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04.12.2016 - 02:26

Deichkind: Hedonismus mit subtilem Tiefgang

31.01.2016, 12:00

Knapp 8.000 Menschen wurden Samstagabend in den Partymodus versetzt, denn mit den Hamburger Electro- Poppern Deichkind machte die wohl bunteste Band des Jahres Station in der Wiener Stadthalle. Dröhnende Beats, subtil eingewobene Botschaften und Hits im Sekundentakt sorgten für zwei wohlige Stunden Realitätsflucht.

Yippie Yippie Yeah, Yippie Yeah - Krawall und Remmidemmi! Schon der Weg über den Vogelweidplatz zur Wiener Stadthalle wird zum Parforceritt. Ein Schritt über eine geleerte Flasche Stolichnaya, der nächste über den beliebten "Servus"- Weißwein, und schlussendlich trüben auch noch achtlos hingeworfene "16er- Blech" das Gehvergnügen gen Eingang. Der Zirkus ist wieder in der Stadt - er nennt sich schlicht Deichkind, ist laut, grell, bunt und damit einhergehend zu einem großen Teil die Verkörperung der Generation Flatrate, die sich gemäß dem Motto "ich will alles, sofort und gratis" genau mit Songs wie "Arbeit nervt", "Like mich am Arsch" oder "Prost" identifizieren kann.

Zeitgeistige Anarchie

Wenn die Hamburger Electro- Hip- Hop- Punker die Bühnen entern, dann weht stets der Duft von anarchistischer Gesetzlosigkeit durch die Hallen. Dabei wäre die Show vor knapp 8.000 enthusiasmierten Begeisterten fast ins Wasser gefallen, denn aufgrund von Frequenzproblemen bestand die berechtigte Sorge, dass die ferngesteuerten Showrequisiten nicht zur Verfügung stehen würden. Ein Glück, dass am Ende doch noch alles klappte und das knallige Spektakel mit nur minimaler Verspätung über die Bühne gehen konnte. Kryptik Joe, Porky und Ferris ließen sich von den Unsicherheiten nichts anmerken und exerzierten in kruden Kostümen eine audiovisuell- lärmige Krawallshow für partyliebende Teens und jene Volljährige, die, ganz dem Zeitgeist entsprechend, mit Händen und Füßen gegen das Erwachsenwerden ankämpfen.

Deichkind stehen seit mittlerweile 19 Jahren aber nicht nur für blinde Dekadenz, sondern auch für das geschickte Einbauen gesellschaftlich wichtiger Botschaften, die sich dem Hörer live als visuelles Kleid der Kuriosität entfalten. Ein Bierglas mit Bildungsauftrag sozusagen, denn das Trio mit den vielen Backgroundsängern und -tänzern zelebriert keinesfalls den schnöden Stumpfsinn, sondern prangert den Leistungsdruck in der Arbeitswelt ("Denken Sie groß"), gängige Mechanismen der Beförderung ("Bück dich hoch") oder sogar das durch viele Gründe drohende Ende unseres Daseins an ("Die Welt ist fertig"). Die perfiden textlichen Nadelstiche verpacken Deichkind in wohlig wummernde Beats und exerzieren sie als schräge Bühneneskapaden.

Ironie & Kondition

Springschlangen fliegen ins Publikum, die Musiker fahren auf Tretrollern und Rollatoren durch die Gegend, leuchten mit Pyramidenhüten und setzen sich überdimensionale Plastik- Hirne auf. Eine Deichkind- Show geht den direkten Beteiligten in die Knochen, denn für das stramme, niemals stillstehende Zwei- Stunden- Programm braucht man eine gehörige Portion Kondition, die man nicht jedem Bandmitglied ohne Einwand zugestehen würde. Mindestens genauso wichtig sind der Band Ironie und Doppelbödigkeit. So wandeln sie beim Song "Hauptsache nichts mit Menschen" in Polonaise- Formation durch die kreischenden Fan- Massen, oder bekritteln die Sucht nach Geltungsdrang und dem Ich- Sein in "Egolution".

Natürlich dürfen auch die klassischen Band- Gimmicks nicht fehlen, die da wären Pestmasken, Publikumswellenreiten im Schlauchboot oder Bürodrehstuhlwettfahren. "Hört ihr die Signale? Die Saufsignale?", tönt es aus den Mikros und tausende Kehlen grölen mantraartig mit. "Niveau weshalb warum" fragt sich vielleicht so mancher, einem Songtitel Deichkinds gleich, doch das Niveau ist sehr wohl vorhanden, nur gut versteckt hinter einem Kindergeburtstag volljähriger Männer im besten Midlife- Crisis- Alter. Deichkind personifizieren die "You Only Live Once" (YOLO)- Einstellung immer noch am besten und seien wir uns ehrlich - wäre das parallel ausgestrahlte Dschungelcamp- Finale tatsächlich sinnvoller gewesen?

31.01.2016, 12:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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