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03.12.2016 - 17:18
Foto: Scott Simonatcchi

Doug Seegers: "Ohne Gott wäre ich längst tot"

10.10.2016, 17:00

Gegen seine Geschichte verblasst sogar die des Blues- Musikers Seasick Steve. Der US- Amerikaner Doug Seegers versucht sich zeit seines Lebens als Country- Musiker, rutscht in eine Alkohol- und Drogenhölle und findet mit Hilfe von Gott wortwörtlich über Nacht aus dieser, nur um kurz darauf vom schwedischen Fernsehen in Nashville entdeckt zu werden, die eine immer noch laufende Märchenkarriere begründet. Als all das passierte, war Seegers bereits 61 - drei Jahre später kommt er erstmals auf Tour im deutschsprachigen Raum und macht dabei auch in Wien Station. Im Gespräch mit der "Krone" erzählt er von seiner wunderbaren Wandlung, den Tücken der Berühmtheit und warum er noch immer auf der Straße spielt.

"Krone": Doug, du bist 64 und jetzt erstmals auf großer Tour im deutschsprachigen Raum. Vor zweieinhalb Jahren wurdest du entdeckt, als du, obdachlos, in Nashville auf der Straße "Going Down To The River" gespielt hast. Der Song kam in eine schwedische Dokumentation, seitdem bist du dort ein Top- Star und auch in Resteuropa unaufhaltsam auf dem Vormarsch.
Doug Seegers: Das ist ein komplett neues Territorium und ich habe keine Ahnung, was ich spielen werde und was mich erwartet. In Schweden habe ich gerade meinen dritten Sommer verbracht, und dort läuft es wirklich gut für mich. Jetzt gilt es aber, neue Bereiche zu ergründen. Letztes Jahr waren wir in London, dort tat ich mich schwer. Die Leute dort stehen auf Rock'n'Roll und nicht so sehr auf Country, dafür haben sie mich in Schottland abgefeiert.

"Krone": Was glaubst du denn, was bei deinen Shows in Österreich und Deutschland passieren wird?
Seegers: Ich glaube, dass die Leute bei mir einfach eine komplett neue musikalische Erfahrung kriegen. Die meisten Leute bezeichnen meine Musik als echt. Ich habe einen Old- School- Sound, es ist nichts überproduziert und einfach sehr geerdet und handgemacht. Ich mache einfach das, was ich kann und habe keine Ahnung von der modernen Technologie. Ich bin inspiriert von Künstlern, die mich als Kind begeistert haben - da ist kein Platz für Moderne.

"Krone": War dieser Über- Nacht- Erfolg für dich anfangs nicht ein bisschen viel?
Seegers: Es war extrem überraschend und unerwartet. Ich habe nie gefühlt, dass ich das verdient hätte und das befremdet mich immer noch. Nach diesem Song, den Jill Johnson für die Doku aufgenommen hat, kamen Leute auf mich zu und sagten mir Sachen wie: "Nach all den harten Jahren hast du es endlich geschafft". Ich habe aber nie nach Ruhm und Erfolg gesucht. Ich habe einfach auf der Straße Gitarre gespielt, das war's. Meine größte Veränderung war, dass ich meine Sucht besiegte. Das ist für mich das Allerwichtigste und dafür kann ich Gott nicht genug danken. Es ging so einfach und plötzlich. Es gab diesen einen Abend, da wurde mir klar, dass ich einen langsamen, qualvollen Tod sterben würde, wenn ich mit den Drogen und dem Alkohol nicht aufhören würde. Ich betete schwer betrunken und hoffte auf Hilfe. Ich wachte am nächsten Tag auf, hatte ein neues Gefühl und griff niemals wieder etwas an. Ich bin für die Menschen wohl ein lebender Zeuge dessen, was mit einem guten Willen und der Hilfe von Gott möglich ist. Ich war auf Alkohol, Kokain und sogar Heroin - jahrelang. Ich fragte Gott um Hilfe und er half mir. Das ist für mich das größte Wunder und nur ein Monat später passierte das mit Jill Johnson.

"Krone": Du warst nie auf einer Reha?
Seegers: Nein, es ging einfach mit der Hilfe von Gott. Ich hatte nicht einmal Entzugszustände. Keine kalten Hände, keine Schweißausbrüche, nichts. Gott hat mir dann Jill gebracht, die mich entdeckte. Er hat einfach einen Job für mich und schickt mich nun herum, damit ich für die Menschen Songs schreibe, die sie inspirieren.

"Krone": Wie bist du in diesen fatalen Zirkel aus Drogen und Alkohol geschlittert?
Seegers: Meine Kindheit war nicht leicht. Mein Dad verließ uns als ich acht war und kam nie mehr zurück. Ich habe früh für die Familie gearbeitet und meine Mutter hatte eine harte Zeit. Sie hat dann noch einmal geheiratet und mein Stiefvater mochte mich nicht. Ich hatte keine schöne Kindheit und der Alkohol war meine Flucht aus dem Alltag. Das funktionierte und steigerte sich dann zu anderen Drogen. Ich war schon sehr früh Alkoholiker. Ich war auch einmal im Gefängnis und dort wurde bei mir eine Depression diagnostiziert. Ich hatte keine Kontrolle über mein Leben und all die Mittel, die ich mir einwarf. Ich bin leider ein Suchtmensch, das kriege ich nie weg, aber Gott hat mich gerettet. Ich bin kein wirklich sozialer Mensch. Ich habe meine Highlights, wenn ich für Menschen spielen kann und wenn mir sie dann sagen, was ihnen meine Songs bedeuten. Mein Job ist es eben, mich für Gott zu präsentieren, den Leuten mein Leben zu zeigen und ihnen Ausweichmöglichkeiten aus ihren Problemen zu bieten.

"Krone": Du bist selbst Vater von mehreren Kindern. Hast du darauf geachtet, von Anfang an die Fehler zu vermeiden, die dein Vater und Stiefvater einst machten?
Seegers: Absolut, natürlich war mir das immer wichtig. Ich habe meine Kids aufwachsen sehen, bevor ich wieder in die Welt der Musik zurückkehrte. Ich hatte viele Auf und Abs in meiner Ehe und mit meinen Kids. Ich hatte oft zu lang gefeiert und kam am nächsten Morgen mit einem furchtbaren Kater heim, das war nicht sehr klug und reif. Ich habe gewartet, bis mein Sohn 15 war und habe ihn dann gefragt, ob es für ihn okay sei, wenn ich von New York nach Nashville ziehen würde, um meinen Traum zu verfolgen. Als ich nach Nashville kam, war ich für sechs oder sieben Jahre clean, aber rund um 2000 kam ich nach Nashville und dort fiel ich nach ca. zwei Jahren wieder in den Drogensumpf. Ich war extrem alleine und natürlich immer auf Partys. Dann ging es wieder los.

"Krone": Wie hat dein Sohn dann darauf reagiert?
Seegers: Ich hatte immer Kontakt zu ihm, wir haben viel telefoniert. Es war okay.

"Krone": Warst du bereits vor deinen Erfahrungen mit den Drogen religiös?
Seegers: Ich war sonntags mit meiner Mutter immer in der Kirche, wir hatten eine religiöse Erziehung. Damals stellte sich die Wahl gar nicht. (lacht) Ich fühlte aber nicht die Anwesenheit von Gott, das kam dann erstmals zu Beginn meiner 20er. Aber wie gesagt - als ich clean war, habe ich die Präsenz von Gott gefühlt und wusste, er hatte Pläne mit mir.

"Krone": Hast du eigentlich zwischendurch einmal aufgehört, Songs zu schreiben und Gitarre zu spielen?
Seegers: Als ich kokainabhängig war, habe ich kaum Gitarre gespielt. Ich hatte ganz normale Jobs und habe mein ganzes Geld für Kokain und Alkohol rausgeworfen. Ich habe trotz der Jobs immer Drogen genommen, es war wirklich furchtbar. Ich habe die Musik in dieser Zeit auch gar nicht vermisst, sonst hätte ich gar nicht temporär aufhören können. Diese Sucht hat mich total vereinnahmt und mir die Musik genommen.

"Krone": Du bist also nach dem Cleanwerden erst wieder so richtig zur Musik zurückgekommen - nicht viel mehr als vor gut drei Jahren?
Seegers: Das ist korrekt. Ich saß mit zwei Flaschen Schnaps vor einer Kirche, hatte gerade meine Freundin verloren und betete, heulend und besoffen, mit all meiner Kraft zu Gott, um ihn zu bitten, mich endlich aus diesem Teufelskreis zu holen. Es war ein Wunder und kurz darauf konzentrierte ich mich wieder total auf die Musik. Es ging alles so schnell. Ich war gerade dabei, mir bei der Sozialhilfe essen zu holen, als mir jemand sagte, diese Frau eines schwedischen Senders wolle mich interviewen. Ich hatte überhaupt keine Lust dazu, wollte mit niemandem reden. Aber sie blieb hartnäckig und hat mich dazu animiert, mit den Leuten zu reden. Dann ging ich raus, da waren diese komischen Menschen mit ihren Mikrofonen und Kameras. Ich sprach dann und fragte, ob es okay wäre, wenn ich "Going Down To The River" spielen dürfte. Die waren total ergriffen von der Nummer. Von dort an nahm alles seinen Lauf.

"Krone": Es ging dann wirklich rasant mit dir bergauf. War es nicht schwierig, diese Veränderungen in den Griff zu kriegen?
Seegers: Nicht so wirklich. Ich habe mich selbst auch nicht groß verändert. Ich bin niemand, der wegen Geld in Aufregung versetzt wird oder aus seiner Haut fährt. Natürlich brauchen wir es alle, um zu leben, aber es ist für mich kein Grund, etwas an mir zu ändern. Als ich obdachlos war und auf der Straße spielte, habe ich mich auch nicht darum gesorgt. Nun habe ich die Möglichkeit, dass ich meine Botschaft von Gott weitertragen kann, dass ich versuchen kann, sie mit meiner Musik zu heilen. Es gibt nur einen Weg in die Sucht, die führt über Satan. Raus kommst du nur mit Gott und einem Glauben. Es ist auch okay, wenn du und andere nicht daran glauben. Jeder, wie er will. Ich versuche einfach nur meine Nachricht zu vermitteln und wenn einer unter einer Million daraus einen Nutzen zieht, ist das für mich toll.

"Krone": Konntest du dir mit dem Geld und dem Erfolg Träume erfüllen?
Seegers: Ich möchte einmal ein schönes Haus haben. (lacht) Das war es eigentlich, mehr will ich nicht. Ich war so lange obdachlos, dass das mein größter Wunsch ist. Am besten in Nashville und dann will ich einfach weiter Musik machen können. Mir ist es lieber, wenn ich anderen helfen kann. Ich möchte gerne neben meiner eigenen Karriere andere junge Künstler produzieren, das könnte ich mir gut vorstellen. Ich liebe es zu touren, live zu spielen und mit den Leuten zu reden. Die Menschen sind so warmherzig, dankbar und nett zu mir. Solange ich diesen Vibe spüre, will ich sicher nicht aufhören. Ich bin nicht mehr der Jüngste, muss immer wieder Pausen machen, aber ich kann mir nicht vorstellen, jemals aufzuhören.

"Krone": "Walking On The Edge Of The World" ist dein neues, zweites Album. Sind die Songs alle neu geschrieben, oder hast du dabei auch auf alte Ideen zurückgegriffen?
Seegers: Das mischt sich gut zusammen. Der Titelsong hat schon einige Jahre auf den Buckel. "From Here To The Blues" schrieb ich in meinen 30ern und "She's My Baby" damals für meine dreijährige Tochter. Sie ist jetzt 32. Ich habe natürlich was an den Arrangements geändert und sie modernisiert. "Give It Away" hingegen ist ziemlich neu und ich wollte auch ein paar Coversongs machen, um meine Helden zu ehren. Ich habe zudem Gospel- Songs auf das Album gepackt, weil mich diese Musik sehr bewegt. Ich bin nicht unbedingt selbstsicher, wenn es um meine Musik geht, aber ich fühle mich sehr geehrt, dass die Menschen meine Musik mögen. Es reicht aber noch nicht, um Selbstvertrauen zu gewinnen. (lacht) Bob Dylan oder Bruce Springsteen sind großartige Songwriter, da komme ich nicht einmal annähernd ran. Man muss aber kein Genie sein, um Songs zu schreiben. Ich schreibe einfach echt und ehrlich, das ist meine Aufgabe.

"Krone": Meiner Meinung nach klingt dieses Album wesentlich positiver und lebensbejahender als dein Debütalbum vor zwei Jahren.
Seegers: Wirklich? Dankeschön, das freut mich. Ich hatte dieses Gefühl nicht immer. Ich habe mit vielen Leuten auf dem Album zusammengearbeitet. Zum Beispiel mit Emmylou Harris und ihrer Band. Wir haben uns alle so extrem gut verstanden, so dass der Aufnahmeprozess unheimlich viel Spaß machte.

"Krone": Gibt es bestimmte Musiker, mit denen du künftig unbedingt noch zusammenarbeiten willst?
Seegers: Es gibt eine schwedische Musikerin, deren Stimme ich wirklich mag. Ich versuche sie zu supporten und ein Album für sie zu produzieren, das ist meine Aufgabe. Auf meinem dritten Album wird es einige Duette zu hören geben, zum Beispiel mit Sofia Olsson. Davor spiele ich aber ein Hank Williams- Tribute- Album ein, das wird im Jänner passieren. Darauf freue ich mich ungemein. Ich bin mit Hank Williams aufgewachsen und habe seine Lieder mein ganzes Leben lang gesungen. Ich spiele immer noch auf der Straße Gitarre, mache das auch heute noch vor jedem Auftritt in der jeweiligen Stadt, in der ich bin. Das erdet mich. Da ist mein Daheim und von dort komme ich.

"Krone": Geht das auch noch in Schweden? Oder bist du dort nicht schon zu bekannt?
Seegers: Klar doch, ich mache das die ganze Zeit. Die Leute fragen mich oft, warum ich das noch mache, aber dort liegt meine Komfortzone. Das kann man nur verstehen, wenn man selbst immer auf der Straße spielte. Ich kann mit den Leuten reden, habe Augenkontakt. Sie können kommen und gehen, wann sie wollen. Straßenmusik ist die beste Schule. Du musst gut sein, damit du beachtet wirst, ansonsten interessiert sich kein Mensch für dich.

"Krone": Ich weiß nicht, wie das in Schweden ist, aber in Österreich ist das nur zu bestimmten Zeiten an bestimmten Plätzen erlaubt.
Seegers: Das ist in Schweden nicht anders. In Stockholm spielte ich letzten Sommer einmal in der U- Bahn. Dann kamen zwei Polizisten und sagten, ich müsse aufhören und weitergehen. Ich entschuldigte mich und war schon auf dem Weg, bis ein Cop mich erkannte und ein Selfie mit mir wollte - er schickte mich trotzdem weg, weil die Gesetzlage einfach so ist. (lacht) Um eine lange Geschichte zusammenzufassen: Immer, wenn ich einen neuen Song schreibe, teste ich ihn zuerst auf der Straße. Kommt er dort gut an, dann ist er reif für ein Album. Wenn nicht, solltest du dir was überlegen. Für mich sind die Leute auf der Straße mein Werkzeug und meine Kritiker.

"Krone": Wenn dich die Leute heute bereits kennen, ist das Feedback denn dann noch ehrlich? Oder kriegst du da schon den berühmten Promibonus?
Seegers: Das ist eine gute Frage. Dagegen kann ich nichts machen, aber diese Art eines Promibonus ist sowieso schlecht für das Musikgeschäft. Bruce Springsteen könnte auf ein Blatt Papier kacken und es würde sich von selbst verkaufen. Diese Entwicklung heiße ich auch nicht gut.

Wer die Magie von Doug Seegers' einzigartig zelebriertem Country selbst erleben möchte, der hat dazu am 31. Oktober die Gelegenheit im Wiener B72. Alle Infos und Karten erhalten Sie unter www.dougseegersmusic.com .

10.10.2016, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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