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09.12.2016 - 12:54
Foto: Joanna Babicka

Alien Hand Syndrome: "Musik arbeitet Ängste auf"

30.12.2013, 08:00
Mit Alien Hand Syndrome hat der oberösterreichische Musiker Clemens Engert ein ganz persönliches Ausdrucksventil für seine Gefühle und Emotionen gefunden. Auf seinem neuen Album "Slumber" rückt er weg von Gothic-Sound und gibt Klangexperimenten größeren Raum. Am 28. Jänner ist der vielseitige Künstler live im Wiener Fluc zu sehen. Im "Krone"-Interview erzählt Engert von seinen Ängsten und dunklen Seiten, von den Tücken musikalischer Schubladen und weshalb depressive Musik förderlich für sein Gemütsleben ist.

"Krone": Clemens, du bist im Gespräch eine total offene und freundliche Person, was man deiner Musik aber gar nicht anhört. Wie kommt das?
Clemens Engert: Als Person bin ich schon eher ein humorvoller und optimistischer Mensch. Meine Musik ist schon anders, aber das ist genauso ein Teil von mir, der zum Gesamtpaket dazugehört. Ich könnte mir nicht vorstellen, Fun- Punk zu machen, weil mir die Musik dafür zu persönlich ist, sie zu tief von innen kommt. Ich arbeite die melancholischen und negativen Seiten durch die Musik auf. Je depressivere Musik ich mache, desto besser geht es mir selbst. Würde ich jetzt lustige Musik machen, wäre ich wahrscheinlich selbstmordgefährdet (lacht).

"Krone": Du schreibst also nur Musik, wenn du sehr gut gelaunt bist?
Engert: Wenn man depressiv ist, was bei mir auch vorkommt, kann man eigentlich gar keine Musik machen, weil es an Antrieb fehlt. Dann möchte man nur im Bett bleiben. Ich bin dann eher in einer melancholischen oder traurigen Stimmung, wenn ich Songs schreibe. Für mich fühlt es sich total natürlich an, dunkle Musik zu machen. Es ist nicht unmöglich, dass ich fröhliche Musik machen würde, aber es wäre unnatürlich. Ich könnte mich schon hinsetzen und einen lustigen Song schreiben, aber ich höre selbst nicht solche Musik und möchte sie eigentlich nicht machen. Musik ist für mich eine gewisse Art Aufarbeitung meiner Ängste.

"Krone": Wodurch entstehen bei dir die Ängste und depressiven Phasen?
Engert: Ich habe jahrelang Psychotherapie gemacht und es liegt sicher ziemlich viel in der Kindheit begraben. Ich war immer schon ein nachdenkliches Kind, das sich viele Sorgen gemacht hat. Ich hatte jahrelang mit Panikattacken zu kämpfen und wollte das mit Alkohol in den Griff kriegen. Ich hatte eine Sozialphobie und wollte damit Hemmschwellen überwinden. Ich war dann Alkoholiker und habe 2007 einen Entzug gemacht und erst dann ist es richtig mit der Musik losgegangen. Vorher habe ich nichts auf die Reihe gekriegt, habe Tausende Songs angefangen, aber nichts fertiggeschrieben. Nach dem Entzug kam die Kreativität wieder und ich habe Alien Hand Syndrome gegründet.

"Krone": Du hast anfangs ganz alleine an den Songs gebastelt und im weiteren Verlauf personell aufgestockt. Fiel dir das schwer?
Engert: Es ist nach wie vor ein Soloprojekt. Ich bin kein Bandmensch, habe das früher oft probiert, aber es ist nie gelungen. Ich habe die fixe Idee, dass ich die Sachen in meinem Kopf zu 100 Prozent umsetzen möchte. Das ist schwierig, wenn du Kompromisse eingehen musst. Bei meinem neuen Album "Slumber" haben viele bekannte österreichische Musiker mitgespielt. So zum Beispiel Rene Mühlberger von Velojet an der Gitarre, Emanuel Rudas und am Gesang Marilies Jagsch. Stefan Deissenberger von Naked Lunch hat das Album produziert. Im Studio ist das noch ganz leicht, aber live ist es schwieriger. Ich verdiene nicht so viel, dass ich Profimusiker mitspielen lassen kann, ohne dass sie kreativen Input beisteuern. Ich will das eher so umsetzen, wie es auf der CD ist. Solange man nicht die ganz großen Gagen verdient, ist das schwierig. Ich habe für Livekonzerte jede Position doppelt besetzt, aber es wird von Gig zu Gig entschieden, wie groß die Besetzung auf der Bühne ist. Das neue Album bietet sich dafür an, dass man es auch mit Klavier, Cello und Akustikgitarren umsetzen kann.

"Krone": Im Gegensatz zu deinem ersten Album ist "Slumber" vielseitiger und auch weniger Gothic- lastig. Warum hat sich der Sound in die Richtung geändert?
Engert: Beim ersten Album hatte ich noch einen deutschen Vertrieb, was sehr cool war, weil die Gothic- Szene dort sehr vernetzt ist. Ich kam schnell in die deutschen Magazine und bekam dafür gute Kritiken. Allerdings bin ich dann draufgekommen, dass gerade in Deutschland die Definition von Gothic nicht die gleiche wie meine ist. Da wird von Unheilig bis Depeche Mode alles zusammengeschmissen. Das geht bis zur Neuen Deutschen Härte. Ich wollte mich nicht in diese Schublade stecken lassen. Was ich von Gothic habe, ist die düstere Grundstimmung und das Ästhetische, aber der deutsche Begriff davon umfasst auch Mittelaltermusik und teilweise Schlager. Ich war eigentlich selbst immer mehr der Alternative- Rock- Fan. Mein Gothic waren The Cure, Bauhaus und Joy Division. In Deutschland ist aber so viel Scheiße dabei, dass es dir irgendwann auf die Nerven geht, mit diesen Bands in einen Topf geworfen zu werden.

"Krone": Die Gothic- Szene ist dir zu weitläufig, du selbst hast aber von klein auf einen sehr breiten Musikgeschmack gehabt. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Engert: Naja, es gibt Leute, die auch "Slumber" durch die düstere Atmosphäre unter Gothic einteilen würden. Seit ich selbst Musik mache, höre ich sehr wenig neue Musik. Eher nur das, was ich schon vor 20 Jahren gehört habe. Extrem oft die Beatles, alte Marilyn- Manson- Songs oder Placebo. Ich höre eigentlich nicht Radio und kriege dadurch neue Einflüsse in der Musikwelt nicht wirklich mit.

"Krone": Würden dich Einflüsse von neuen Songs beim Liederschreiben belasten?
Engert: Es ist sicher eine Art Reflex, da hin zu tendieren. Man sollte sich auch nicht zu stark mit anderen Bands vergleichen, weil man andere Sachen dann oft so toll findet und meint, das eigene würde dagegen abstinken. Außerdem würde ich vielleicht befürchten, in meiner Musik zu stehlen zu beginnen. Es ist natürlich nicht alles total eigenständig, aber wenn ich wenig Input von außen habe, kann ich eher was Neues machen.

"Krone": "Slumber" ist ein sehr schweres Album geworden. Willst du deine Hörer damit fordern?
Engert: Eigentlich schreibe ich die Songs nur für mich selbst und denke nicht an die Hörer. Daraus entstehen schnell mal Fünf- Minuten- Songs mit sehr vielen verschiedenen Songstrukturen. Ich schaffe es irgendwie nicht, kurze Songs zu schreiben. Es stecken so viele Gedanken über Arrangements und dergleichen drin, dass man einfach öfters reinhören muss. Wir haben im Studio viele Feinheiten und Kleinigkeiten eingebaut. Mir ist schon bewusst, dass das zweitweise fordernd ist, aber das kommt heraus, wenn ich Musik mache. Ich möchte auch keine Kompromisse eingehen, dass ich fürs Radio einen Zweieinhalb- Minuten- Song schreibe.

"Krone": Würdest du überhaupt gerne im Mainstream- Radio gespielt werden?
Engert: Was ist Mainstream- Radio? Ö3? Das geht sich sowieso nicht aus.

"Krone": Naja, sogar für eine Metal/Rock- Band wie Volbeat ist dort Platz.
Engert: Ach wirklich? Eigentlich schimpfe ich ja immer gerne ein bisschen über Mainstream- Radios und würde mir dann komisch vorkommen, würden sie mich dort spielen (lacht).

"Krone": Wie tief gehst du beim Textschreiben in dich selbst?
Engert: Ich schreibe gerne in Bildern und Metaphern, drücke also nicht immer direkt aus, was ich meine. Man schreibt anfangs immer die Songs und singt einen Fantasietext dazu. Daraus entsteht bei mir oft ein sinnvoller Text, was sehr komisch ist (lacht). Da spielt das Unterbewusstsein wohl eine große Rolle. Beim ersten Album hatte ich wesentlich mehr Zeit für die Texte, schließlich war es eine Art Best- of der ersten fünf Jahre des Projekts. Auf "Slumber" spielen die Texte keine so große Rolle wie beim Vorgänger.

"Krone": Ist dir die Musik wichtiger als die Texte?
Engert: Definitiv. Ich kenne sicher tausend Songs, die einen beschissenen Text, aber eine super Musik haben. Beatles- Texte sind teilweise ja auch irgendwas, aber die Melodien sind der Wahnsinn. Von der Wertigkeit her ist mir zu 80 Prozent die Musik wichtig und zu 20 Prozent der Text.

"Krone": Zeit für das erste Album haben alle Künstler, ab dem zweiten wird es dann schwieriger. Wie lief das bei dir? Hast du eine große Drucksituation verspürt?
Engert: Eigentlich war es total einfach, weil am ersten Album nicht alles so umgesetzt war, wie ich es gerne gehabt hätte. Deshalb sind bis auf ein oder zwei Songs auf "Slumber" schon alle fertig gewesen, bevor das erste Album erschienen ist. Das war auch der Grund, warum wir schon ein halbes Jahr später im Studio waren. Ich wollte auch gleich was nachlegen, weil ich mir schon dachte, dass ich die Musik besser umsetzen kann als auf dem ersten Album.

"Krone": Dauert es sehr lange, bis du mit einem Song zufrieden bist?
Engert: Extrem lange, ja. Das meiste passiert im Studio und ich bin da schon ein ziemlicher Perfektionist.

"Krone": Auf das dritte Album müssen wir dann wohl länger warten.
Engert: Ich habe schon ein paar Skizzen, aber ich möchte mit dem dritten Album schon etwas ganz Neues und Futuristisches machen. "Slumber" ist eher so eine Art Balladenalbum mit weniger Experimenten. Ich überlege auch, als nächstes ein Doppelalbum zu machen. Das kann jetzt also schon drei Jahre dauern. Mit dem nächsten Album möchte ich schon bei einem guten Label unterkommen und schauen, dass auch europaweit gesehen was weitergeht.

"Krone": Gibt es für deine Art von Musik genug Platz am Markt?
Engert: Ich bekam schon sehr viel positives Feedback, aber klar – nicht jeder mag depressive Musik und viele Leute zieht das auch runter. Ich kann es selbst schwer einschätzen. Ich habe aber schon das Gefühl, dass meine Musik auch etwas für ein größeres Publikum sein könnte. Auch wenn viele behaupten, ich mache Nischenmusik. "Kid A" von Radiohead war noch etwas Spezielleres und Unzugänglicheres und trotzdem Nummer eins in den Charts.

"Krone": Der Bandname geht auf eine neurologische Krankheit zurück, bei dir sich eine Hand oder ein Fuß nicht mehr kontrollieren lassen. Klang Alien Hand Syndrome für dich einfach nur cool, oder hat das auch mit dir und deinem unkontrollierterem Leben in der Vergangenheit zu tun?
Engert: Das stimmt beides. Die Krankheit passiert oft nach Schlaganfällen und ich habe das ein bisschen auf das Psychologische umgelegt. Jeder von uns hat einen Teil, den er nicht kontrollieren und steuern kann. Ängste, die einen lange plagen oder dunkle Gedanken. Alien Hand Syndrome symbolisiert einen Kampf, diese Sachen wieder kontrollieren zu können. Das ist ein Prozess, der auch in meiner Musik passiert. Ich versuche, selbst durch die Musik mit meinen Ängsten und Depressionen fertig zu werden.

"Krone": Gelingt dir das auch?
Engert: Mir geht es definitiv besser, seit ich ernsthaft Musik mache.

"Krone": Wie schaut es bei dir künftig mit Livekonzerten aus?
Engert: Wir sind gerade sehr fleißig am buchen – in Österreich als auch in Deutschland. Fest steht bislang nur ein Auftritt am 28. Jänner im Wiener Fluc. Der Rest wird sich hoffentlich in den kommenden Wochen ergeben.

"Krone": Was wäre dein absolutes Wunsch- Tourpaket?
Engert: (lacht) Da muss ich jetzt gut überlegen. Bright Eyes gibt es ja leider nicht mehr, also würde ich in dem Fall Placebo sehr nett finden. Das wäre prinzipiell der Idealfall, dass ich irgendwann mit einer größeren Band auf Tour gehen kann.

30.12.2013, 08:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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