auf Festivals mit eurer eher dunklen Musik nicht wesentlich schwerer? Gelingt es euch wirklich, die Leute nach einer Partyband zu euch zu ziehen?
Kessler: Ich würde unsere Musik nicht zwingend als dunkel bezeichnen, ich sehe das bei Festivals eher als kulturelle Sache. Es gibt Shows, wo sich das Publikum ohnehin kaum bewegt und dann gibt es welches, das total durchdreht, egal wer gerade auf der Bühne steht. Das macht das Reisen in Europa auch so speziell, denn nirgendwo gibt es auf so kleinem Raum so viele unterschiedliche Kulturen zu entdecken.

"Krone": Letztes Jahr habt ihr mit "El Pintor" eines der aufregendsten Indie- Alben des Jahres veröffentlicht und seit stilistisch auch wieder zurück gegangen zum Erfolgsalbum "Antics" aus dem Jahr 2004. Fühlst du dich bei den dazwischenliegenden Alben "Our Love To Admire" und "Interpol" von den Leuten rückblickend missverstanden, weil sie das Material nicht so gut und euphorisch aufnahmen?
Kessler: Möglicherweise, aber ich sitze sicher nicht in einer Ecke herum und heule mir deswegen die Augen aus dem Kopf. Es ist einfach Kunst und in der Kunst machst du ohnehin was du machen willst und sagst, was du sagen willst. Ich habe nie viel darüber nachgedacht und im Moment fühle ich mich mit "El Pintor" im Rücken immer noch verdammt gut und selbstsicher. Aber alle Alben sind Teil unserer Geschichte und unseres Seins und wir hatten niemals die Intention, unsere Geschichte ständig zu wiederholen. Das würde alle langweilen – uns und unsere Fans. Progressiv vorzugehen ist eine gute Sache, das Anderssein macht Kunst erst interessant. Das Schöne an dem Business ist auch, dass man Kollegen loben, aber auch konstruktiv kritisieren kann. Wenn mir jemand aus dem Musikgeschäft sagt, er mag ein Album nicht, dann freue ich mich auf eine Diskussion, die mich weiterbringt. Es gibt aber am Ende kein Richtig und kein Falsch, denn subjektiver Geschmack verschwindet nicht.

"Krone": Worauf habt ihr bei "El Pintor" den Fokus gelegt, was war euch am Wichtigsten? Eben die Energie eurer Anfangstage wieder einzufangen?
Kessler: Wie immer haben wir uns eigentlich auch bei "El Pintor" im Vorfeld nicht allzu viele Gedanken über einen bestimmten Punkt gemacht. Wir hatten niemals Meetings oder eine bestimmte Konversation darüber, das Material ist am Ende einfach aus uns rausgeflossen. "El Pintor" ist wie alles andere von uns ein Zeugnis der Zeit, aber man kann natürlich nie voraussehen, wie ein Album bei den Leuten ankommt. Wenn ich mich jetzt hinsetzen würde und völlig fokussiert Songs schreiben möchte, würde das nicht klappen – es muss natürlich aus mir herausfließen. Wir hatten dann zusammen im Studio eine schöne Zeit, die fast die Atmosphäre einer Proberaum- Session hatte. Das Album war dann wirklich schnell geschrieben, weil die Energie zwischen uns allen einfach perfekt floss.

"Krone": Du hast Interpol 1997 gegründet und einst die Besetzung, die euch groß machte, zusammengestellt. Wie funktioniert denn bei Interpol die interne Zusammenarbeit, immerhin seid ihr allesamt sehr willensstarke Charaktere?
Kessler: Das klappt hervorragend, schließlich haben wir eben auch das letzte Album sehr schnell und professionell zusammen eingespielt. Dennoch arbeiten natürlich alle von uns einzeln an den verschiedenen Songs, um die Ideen dann auch untereinander auszutauschen. Wir sind aber sehr darauf bedacht, alles sehr diplomatisch zu regeln. Wir haben alle sehr viel Respekt voreinander, auf künstlerischer und auch persönlicher Ebene. Ich weiß, dass die Jungs großartige Künstler, Musiker und Menschen sind und ich fühle mich privilegiert, mit ihnen zusammenarbeiten zu können.

"Krone": Vor fünf Jahren gab es bei Interpol eine entscheidende Wende als euch Bandmitbegründer und Bassist Carlos Dengler plötzlich und ohne Angabe von Gründen verlassen hat. Wäre das beinahe das Todesurteil für die Band gewesen?
Kessler: Das war natürlich eine schwierige Sache, die für Interpol nicht leicht war, andererseits fiel seine Entscheidung aber auch zu einem Zeitpunkt, wo er die Parts für unser viertes Album bereits fixfertig eingespielt hatte. Er hat uns also nicht im Regen stehen gelassen, sondern das Projekt aus seiner Sicht zu Ende gebracht. Wir merkten erst ein paar Jahre später beim Songschreiben, dass mit Carlos ein wichtiger Part fehlt, man konnte ihn nicht einfach ersetzen und vergessen machen. Wir haben aber dann auch gemerkt, dass wir als Band stark genug sind, die Energien und Ideen für andere Songs da sind und wir weitermachen können. Seit dem Austritt von Carlos sind sehr gute Dinge passiert und es wäre falsch heute daran zu denken, dass etwas fehlt, sondern man freut sich über den Status Quo. Nur wenn etwas nicht funktionieren würde, würden wir uns Sorgen darüber machen. Das ist wie bei allen Sachen im Leben. Wenn es läuft, dann kann man die Vergangenheit auch ruhen lassen.

"Krone": Ihr habt Carlos dann aber nie mit einem richtigen fixen Mitglied ersetzt.
Kessler: Nein, wir haben aber auch nie darüber gesprochen, das Thema stellte sich im Nachhinein gar nicht. Paul spielte die Bassspuren am Album ein und auch live hatten wir immer eine gute Lösung. Wir haben nicht nach einem neuen fixen Mitglied gesucht, dafür haben wir sonst zu viel zu tun und es geht ja auch so hervorragend.

"Krone": Für das "El Pintor"- Album habt ihr beispielsweise auch viel Zeit und Ideenreichtum in das Artwork gesteckt. Hat diese Hingabe heute überhaupt noch Sinn, in Zeiten von Streaming und Downloading?
Kessler: Das Artwork ist immer wichtig. Es ist der erste Zugang, den ein Mensch zu unserer Album hat, es soll etwas aussagen und eine Richtung vorgeben – es ist sogar essenziell, sich darauf zu konzentrieren und es möglichst professionell zu gestalten. Wir hatten einen großartigen Designer, das Ergebnis fiel ideal aus und war die perfekte Klammer zu unserer Musik. Es gibt viele Entscheidungen, die viele Diskussionen nach sich ziehen, aber die Entscheidung für dieses Artwork war so einfach wie selten etwas zuvor.

"Krone": Fühlst du immer noch dieselbe Leidenschaft und Passion für Musik wie 1997, als du Interpol ins Leben gerufen hast?
Kessler: Ich auf jeden Fall. Für mich ist die Leidenschaft sogar größer als früher, denn schließlich spielen wir derzeit fast täglich live und sehen auch junge Kids, die Zugang zu unserer Musik finden, obwohl sie eigentlich zu jung dafür sein müssten. Für mich ist das ein Privileg und durch das Alter und die dazugewonnene Reife sehe ich viele Dinge auch viel dankbarer. Noch vor fünf Jahren fühlte ich mich als eine Art Teenager, heute ist das nicht mehr der Fall. Das Musikmachen schätze ich heute mehr als je zuvor.

"Krone": Du hattest es aufgrund deines breiteren Interessensfeldes auch immer etwas leichter, denn du hast nebenbei stets bei Labels gearbeitet und die wirtschaftliche Seite des Musikgeschäfts studiert.
Kessler: Ich habe vielleicht eine gute Nase für viele Dinge, das mag stimmen, aber heute kann es sich ohnehin kein einziger Musiker mehr leisten, sich ausschließlich auf seine Kreativität zu fokussieren. Diskussionen um wirtschaftliche Belange enden ohnehin nie, auch wenn man vielleicht einmal glaubt, man hätte für längere Zeit alles abgeklärt. Dem ist dann sicher nicht so. (lacht)

"Krone": Aber du hast dennoch einen komplett anderen Zugang zum Musikbusiness, da du im Prinzip überall firm bist und man dich kaum überrumpeln kann.
Kessler: Ich tue mich schwer, hier ein Urteil zu geben, denn ich habe immer schon selbst als Label gearbeitet, weil ich die Musik herausbringen wollte, die mich selbst interessiert und ich niemals Künstler in ihrem kreativen Schaffen beschneiden wollte. Für mich ist es ziemlich schwierig, die Musik und Labelbelange zu trennen, weil ich auf allen Seiten weiß, wie es läuft. Ich folge aber nicht den Details der Musikindustrie oder was gerade in ist. Für mich ist das Musikgeschäft kein Sport, mich interessieren dann die großen Dinge des Lebens doch mehr.

"Krone": Welchen Stellenwert hat Interpol für dich und andere Menschen im Jahr 2015?
Kessler: Ich fühle mich privilegiert, dass ich mit der Band noch immer Musik machen kann und es die Menschen auch interessiert. Wenn ich mal müde bin oder einfach keine Lust mehr auf das Reisen habe, dann halte ich mir schon immer vor, wie großartig mein Leben eigentlich verläuft und wie viel Glück ich habe, es so führen zu dürfen. Ich kann meine Gefühle und Songs mit anderen Menschen teilen, habe einen direkten Austausch. Das ist großartig.

"Krone": Wie sieht es jetzt mit der näheren Zukunft von Interpol und deinen Nebenprojekten aus?
Kessler: Mit Big Noble habe ich Anfang des Jahres das Album "First Light" veröffentlicht. Es ist eine Kooperation mit einem Freund, der Designer ist und unsere Ambition war, eine Art von Filmsoundtrack zu erschaffen. Es ist Indie- Musik, die meiner Meinung nach perfekt zu einem Stadtspaziergang oder einem Ausflug in die Natur passt. Du kannst die Musik sehr gut verbinden mit dem Visualisiertem, das du erlebst. Auf Interpol- Basis wird es sicher den Zeitpunkt geben, wo wir wieder zusammentreffen werden, aber derzeit schreibe ich nicht aktiv an Songs. Paul hat auch Nebenprojekte und all diese Dinge sind auch wichtig, um das Feuer bei Interpol am Lodern zu halten.

"Krone": Aber bei Interpol wird musikalisch gesehen immer noch deine Priorität liegen?
Kessler: Ich habe auch nicht so viele Nebenbaustellen und habe bislang mein ganzes Leben in diese Band gesetzt, also insofern ist da keine Verschiebung der Prioritäten zu befürchten. (lacht) Keine Sorge.

25.08.2015, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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