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11.12.2016 - 03:30
Foto: Skalarmusic

Good Charlotte und der Fight gegen das Erwachsenwerden

22.01.2011, 09:52
Eine rechte Freude hätten sie ja nicht damit, medial in die infantile Pop-Punk-Schublade gepfercht zu werden, raunzen die Bandmitglieder gerne – gezeigt haben die US-Rocker von Good Charlotte bei ihrem mit 3.000 Besuchern ausverkauften Tour-Start am Freitag im Wiener Gasometer anderes. Wie sie sich partout weigerten, ihrem "Wir haben uns alle lieb"-Kosmos zu entfliehen und Fingernägel kauende Teenies in Hysterie trällerten, verrät, dass sie auch in einem Alter um die 30 noch nicht erwachsen werden wollen. Daran vermochte die musikalisch piekfeine Performance ebenso wenig zu ändern wie der Umstand, dass Good Charlotte live härter und deswegen hörenswerter klingt als auf Platte.

Offenes Nike- Schuhwerk, zurückgegeltes Haar und als bizarre Draufgabe Sonnenbrillen in der ohnehin stockfinsteren Gasometer- Halle: Sollte Frontman Joel Madden, frischgebackener Ehemann von Nicole Richie, die Absicht gehabt haben, mit seinem Styling just in Wien Falco zu imitieren, so ist das Experiment, mit Verlaub, ein bisserl in die Hose gegangen. Seinen leicht patschert wirkenden Aufputz verzieh man ihm aber gerne, als er im Verbund seiner vier Mitstreiter der gespannten Meute gleich zu Beginn mit dem Klassiker "The Anthem" und darauffolgend mit "Girls And Boys" gekonnt einheizte. Während andere Bands ihre Songs auf der Bühne fast doppelt so schnell intonieren wie auf Platte und sie mit windschiefen Akkorden fast bis zur Unkenntlichkeit verpfuschen, entsprechen die Live- Versionen der Good- Charlotte- Hits fast eins zu eins den Studio- Fassungen.

Nur dass die nervtötenden Synthesizer- Sounds, die Gitarrist William George Dean Martin ab und zu via Keyboard einzuschleusen versucht, live gottlob sofort von Benji Maddens Brachial- Powerchords auf der Gitarre erschlagen werden. Und weil Drummer Dean Butterworth mit uhrwerkartiger Präzision den Rest der Band bombensicher durch das Set manövriert, kann es sich Frontman Joel zwischendurch auch erlauben, mit anderen verkannten Talenten als mit seiner Gesangskunst zu überzeugen: So stellte er mehrmals unter Beweis, dass er es zuwege bringt, kerzengerade in die Höhe zu spucken. Chapeau!

Nervende Liebeserklärungen

Noch fragwürdiger, mit der Zeit richtig penetrant, waren allerdings seine Ansagen zwischen den Liedern. Kaum eine Pause, in der er nicht darauf hinwies, welch tolle Stadt Wien doch sei und wie glücklich es ihn mache, hier zu sein. "Vienna makes me live forever", wusste er etwa schon bei der Begrüßung. "You are so awesome", legte er nach. Da wollte sein Zwillingsbruder Benji, der Joels Hauptgesang bei den Refrains immer schön artig mit der harmonisch einwandfreien Terz akkordierte, nicht nachstehen: "You don't know how happy we are to be here tonight", streute er den großteils weiblichen Fans Rosen. Und die Girls zahlten ihm seine Liebeserklärung mit inbrünstigem Gekreische zurück.

Vielfältig einsetzbare Stimme

Ähnlich groß waren die Jubelstürme im Publikum nur, als Good Charlotte im vorderen Drittel des Sets zu ihrem Hit "The River" aus dem Album "Good Morning Revival" ansetzte. Dabei stieß Sänger Joel allerdings an seine stimmlichen Grenzen, geriet bei den extremen Höhen ins Straucheln. Ansonsten aber spielte sein Stimm- Organ alle Stückerl: Madden beherrscht die schmalzig- herzensbrecherischen Effekte ebenso wie die rotzige Reibeisen- Stimme. Selbst Rap- Lastiges wie "Keep Your Hands Off My Girl", ebenfalls aus "Good Morning Revival", stellte für ihn kein Hindernis dar: Partyfeeling pur! Und immer wieder das gleiche Spiel: "Vienna, you're so great", murmelte Joel per Mikrofon in das weitläufige Areal - die pubertierenden Mädels kontern mit Tinnitus- Alarm. Extra- Lob gab es von Joel für die ach so tollen Fans, weil sie angeblich alle Texte des aktuellen Albums "Cardiology" perfekt beherrschten.

Bei "I just wanna live" ging im Gasometer die Post dann so richtig ab: Bis in die hintersten Reihen hüpften die aufgezuckerten Besucher auf und ab - selbst jene obskuren Typen, deren einziger Aufenthaltsgrund bis dahin darin bestanden hatte, anderen Besuchern halbvolle Bierbecher aus Hartplastik an den Kopf zu knallen.

Zaghafte Zugabe- Rufe

Nach eineinviertel Stunden war das erste Set zu Ende. Die Zugabe- Rufe kamen ein bisserl schleppend in Gang. Trotzdem gab es die drei obligaten Draufgaben mit dem logischen Höhepunkt "Lifestyle Of The Rich And The Famous" als krönenden Abschluss. Benji verkündete zum Abschied noch, dass er sich in Wien niederlassen, sich eine Frau suchen und mit ihr Babys machen werde. Blöd nur, dass er den gleichen Schmäh schon beim letzten Good- Charlotte- Gig in Wien vor dreieinhalb Jahren zum Besten gegeben hatte. Ob er diesmal seinen Worten Taten folgen lassen wird?

von Michael Fally, krone.at

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