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29.04.2017 - 14:39

Adel Tawil als singender Botschafter der Liebe

23.03.2014, 08:00
Am Samstagabend tauchte der deutsche Chartstürmer Adel Tawil die Wiener Stadthalle in einen Mantel der lieblichen Melancholie. Bei frühlingshaften Temperaturen setzte er neben seinem Nummer-eins-Hit "Lieder" und neuem Solomaterial auch auf alte Songs aus der Ära von Ich + Ich - mit spürbarem Qualitätsunterschied.

Theatralischer könnte der Auftakt nicht sein. In der gut besuchten Wiener Stadthalle beginnt der deutsche Pop- Star Adel Tawil sein Konzertprogramm mit "Dunkelheit". Von einem Piano begleitet und hinter einem schwarzen Vorhang versteckt, fühlt man als Zuseher eben besungene Düsternis, die der 35- Jährige schon mehrmals durchleben musste. Sei es mit dem abrupten Einsturz der Teenie- Band The Boyz oder den schwierigen Jahren, als er selbst seinen Eltern die Arbeitslosigkeit verheimlichte – Tawil hat nahezu sämtliche Stadien existenzieller Höhen und Tiefen erlebt und wirkt gerade deshalb so echt und nahbar.

Mäßige Begeisterung im Publikum

Mit seinem ersten Soloalbum "Lieder" hat sich der sympathische Barde aus allen Zwängen und musikalischen Partnerschaften freigeschwommen. Dementsprechend nervös und unsicher wirkt er anfangs auch in Wien, beim erst zweiten Konzert seiner großen Deutschland- Tour, die in der österreichischen Bundeshauptstadt ihren geografischen Ausreißer hat. Mit einer perfekt eingespielten siebenköpfigen Band im Hintergrund werden die Sorgen des Berliners obsolet – auch wenn die Stimmung an diesem Abend praktisch nie am Kochen ist und oftmals gemächlich dahinplätschert, bohren sich die zielgerichteten Songs über Liebe, Herzschmerz und Beziehungsmechanismen in die Herzen der Anwesenden.

Emotionen zu bündeln und sie mittels hervorragender Singstimme möglichst breitflächig durch die Halle zu verteilen, ist das Grundrezept des Solokünstlers. Angereichert mit einer charmanten Ausstrahlung und guter Laune, kann Tawil die Beliebigkeit so mancher Songs wettmachen. Nicht alle Nummern seines bewusst radiotauglichen und sehr sanft geratenen Solodebüts sind für die Ewigkeit bestimmt. Das mit den Humpe- Schwestern eingesungene "Graffiti Love" wirkt im Refrain unausgegoren, das "Kartenhaus" bricht im übertriebenen Pathos- Gedudel zusammen, und auch "Auf Sand gebaut" wackelt ob des hohen Kitsch- Faktors. Der Applaus hält sich in Grenzen.

Qualitative Unterschiede

Erst in der Live- Situation – übrigens der erste Österreich- Auftritt seit 2007, wie Tawil selbst bemerkt – erkennt man die Qualitätsunterschiede zwischen seinem Solomaterial und den großen Hits aus der Zeit von Ich + Ich. "Du erinnerst mich an Liebe", "Vom selben Stern" und das abschließende "So soll es bleiben" sind eindringliche, wuchtige Pop- Songs, die selbst nach Jahren für Feuer und Jubel im Publikum sorgen. Das ursprünglich mit Cassandra Steen verfasste "Stadt" funktioniert live auch mit der hervorragenden Maria Helmin, die Tawil auf Tour nicht nur am Mikrofon, sondern auch am Piano und an der Geige unterstützt.

Glücklicherweise hat der Künstler auch starke Solosongs im Talon. Das in Österreich auf Platz eins gechartete "Lieder", eine wunderbare Hommage an sämtliche Helden der Tawil'schen Musikerziehung, ist der vielleicht beste Popsong aus seiner Feder, "Unter Wasser" paralysiert mit einem sanften Depeche- Mode- Beat und klug eingesetzter Dramaturgie, und das im Zugabenteil dargebotene "Aschenflug" bringt dank den vom Band laufenden Vocals von Sido und Prinz Pi auch etwas Pep in den weichgespülten Abend.

Charme vs. Theatralik

Tawil fehlt es weder an Witz, noch an Strahlkraft oder Stimmgewalt, doch seine großen Stärken verpuffen allzu oft in austauschbaren Songs mit einem Hang zur übertriebenen Theatralik. Ein starkes Finish samt Direktkontakt zum Publikum und gut akzentuierter Bühnenshow retten einen Abend, der relativ mürbe begann. Das Projekt "Solokünstler" ist auf dem richtigen Weg, "Lieder" alleine ist aber noch zu wenig für den großen Erfolg. Doch wer so beharrlich Höhen und Tiefen erlebt und überlebt hat, wird unter Garantie gestärkt nach Wien zurückkommen.

23.03.2014, 08:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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