Wiener Student verkleidet sich als Nikolo  (Bild: privat)

Wiener Student verkleidet sich als Nikolo

Strahlende Kinderaugen, stotternde Gedichte, mit Liebe gemalte Zeichnungen. Das wünscht sich der Nikolaus. Betrunkene Väter, ignorante Familienmitglieder, arme oder abwesende Eltern - auch das erlebt er. City4U hat sich mit einigen Herren unterhalten, die jedes Jahr in die Rolle des Heiligen Nikolauses schlüpfen und erfahren, dass auch junge Studenten gerne einen weit über Hundertjährigen Mann spielen, um kleine Kinder glücklich zu machen.

"Lasst uns froh und munter sein" - wer hat das Lied nicht einmal als Kind mit dem Nikolaus gesungen. Sich gefreut, wenn er die Geschenke aus seinem braunen Sack herausgeholt hat und sich gewundert hat, warum er alles über einen weiß. Man versprach, dass kommende Jahr brav zu sein, früh schlafen zu gehen und immer die Zähne zu putzen. Warum man sich entscheidet, einmal im Jahr den Job des Nikolauses zu machen und was man dabei so alles erlebt, hat City4U von der jungen und reiferen Generation erfahren.

#Zu wenig Nikolos

Eine Woche vor dem 6. Dezember laufen die Telefone heiss in den Wiener Nikolaus- Agenturen, doch da ist es meist schon zu spät, da alle ausgebucht sind. "Der Bedarf ist viel größer, als das Angebot abdecken kann. Um die 3.000 Anfragen gehen für den 6. Dezember ein, es gibt aber nicht einmal 500 Nikoläuse in Wien", weiß Mag. Peter Grüßer von pronikolo.at . Das Problem sei daher nicht die Auftragslage, sondern die wenig geeigneten Kandidaten für die Rolle des Heiligen Nikolauses. "Ein vorbereitetes Programm, das man heruntersagt, reicht nicht aus. Man muss die Message rüberbringen, auf die Kinder eingehen. Es muss Spaß und Freude dahinter liegen", so Grüßer. Nichtsdestotrotz arbeiten in seiner Agentur 13 junge Männer, fast alle Studenten, die die Eigenschaften für einen authentischen Nikolo mitbringen.

#Arthur, der Nikolaus

Arthur (nikolauswien.at) ist einer von den Jungen, die sich in den Dienst der Tradition stellen. "Meine Oma hat in meinen Kindesjahren jedes Jahr den Nikolaus gespielt, er liegt mir quasi in den Genen", sagt er im City4U- Talk. Obwohl er erst 24 Jahre alt ist, ist heuer bereits seine vierte Saison als Mann mit weißem Bart in Wien und Arthur hat auch nicht vor, bald aufzuhören: "Mir persönlich bereitet es am meisten Freude, wenn ich die vielen strahlenden Kinderaugen sehe. Über ein vorbereitetes Gedicht, Lied oder Zeichnung freue ich mich ganz besonders." Manchmal hätten die Kleinkinder auch ein bisschen Angst vor dem bärtigen Mann, aber durch die liebevolle Art des Nikolauses, wäre sie schnell überwunden.

#Auch der Nikolaus wird überrascht

Gerhard Beigl (wienernikolaus.at) ist bereits ein Profi im Nikolo- Geschäft. Seit nunmehr über 40 Jahren schlüpft er um den 6. Dezember herum in sein langes rotes Gewand und besucht zahlreiche Kinder in ihrem zu Hause. "Ich habe bereits 1973 damit begonnen. Da kam ich als Student nach Wien und dachte, hier fehlt der Brauchtum vom Nikolaus. Seitdem mache ich das", erzählt er im City4U- Talk. Auch Johannes Mayer, Chef von nikolauswien.at spielt seit zwei Jahrzehnten den Nikolaus: "Das Schönste an dem Job sind natürlich die Kinder, weil nicht nur der Nikolaus sie überrascht, sondern sie auch stets mich." Aber nicht nur die Kleinen sind etwas Besonderes für ihn, sondern auch die alten Menschen. "Wenn ich Demenzkranke besuche ist es immer spannend. Man kann sich darauf nicht vorbereiten, man muss sich darauf einlassen", meint Mayer.

#Man ist Teil der Familie

Als Nikolaus ist man für die kurze Zeit Teil der Familie. Die Eltern legen dem alten Mann die Geschenke vor die Tür, sowie einen Zettel mit ein paar Informationen über die Kinder. Dann klopft er an und ist mitten drin im privaten Leben der Menschen. Da erlebt man so einiges. "Ich war einmal am 24. Dezember als Weihnachtsmann bei einer Familie. Die Mutter hatte mich engagiert. Es war eine wunderschöne Villa. Die Frau meinte, ich solle noch eine halbe Stunde warten, ihr Mann würde sich verspäten. Das hab ich dann gemacht, aber er kam immer noch nicht, also fingen wir an. Die Kinder haben sich gefreut, alles war schön. Bis der Gatte nach Hause kam - sturzbetrunken. Erst hat er die Mutter beschimpft, dann die Kleinen. Also bin ich mit ihnen ins Kinderzimmer gegangen und habe mit ihnen gespielt. Dann kam die Frau hinterher und er ihr nach und machte wieder eine Szene. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich hab ihn mit rausgenommen und gesagt: 'Du blöder, besoffener Hund. Wenn ich das jetzt nicht anhätte, würde ich dir eine reinschießen.' Dann bin ich gegangen", beschreibt Günter Aichinger sein bisher traurigstes Erlebnis. Der Wiener Weihnachtsmann lässt sich jedes Jahr ab Mai einen echten Bart wachsen und tritt auch als Nikolaus auf. Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende: "Vor ein paar Wochen ruft mich ein Mann an und bestellt einen Weihnachtsmann für den 24. Dezember. Er sagt die Adresse und ich bemerke, dass das der Betrunkene ist. Er hat mir versichert, er wäre jetzt trocken. Wir werden es dann am Heiligen Abend sehen."

#Traurig und skurril

Auch Mag. Peter Grüßer machte schon weniger schöne Erfahrungen: "Einmal kam ich zu einer Familie, ging hinein. Die Mutter war motiviert und freute sich mit dem kleinen Kind über mich. Der Rest der Familie blieb einfach vor dem Fernseher sitzen und hat das Ganze ignoriert. Ein anderes Mal wurde ich von einer Haushälterin verständigt. Als ich kam, waren die Eltern gar nicht da. Dafür wurden die Kinder mit teuren Geschenken überhäuft. Sehr skurril war das." Dass manche Kinder zu viele Geschenke bekommen, findet auch Günter Aichinger: "Vor 25 Jahren hat der Nikolaus ein Sackerl gebracht mit Schokolade, Nüssen und einem kleinen Spielzeug. Heute kriegen manche so viel schon zum Nikolo, dass ich mich frage, was die dann zu Weihnachten erst bekommen." Diese Veränderung hat auch Arthur bereits bemerkt: "Ich konnte in meiner bisherigen Karriere kein sinkendes Interesse am Nikolaus feststellen, jedoch einen Anstieg der Geschenke pro Kind." Doch auch das Gegenteil ist manchmal der Fall: "Ich kam einmal zu einer Familie, die war nicht sehr begütert. Das tat mir leid und da habe ich den Kindern von meinem Geld ein paar Presente gekauft", berichtet Gerhard Beigl. Auch dem Weihnachtsmann Aichinger ist so etwas Ähnliches schon passiert: "Ich kam zu einer Frau, die mit ihren zwei Kindern in einem Raum gewohnt hat, ganz mies war diese Wohnung. Da habe ich mich mit den Kleinen unterhalten und ihnen 50 Euro gegeben, damit sie sich etwas kaufen können." Was Arthur der Nikolaus nicht gerne macht, ist Kinder zu tadeln: "Ich ärgere mich über Eltern, die glauben, dass ich mit ihren Sprösslingen schimpfen soll. Das ist nicht die Aufgabe des Nikolauses."

#Lustig, lustig, ...

Meistens ist der Nebenjob des Nikolos aber positiv und mit viel Freude verbunden, wie Arthur erzählt: "Ein kleines Kind sitzt am Sofa und isst Kekse, während ich ihr ein Gedicht vorlese. Dann sagt sie zu mir: 'Wenn du noch eins vorträgst, kriegst du auch einen.' So war es dann auch." Neben den strahlenden Kinderaugen passieren auch lustige Sachen. "Einer unserer Nikoläuse war in einem Haus. Als er zurück zum Auto kam, stand da gerade der Parksheriff, der ihm einen Strafzettel ausstellen wollte. Als er ihn dann in seiner ganzen Montur gesehen hat, meinte er 'Na weil sie der Nikolaus sind, kriegen sie heute keinen.'", erinnert sich Grüßer. Der Wiener Weihnachtsmann wurde einmal für eine ganze Nacht gebucht und dafür engagiert in einer Limousine eine Partyrunde durch die Dunkelheit zu kutschieren. "Als es sieben Uhr früh war, verließen die Gäste die Limo. Der Auftraggeber meinte zu mir, es wäre noch genug vom Catering da und ich solle mir einen schönen Tag machen. Das war super", so Aichinger.

#Berufsgeheimnis

Was man als Nikolo so verdient, wollte keiner beantworten. "Ich freue mich über Trinkgeld von den Eltern. Ich bin ein Nikolo aus Leidenschaft", sagt Arthur zum Abschluss. Heuer wird er auch zum ersten Mal als Weihnachtsmann unterwegs sein. Darauf freut er sich schon - und sicher auch die Kinder.

Dezember 2017

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Redakteurin
Viktoria Graf
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