Foto: Klemens Groh

Sauber- Teamchefin Kaltenborn: "Habe sofort Ja gesagt"

23.11.2012, 16:25
Sie ist die mächtigste Frau in der Formel 1: Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn (41) spricht im Interview mit Conny Bischofberger über Männer im Rennzirkus, Frauen im Cockpit und ihre Kindheit in Wien.

Wird Sebastian Vettel am Sonntag beim Showdown in Sao Paulo der jüngste Dreifach- Champion in der Motorsport- Königsklasse? "Wenn man sich die Fakten anschaut, spricht in der Tat sehr vieles für den Sebastian", schmunzelt Monisha Kaltenborn. Sie weiß, wovon sie spricht. Die Wienerin mit indischen Wurzeln ist die einzige Teamchefin in der Formel 1.

Wir stehen am Fenster des Chefbüros der Sauber- Motorsport- AG- Zentrale im Zürcher Oberland. "Im Sommer, wenn das Gras höher ist, wiegt es sich bei den aerodynamischen Strömungen unserer Hallen rhythmisch im Wind", erklärt die Rennstall- Besitzerin und zeigt auf das Feld unter ihr.

Aus dem Fernsehen kennt man sie mit Kopfhörern, sportlich gekleidet. Beim "Krone"- Interview trägt sie Goldschimmer auf den Wangen und ein Kostüm, das von Chanel sein könnte. "Ist es aber nicht", stellt sie klar. Monisha Kaltenborn spricht weder Wiener Dialekt noch Schwyzerdütsch. Die Männerbastion Formel 1 erklärt sie in elegantem Deutsch ohne geografische Färbung.

"Krone": Bei den TV- Übertragungen von der Rennstrecke fallen Sie mit Ihren Blümchen- Gummistiefeln auf. Wie viele besitzen Sie davon?
Monisha Kaltenborn:
(lacht) Nur ein einziges Paar. Ich habe es mir zugelegt, nachdem mich ein Scrutineer (Rennkommissar, Anm.) zurechtgewiesen hat, weil ich Sandalen auf der Pit Lane getragen habe. Das war schon ein merkwürdiger Moment. Ich habe mich etwas geärgert und nachgefragt, ob es da eine Regel gibt. Es gibt sie natürlich nicht, man kann da hingehen, wie man will.

"Krone": Sie sind die mächtigste Frau in der Formel 1...
Kaltenborn: Das sehe ich überhaupt nicht so. Die Hauptakteure der Formel 1 sind die Teams. Sie liefern Performance, Leistung und Show. Als Teamchef trägt man in erster Linie Verantwortung.

"Krone": Wie haben Sie es in die Machowelt geschafft?
Kaltenborn: Absolut ungeplant. Ich bin als Juristin in den Motorsport gekommen. Alles andere hat sich einfach ergeben. Das soll jetzt nicht so passiv klingen. Aber ich bin diesen Weg nicht zielstrebig gegangen. Ich habe einfach Möglichkeiten, die sich ergeben haben, angenommen.

"Krone": 2010 wurden Sie CEO bei Sauber, seit Oktober auch erste Teamchefin in der Formel 1. Warum hat der legendäre Herr Sauber gerade Sie gewählt?
Kaltenborn: Weil ich schon seit 1998 für das Team gearbeitet habe und in viele Entscheidungen involviert war. Als BMW überraschend aus der Formel 1 ausstieg, mussten wir innerhalb kurzer Zeit existenzielle Entscheidungen treffen. Herr Sauber, der 40 Jahre im Motorsport war und 20 davon kontinuierlich in der Formel 1, hat es mir übertragen, das Team wieder zu positionieren. Und zwar hier in der Schweiz, weit weg von der Motorsport- Welt. Ich habe sofort Ja gesagt.

"Krone": Niki Lauda hat einmal gesagt: Du musst zur richtigen Zeit im richtigen Cockpit sitzen.
Kaltenborn: Das hat was. Man braucht einfach auch Glück.

"Krone": War auch ein bisschen Angst dabei?
Kaltenborn: Ja, weil ein Element von Angst auch mit Respekt vor einer Situation zu tun hat, mit der richtigen Einschätzung und vor allem der Verantwortung, die man dann erst durchschaut.

"Krone": Sie sind ja mit einem Drittel am Unternehmen beteiligt. Ist es eine indiskrete Frage, woher Sie das Geld genommen haben?
Kaltenborn: Aber nein. Das war eine Schenkung von Herrn Sauber.

"Krone": In der Formel 1 arbeiten Sie mit reichen Männern wie Bernie Ecclestone, Roman Abramowitsch oder Carlos Slim zusammen. Wie begegnen die Ihnen?
Kaltenborn: Es sind eigentlich sehr angenehme Herren.

"Krone": Stichwort Machowelt: Müssen Sie sie nicht ab und zu rügen?
Kaltenborn: (lacht) Natürlich, kommt da ab und zu ein Spruch, aber dann merken sie es gleich und entschuldigen sich auch. Ich sehe das alles nicht so ernst. Deshalb lache ich meistens. Wir sind ja alle vernünftige Menschen.

"Krone": Wofür haben Sie sich zuletzt entschuldigt?
Kaltenborn: Das werde ich jetzt nicht sagen. Aber es war nichts Schlimmes...

"Krone": Ihre indische Großmutter war eine der ersten Frauen, die damals an der Universität studiert haben: Sehen Sie sich als Vorreiterin für Frauenrechte?
Kaltenborn: Nein, weil ich noch ganz am Anfang stehe und erst etwas leisten muss, um Vorreiterin sein zu können. Wenn ich aber in meiner Funktion anderen Frauen und Mädchen Mut machen kann, an ihr Ziel zu glauben, ihren Weg zu gehen, dann freut mich das. Ich wünsche mir, dass Frauen viel weiter kommen, dass sie ebenso ihre Netzwerke aufbauen, wie die Männer das machen.

"Krone": Bisher gibt es nur wenige Fahrerinnen in der Formel 1. Werden Sie eine Stammfahrerin ins Cockpit bringen?
Kaltenborn: Da ist es irrelevant, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Die Performance muss stimmen. Es müssen die gleichen Maßstäbe gelten wie für einen Mann.

"Krone": Können Frauen schlechter rennfahren?
Kaltenborn: Das denke ich nicht. Ich glaube, dass sie bislang die Chancen nicht bekommen haben, genauso aufgebaut zu werden.

"Krone": Aber diese Chance könnten Sie Frauen jetzt bieten.
Kaltenborn: Die nehme ich als Mitglied der Women and Motorsports Commission der FIA auch wahr. Unser Ziel ist es, junge Rennfahrerinnen im Karting, bei der World Rallye Car Championship und beim Scirocco- Cup zu unterstützen. Wenn wir ein talentiertes Kind sehen, wird das gefördert.

"Krone": Könnte dieses Kind auch Ihre Tochter sein?
Kaltenborn: Ich merke, dass sie sehr interessiert ist. Aber wir verfolgen keine solche Laufbahn... Als sie zum ersten Mal gesagt hat, dass sie vielleicht Rennfahrerin werden möchte, war ich nicht begeistert. Das war aber eine sehr irrationale Reaktion. Denn die Ängste, die man da als Mutter hat, haben ja eigentlich keine sachliche Rechtfertigung. Es kann so vieles schiefgehen, auch im normalen Straßenverkehr... Gerade beim Abflug von Nico Rosberg haben wir wieder gesehen, dass beiden Fahrern nichts passiert ist. Es sind sehr sichere Autos.

"Krone": Wenn jemand sagt, da fahren ein paar Wahnsinnige sinnlos im Kreis herum, was antworten Sie dem?
Kaltenborn: Dass das eine sehr simple Darstellung der Formel 1 ist, die neben Fußball zu den größten Sportarten der Welt zählt und gleichzeitig den Einsatz von Spitzentechnologie probt. Die wenigsten können sich vorstellen, was hier geleistet wird und wie viel Entwicklung da drin steckt. Und dann ist es natürlich eine phantastische Show.

"Krone": Ist für Sauber in dieser Saison noch etwas drin?
Kaltenborn: Absolut. Ich hätte gerne einen vorderen Platz in der Weltmeisterschaft. Aber ich weiß auch, dass das angesichts von nur noch einem ausstehenden Rennen sehr schwierig ist.

"Krone": In der Formel 1 spielen viele Österreicher eine Rolle: Niki Lauda, Attila Dogudan, Tanja Bauer. Sind Sie so was wie eine geheime Macht?
Kaltenborn: Wir sind kein Geheimbund. Aber immer, wenn ein paar Österreicher zusammensitzen, wird es garantiert lustig. Wir strahlen irgendwo Gemütlichkeit aus, die Gäste fühlen sich bei uns wohl.

"Krone": Sie sind mit acht Jahren nach Österreich gekommen. Was ist Ihre prägendste Erinnerung?
Kaltenborn: Mein Vater war schon etwas früher in Wien und hat mir eine dieser sprechenden Riesenpuppen nach Indien geschickt. Man musste ihr im Rücken eine Platte reinlegen, dann hat sie "Backe backe Kuchen" gesungen. Mit dieser Puppe – sie hatte eine blaue Hose und ein rotes Oberteil mit blauen Rändern an – bin ich in Wien gelandet. Das waren meine ersten Worte Deutsch: Backe backe Kuchen.

"Krone": Damals wollten Sie noch Astronautin werden. Wie nahe sind Sie diesem Traum gekommen?
Kaltenborn: Das Weltall hat mich immer fasziniert, es war diese große Unbekannte für mich... Ich bin zwar nicht abgehoben, aber in gewisser Weise bin ich auch hinausgegangen an einen Ort, an dem noch nicht viele vor mir waren. Dieses Denken hat mich in meinen Entscheidungen sicher beeinflusst.

"Krone": Haben Sie Felix Baumgartner, der aus der Stratosphäre aus 39 Kilometern Höhe gesprungen ist, beneidet?
Kaltenborn: Nein, denn davor hätte ich viel zu große Angst gehabt. Beneidet habe ich ihn einzig um diese faszinierende Perspektive: Die Erde mal aus einem ganz anderen Winkel zu sehen... Aber nicht um den Sprung.

"Krone": Wie sehr sind Sie Ihrem Geburtsland Indien heute noch verbunden?
Kaltenborn: Abgesehen von meinem Äußeren? Ich habe meine ersten acht Jahre in Indien verbracht, ich habe sehr schöne Erinnerungen an meine Großeltern, die leider nicht mehr leben. Ich spreche mit meinen Kindern ein bisschen Hindi, wir essen gern indisch, ich mache Yoga, habe eine gewisse innere Ruhe und Flexibilität.. Aber Wien liegt mir näher, weil da meine Eltern leben.

"Krone": Wird Ihr Vater stolz sein, wenn er heute die "Krone" liest?
Kaltenborn: Ich denke schon.

"Krone": Welches Auto fahren Sie privat?
Kaltenborn: Kein Rennauto, wenn Sie das meinen, denn da würde ich mittlerweile wahrscheinlich schon stecken bleiben. Das sind sehr schmale Autos. Privat fahre ich einen geräumigen Landrover.

"Krone": Schnell?
Kaltenborn: Nein, privat fahre ich schön langsam. Ich fahr' eigentlich gar nicht gern selber. Ich lasse mich lieber fahren.

Steckbrief von Monisha Kaltenborn:

Geboren am 10. Mai 1971 in Indien. Mit acgt Jahren kommt sie mit ihren Eltern nach Österreich; der Vater hat eine Tabak- Trafik. Jusstudium an der Uni Wien, London School of Economics. Jobs in Stuttgart, Wien und Liechtenstein. Seit 2000 bei Sauber, seit 2010 CEO, seit 11. Oktober auch Teamchefin. Monisha Kaltenborn ist mit dem deutschen Rechtsanwalt Jens Kaltenborn verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder (Nirek ist 10, Mandira 7) und lebt in Küsnacht am Zürichsee.

23.11.2012, 16:25
Conny Bischofberger, Kronen Zeitung
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