Nach massivem Beben

Zahl der Todesopfer in Chile dramatisch gestiegen

Ausland
01.03.2010 10:08
Nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 8,8 in Chile steigt die Opferzahl unaufhörlich: Wie Präsidentin Michelle Bachelet Montag früh sagte, seien mehr als 700 Menschen getötet worden. Zudem wurden zwei Millionen Häuser und Wohnungen zerstört. Landesweit werden noch Hunderte weitere Tote und Verletzte unter den Trümmern vermutet - es ist daher anzunehmen, dass die Totenzahl noch weiter steigt. Über österreichische Opfer war dem Außenamt vorerst nichts bekannt.

Laut Bachelet seien die meisten Toten aus der Küstenregion um Maule mehr als 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile gemeldet worden, die von dem Tsunami getroffen wurde. Der Erdstoß sei "einer der fünf stärksten" in der Geschichte des Landes, sagte die Präsidentin, die für fünf Regionen in der Landesmitte den Notstand ausrief.

Das Beben der Stärke 8,8 ereignete sich Samstag früh und erschütterte vor allem das Zentrum und den Süden des Landes. Das Epizentrum lag 115 Kilometer von der zweitgrößten chilenischen Stadt Concepcion entfernt, in der mehr als 200.000 Menschen leben. Es handelte sich um eines der zehn stärksten Beben, die weltweit je gemessen wurden.

Ausgangssperre wegen Plünderungen
Indes hat die Regierung entschiedene Maßnahmen zur Überwindung der Katastrophe ergriffen. Angesichts zunehmender Plünderungen wurde der Ausnahmezustand über die besonders betroffenen Regionen Maule und Biobio verhängt und 10.000 Soldaten entsandt. Zugleich kündigte Präsidentin Bachelet einen Aktionsplan an, der die Verteilung von Lebensmitteln, Decken und Medikamenten an Hunderttausende Bedürftige vorsieht. Der designierte Präsident Sebastian Pinera wiederum hat einen Wiederaufbauplan für das Land angekündigt.

In Concepcion etwa 500 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago, wo es zuvor zu zahlreichen Plünderungen gekommen war, leerten sich wegen einer Ausgangssperre ab Sonntagabend die Straßen. Nur wenige Menschen wagten sich angesichts des Risikos einer Festnahme aus den Häusern. Bei der Verteilung von kostenlosen Lebensmitteln kam es jedoch zu Rangeleien und die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.

Zahlreiche Nachbeben erschüttern das Land
Am Montagmorgen ist Chile dann erneut von einem Nachbeben erschüttert worden. Es hatte die Stärke 6,2, sein Epizentrum lag in etwa 35 Kilometern Tiefe gut hundert Kilometer nordöstlich der Stadt Talca. Bereits am Sonntag wurde die Region von einem Erdstoß der Stärke 6,1 erschüttert. Insgesamt wurden in den ersten 24 Stunden nach der Katastrophe 90 Nachbeben der Stärke 5 und mehr registriert.

Insgesamt 1,5 Millionen Menschen betroffen
Der Erdstoß am Samstag um 03.34 Uhr Ortszeit (07.34 Uhr MEZ) war bis in die 2.900 Kilometer entfernte Stadt Sao Paulo in Brasilien zu spüren. Insgesamt sind nach Regierungsangaben 1,5 Millionen Chilenen von der Katastrophe betroffen, und damit fast jeder zehnte Einwohner. Die Wucht des Bebens löste einen Tsunami aus, der bis nach Russland reichte. Außerhalb Chiles richtete die Flutwelle aber keine größeren Schäden an.

Während die befürchteten Riesenwellen über den Pazifik ausblieben, verschlimmerten die Wassermassen in Chile das Elend noch weiter. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals", sagte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano bot sich wie in vielen anderen Küstenorten ein Bild des Schreckens: Während selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt wurden, dümpelten Reste von Holzhäusern im Meer.

Verteidigungsminister kritisiert Marine
Der chilenische Verteidigungsminister Francisco Vidal macht der Marine nach dem verheerenden Beben schwere Vorwürfe: Sie habe keine Tsunami-Warnung herausgegeben. Auch Präsidentin Bachelet spielte die Gefahr einer zerstörerischen Riesenwelle unmittelbar nach dem Beben zunächst herunter. Hafenkapitäne hätten jedoch in Eigenregie vor einem Tsunami gewarnt und damit hunderte, wenn nicht tausende Menschen gerettet, sagte Vidal.

Tsunami-Alarm für pazifischen Raum aufgehoben
Entwarnung gab es dagegen für Hawaii, Japan und zahlreiche weitere Pazifik-Anrainer: Der von dem Beben ausgelöste Tsunami verlief glimpflich. Zwar erreichten Hawaii 16 Stunden nach dem Beben mehrere bis zu zwei Meter hohe Flutwellen, über Schäden oder Verletzte wurde aber nichts bekannt. Auch in Neuseeland, Japan und Russland wurden meterhohe Flutwellen registriert. Am Sonntag hob das Tsunami-Warnzentrum in Hawaii seinen Alarm für 53 Staaten und Regionen im gesamten Pazifikraum wieder auf.

Chile ersucht EU um Nothilfe
Präsidentin Michelle Bachelet hat am Montag die EU um Nothilfe gebeten. Nötig seien Unterstützung beim Bau von Brücken, medizinische Betreuung, Wasseraufbereitung oder Telekom-Verbindungen, sagte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton in Brüssel. Die Anfrage aus Santiago werde nun an die Mitgliedstaaten weitergeleitet.

Die EU-Kommission hatte bereits am Sonntag angekündigt, drei Millionen Euro als erste Soforthilfe für die Opfer des Erdbebens zur Verfügung zu stellen. Laut Ashton werden 13 Experten in das Krisengebiet entsandt, um Schäden festzustellen. "Ich bin sehr beeindruckt darüber, wie professionell die chilenischen Behörden handeln", sagte die Britin.

US-Außenministerin sagte Hilfe zu
Hilfe soll auch aus den USA kommen, Außenministerin Hillary Clinton hat bereits Unterstützung zugesagt. Sie werde bei ihrem Besuch am Dienstag in Santiago Kommunikationsausrüstung mitbringen, um die Chile gebeten habe, sagte die Ministerin am Montag während eines Besuchs in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo zu Journalisten. Weitere Hilfslieferungen würden folgen. Clinton war am Sonntag zu einer bereits seit längerem geplanten Südamerika-Reise aufgebrochen, die auch den Besuch in Chile einschließt.

Suche nach Österreichern läuft
In Österreichs Außenministerium ist man weiterhin intensiv bemüht, Informationen über jene Österreicher zu bekommen, die sich tatsächlich oder auch nur wahrscheinlich im chilenischen Katastrophengebiet aufhalten, berichtete Außenamts-Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal. Bisher habe das Außenamt jedoch keine Informationen über österreichische Opfer, zudem sei es bereits gelungen, eine Reihe von Personen ausfindig zu machen.

Erinnerungen an Beben anno 1960
Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben, bei dem normalerweise mit vielen Opfern und schwerer Verwüstung zu rechnen ist. Das stärkste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in Chile. Damals starben mehr als 1.600 Menschen.

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