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25.03.2017 - 13:11

Das amerikanische Kulturgut: Bob Dylan wird 75

20.05.2016, 17:00

"Wie Einstein für die Physik" sei Bob Dylan für die Popkultur, schrieb das US- Magazin "Newsweek". "Einer der großen - wenn nicht der größte - Songschreiber des 20. und 21. Jahrhunderts", sagt der Historiker und Dylan- Experte Sean Wilentz von der Princeton- Universität. Am 24. Mai wird Dylan 75 Jahre alt. Sein weltweiter Einfluss ist kaum hoch genug einzuschätzen.

Mit Protestsongs wie "Blowin' In The Wind" oder "The Times They Are A- Changing" revolutionierte der als Robert Allen Zimmerman in Duluth/Minnesota geborene Dylan Anfang der 60er- Jahre noch als Akustik- Folk- Sänger die gesellschaftliche Relevanz der populären Musik. Als Erfinder des elektrischen Folkrocks mit Meisterwerken wie "Like A Rolling Stone" wies er einer ganzen Musikergeneration neue Wege. Auch im fortgeschrittenen Alter nahm er wichtige Alben wie "Time Out Of Mind" (1997) auf. Und als wichtigster Popdichter ist er seit 20 Jahren Kandidat für den Literatur- Nobelpreis.

Kein politischer Mensch

In seinen Liedern vereine dieser längst legendäre Künstler Ideen, Gefühle und Lyrik, sagt Wilentz, der das Buch "Bob Dylan und Amerika" veröffentlichte. "Und seine Arbeit, damals wie heute, inspiriert, gefällt, unterhält und baut Menschen weltweit auf." Allerdings sei Dylan "im Wesentlichen kein politischer Mensch", betont der Geschichtsprofessor. "Er wollte niemals in irgendeiner Weise ein Anführer sein - er ist ein Künstler und hat nicht dieses politische Temperament."

Gut 35 Millionen Google- Treffer finden sich zu Bob Dylan. Rund 100 Millionen Tonträger soll der Musiker verkauft haben - und damit weniger als Taylor Swift oder Justin Bieber. Doch mit Zahlen lässt sich das Kulturphänomen nicht erfassen. In seinen 2004 erschienen "Chronicles" schrieb Dylan über seinen Karrierestart: "Amerika wandelte sich. Ich ahnte eine schicksalhafte Wendung voraus und schwamm einfach mit dem Strom der Veränderung. Das ging in New York genauso gut wie anderswo."

Liebe zum Folk

Noch unter seinem Geburtsnamen spielt der Gitarrist und Pianist zunächst Mitte der 50er- Jahre Rock'n'Roll in Highschool- Bands wie The Golden Chords oder The Shadow Blasters. Das Faible für die neue Folk- Bewegung entdeckt der aus einer jüdischen Familie stammende junge Mann 1959 an seinem Studienort Minneapolis. Der Songwriter- Tramp Woody Guthrie und die US- Linken- Ikone Pete Seeger werden ihm nun wichtiger als Little Richard oder Gene Vincent.

So treibt ihn der "Strom der Veränderung" in den New Yorker Szene- Stadtteil Greenwich Village. Erste Konzerte in kleinen Folkclubs, erste Plattenaufnahmen, der erste Vertrag mit dem Label Columbia - aber noch deutet nichts darauf hin, dass hier einer die Musikwelt auf den Kopf stellt. Das ändert sich mit dem Song "Blowin' In The Wind" vom zweiten Album "The Freewheelin' Bob Dylan" (1963), dessen längst ikonisches Cover ihn in enger Verbundenheit mit seiner ersten großen Liebe Suze Rotolo zeigt.

Einflussnehmer

Wilde, wütende Lieder wie "Masters Of War" oder "A Hard Rain's A- Gonna Fall" qualifizieren Dylan für die Protest- Folk- Bewegung um Joan Baez - und für den Marsch der Bürgerrechtler ("Civil Rights March") mit Martin Luther King nach Washington. Er nimmt nun großen Einfluss "auf alles, was aus dem linken Reformismus kommt, aus der sich entwickelnden Kultur, die er vor 50 Jahren stark geprägt hat", sagt Wilentz.

Doch weder die Rolle eines Folkidols mag Dylan auf Dauer annehmen, noch die der politischen Symbolfigur. Also mutiert er abermals - diesmal zum Rockmusiker mit elektrischer Gitarre und lauter Band. Auf den neuen Song "Maggie's Farm" reagieren Fans beim Newport Folk Festival mit Buhrufen, ein Jahr später wird er in England für seinen "Verrat" am Folk als "Judas" beschimpft.

Bestes Lied aller Zeiten

Aber Dylan lässt sich nicht beirren und komponiert Mitte bis Ende der 60er Klassiker in Serie. "Like A Rolling Stone" bricht damals gängige Regeln der Musikindustrie und wird später vom Fachblatt "Rolling Stone" zum besten Lied aller Zeiten gekürt. Alben wie "Bringing It All Back Home", "Highway 61 Revisited" und "Blonde On Blonde" machen Dylan zum Rockstar. Seine mit ungewohnten Metaphern und literarischen Anspielungen durchsetzten Texte sind von beispielloser Qualität.

Nach einem mysteriösen Motorradunfall im Sommer 1966 zieht sich Dylan aus der Öffentlichkeit zurück, lässt die von ihm geprägte Gegenkultur links liegen, lebt mit seiner Ehefrau Sara Lowndes und den gemeinsamen Kindern (darunter der später seinerseits als Sänger erfolgreiche Sohn Jakob Dylan) nahe Woodstock bei New York. Als dort 1969 das wichtigste Festival des Jahrzehnts über die Bühne geht, ist ausgerechnet der neben den Beatles und den Rolling Stones wichtigste Rock- und Pop- Pionier nicht dabei.

Großer Wandel

Nach dem Rückzug meldet er sich wieder mit Folk zurück, das Album "John Wesley Harding" ist von religiösen Motiven durchzogen. Dann nähert sich Dylan mit "Nashville Skyline" dem Country. Die 70er sind eine wechselhafte, schwierige Zeit für Dylan: die Trennung von Sara Lowndes, eine gewisse künstlerische Stagnation (abgesehen vom herausragenden "Blood On The Tracks" und in Teilen "Desire"), am Ende des Jahrzehnts eine Hinwendung zum Christentum. All das ist begleitet vom Aufschrei vieler Fans.


Auch für die 80er fällt die Bilanz durchwachsen aus: einige schwache Platten, Alkoholprobleme, chaotische Konzerte. Auf der Habenseite stehen eine zweite Heirat, kommerzielle Erfolge mit der All- Star- Band Traveling Wilburys, der Beginn der berühmten "nie endenden Tournee" rund um den Erdball mit 100 Konzerten pro Jahr seit 1988. Und mit dem Album "Oh Mercy" eine Rückkehr (fast) zu alter Form. Die komplette Rehabilitierung gelingt 1997 mit dem ersten großen Alterswerk "Time Out Of Mind".

Wieder ganz oben

Seitdem hat Dylan trotz immer brüchiger werdender, schnarrender Stimme einen Lauf, setzt Rufzeichen wie "Modern Times" (2006) oder "Tempest" (2012). Die Liedsammlung "Shadows In The Night" (2015), mit Stücken, die auch Frank Sinatra im Repertoire hatte, erntete viel Anerkennung. Dylans Alben steigen nun in den Charts so hoch wie selbst in den 60ern nicht, teilweise bis an die Spitze.

In meist ausverkauften Konzerten strahlt der ältere Herr mit dem schmalen Bärtchen, den grauen Locken und dem schicken Hut Würde und Gelassenheit aus. Und er macht weiter was er will, würfelt auf der Bühne Songs aus allen Phasen seiner langen Laufbahn durcheinander, interpretiert sie stets neu, verzichtet auf Nostalgie- Shows und verlangt Aufmerksamkeit.

Vielseitigkeit

Dylans Auszeichnungen sind kaum noch zu zählen: elf Grammys, der Oscar für einen Filmsong, der Pulitzer- Preis für "lyrische Kompositionen von außerordentlicher poetischer Kraft", die 2012 von Präsident Barack Obama verliehene "Presidential Medal Of Freedom" als höchste zivile Auszeichnung der USA. Der Musiker war auch als Schauspieler aktiv ("Pat Garrett jagt Billy The Kid" von 1973, "Renaldo und Clara" von 1978, "Masked And Anonymous" von 2003). Und dilettiert als Maler durchaus ansehnlich.

Längst hat sich Dylan auch um die Pflege alter Americana- Musikstile verdient gemacht, etwa als Moderator anspruchsvoller Radiosendungen mit fast vergessenen Songschätzen eigener Helden. Das Gesamtwerk sei inzwischen selbst "so etwas wie ein Resümee der populären amerikanischen Musiktraditionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geworden", schreibt Dylans deutscher Biograf Heinrich Detering.

Sein Kollege Wilentz aus Princeton sagt in einem Gespräch mit der dpa: "Seine Arbeit, damals wie heute, inspiriert, gefällt, unterhält und baut Menschen weltweit auf. Er ist ein großartiges amerikanisches Kulturgut."

Neues Album

Nun kommt zudem die LP "Fallen Angels" in den Handel. Wie auf dem Vorgänger "Shadows In The Night" covert Dylan US- Evergreens. Und doch ist es keine Wiederholung. "Fallen Angels" ist, wie eigentlich alle Dylan- Alben seit 1992, als er vor seinem großen Comeback mit "Time Out Of Mind" (1997) zwei Tonträger mit alten Folk- Liedern herausbrachte, völlig aus der Zeit gefallen. Oder zeitlos, wie man will.

Zum zweiten Mal in Folge macht sich der Künstler Songs aus dem amerikanischen Songbuch zu Eigen, zwölf Stück diesmal, elf davon hatte auch Frank Sinatra in seinem Repertoire (nur "Skylark" nicht, das sangen u. a. Bing Crosby, Aretha Franklin und Linda Ronstadt). Geschrieben wurden die Lieder von Größen ihres Metiers wie Sammy Cahn, Johnny Mercer und Jimmy Van Heusen.

Das Licht wiederentdeckt

Das im Voraus mit drei anderen Liedern für eine Japantour und den Record Store Day als eine Vinyl- Single ausgekoppelte "Melancholy Mood" ließ darauf schließen, dass Dylan auch auf "Fallen Angels" in melancholischer Stimmung schwelgt. Tut er auch. Aber im Gegensatz zum oft schwermütigen, nach Einsamkeit und dunkler Nacht klingenden "Shadows In The Night" ist der Nachfolger von Licht durchflutet und leichtfüßig in seinen Arrangements, voll von süßer Erinnerung und Optimismus.

Wo sich auf "Shadows In The Night" Resignation breitmachte ("The Night We Called It A Day" oder "I'm A Fool To Want You"), findet man auf "Fallen Angels" eine ganz andere Stimmung, wie der Opener "Young At Heart" gleich zu Beginn klarstellt: "Fairy tales can come true" (Märchen können wahr werden). Die Tourband Dylans tänzelt lässig durch Stücke wie "All Or Nothing At All", "Polka Dots And Moonbeams" oder "That Old Black Magic". Ihr Chef croont herzerwärmend, mit einer Stimme, bei der es nicht um technische Perfektion geht, sondern der man jede Zeile glaubt.

Keine Überraschungen

"Fallen Angels", die 37. Studio- Langspielproduktion Dylans, wird keinen Fan wirklich überraschen. Denn bereits bei den Konzerten in den vergangenen Monaten hat der bald 75- Jährige immer mehr Lieder aus dem Songbook eingebaut und dafür Eigenkompositionen weggelassen. So mancher Track aus dem neuen Album war da schon zu hören, was eine schlüssige, wunderbare Setlist ergab. Dass Dylan auf diesem Teil der "Never Ending Tour" nicht in kalten Hallen, sondern schönen Theatern auftrat, machte Sinn.

Im Gegensatz zu manchen Kollegen, die das große amerikanische Songbook kommerziell ausschlachten, geht es Dylan um eine Neuerfindung dieser Lieder, nicht um aalglattes, langweiliges Karaokesingen. Nicht immer spielt das Leben einem schön mit, da kann einem der Wind mitunter ins Gesicht blasen, wie Dylans knarrige Stimme durch "It Had To Be You" poltert. Authentisch. Nicht jeder mag das verstehen, das war beim Debüt von "Blonde On Blonde" auch nicht anders. "Das Leben wird mit jedem verstrichenen Tag aufregender", freut sich Dylan (Zeile aus "Melancholy Mood").

Opulentes Buch

Den nostalgischen Blick auf die eigene Karriere überlässt Dylan anderen. Etwa dem Fotografen Daniel Kramer, der einen gediegenen und luxuriösen Bildband zusammengestellt hat. "Bob Dylan: A Year And A Day" enthält auf 288 Seiten 140 Fotos des Musikers. Ein Jahr begleitete Kramer den ganz jungen Dylan im Studio, bei Konzerten, privat in Woodstock und in den Straßen New Yorks und hielt mit seiner Kamera Schlüsselmomente in der Karriere des Künstlers fest - etwa Dylans erste Soloshow mit elektrischer Gitarre. Eine streng limitierte, kostspielige Edition des 1967 erschienenen Portfolios wurde um bisher unveröffentlichte Bilder - etwa Outtakes von den Fotosessions für das Coverartwork der Alben "Bring It All Back Home" und "Highway 61 Revisited" - ergänzt.

20.05.2016, 17:00
AG/frö
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