Sinkende Absätze

“Normalo”-Handys zunehmend Ladenhüter

Elektronik
17.07.2009 11:21
Es bleibt ein Horrorjahr für die Handy-Branche. Sowohl der Branchenprimus Nokia als auch der kleinere Konkurrent Sony Ericsson halten an ihrer pessimistischen Prognose für 2009 fest und erwarten ein Zehntel weniger Verkäufe als im vergangenen Jahr. Trotzdem sehen die Unternehmen zur Jahreshälfte wieder Land: Der Nachfragerückgang scheine sich der Talsohle zu nähern, sagte Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo. Die zwischendurch hohen Lagerbestände bei den Händlern seien inzwischen weiter abgebaut, so dass wieder mehr neue Handys verkauft werden könnten.

Doch gerade die Aussichten für Kallasvuos Unternehmen haben sich eingetrübt. Wollte Nokia zu Jahresbeginn in der Krise noch den Marktanteil steigern, heißt es nun, der Anteil am Gesamtmarkt werde wohl eher stabil bleiben. 2008 trugen 39 Prozent aller verkauften Handys den Namen des finnischen Herstellers. Im zweiten Quartal beherrschte Nokia noch rund 38 Prozent der weltweiten Handyverkäufe.

Analysten und Börsianer reagierten am Donnerstag enttäuscht, die Nokia-Aktie ging auf Talfahrt. "Der Blick nach vorn trübt sich ein", erklärte Sal.-Oppenheim-Analyst Nicolas von Stackelberg die Reaktion am Aktienmarkt. Anscheinend würden die neuen Produkte nicht so stark nachgefragt wie erhofft. Der Branchenprimus hatte im abgelaufenen Quartal nur 103,2 Millionen Geräten verkauft. Das waren zwar mehr als zu Jahresbeginn, aber rund 15 Prozent weniger als im Vorjahr.

Nokia profitiert von Angebot an Billig-Handys
Gegenüber Sony Ericsson schlägt sich Nokia dabei noch wacker. Das japanisch-schwedische Gemeinschaftsunternehmen verkaufte mit 13,8 Millionen Geräten fast 40 Prozent weniger als noch vor einem Jahr. Nokia profitiere in der Wirtschaftskrise klar von seiner Angebotspalette an Billig-Handys, erläuterte Gartner-Analystin Carolina Milanesi.

Dieses Marktsegment bedient der Konkurrent Sony Ericsson kaum, wie der durchschnittliche Verkaufspreis zeigt, der bei dem Gemeinschaftsunternehmen mit 122 Euro fast doppelt so hoch ist wie bei Nokia. Milanesi erwartet allerdings, dass auch die Finnen in der zweiten Jahreshälfte mehr teure Geräte ins Programm aufnehmen werden. Besonders die schicken Alleskönner mit Touchscreen taugen hervorragend als Geschenk unter dem Christbaum. In der Weihnachtszeit verkaufen die Handy-Hersteller traditionell die meisten Geräte.

Experte: "Sony Ericsson hat Smartphone-Trend verpasst"
Schon heute steht Nokia bei den sogenannten Smartphones, die Eigenschaften von Computern und Handys vereinen, nicht schlecht da: Eigenen Schätzungen zufolge kamen die Finnen in dem Segment im zweiten Quartal auf einen Marktanteil von 41 Prozent. Von dem neuen Touchscreen-Handy N97 wurden allein im Juni rund eine halbe Million Geräte verkauft. "Es wurde sehr gut angenommen", sagte Kallasvuo. Den Konkurrenten von Apples iPhone, das Modell 5800, bezeichnete der Nokia-Chef gar als größten Umsatz- und Gewinntreiber des Unternehmens im zweiten Quartal.

Dem hat Sony Ericsson nach Expertenmeinung kaum etwas entgegenzusetzen. "Sony Ericsson hat diesen Trend verpasst und verfügt über kein Gerät in der iPhone-Klasse", sagt der Telekom-Experte Nikolaus Mohr von der Wirtschaftsberatung Accenture.

App-Stores als zusätzliche Einnahmequelle
Doch es sind längst nicht mehr nur die Geräte, die für die Handyhersteller entscheiden. Sie setzen mehr und mehr auf kleine Programme und zusätzliche Dienstleistungen, mit denen sie insbesondere die neuen Smartphones bestücken. Nokia bietet diese unter anderem über seine Internetplattform Ovi (Finnisch für "Tür") an und gab nun zum ersten Mal eine Prognose aus: Bis zum Ende des Jahres wollen die Finnen auf 80 Millionen "aktive Nutzer" kommen.

Handys und Computer verschmelzen
Auch Sony Ericsson versucht derzeit mit seiner Plattform PlayNow auf diesen Zug aufzuspringen und kann nur hoffen, den Trend nicht schon wieder verpasst zu haben. Denn nach den Worten von Konzernchef Kallasvuo steht die Handy-Branche vor einem tiefen Umbruch: "Die Linie zwischen Handys und Computern wird in Zukunft nicht mehr existieren."

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