Anna Idza: „Ich wurde zum Tätowieren auserwählt“  (Bild: city4U)

Anna Idza: „Ich wurde zum Tätowieren auserwählt“

In einem kleinen idyllischen Hinterhof in Wien versteckt sich das Tattoo- Studio "Tatuarium " der Brasilianerin Anna Idza. Vor zwölf Jahren verliebte sie sich in das Summen der Tätowier- Maschine und für diese Liebe zog sie von Rio nach Lissabon und nun nach Wien. Als Frau mischt sie die Wiener Kunst- und Tattoo- Szene auf. City4U hat sich mit Anna zum Interview getroffen.

Was war das lustigste und das schrecklichste Tattoo, das du je jemanden verpassen musstest?

Ein berühmter Chirurg aus Rio kam im Anzug ins Studio und hatte eine klare Vorstellung von dem was er wollte: Ein symbolisches Herz mit den Worten "Carpe Diem". Nur wo er es tätowiert haben wollte, war eine andere Sache. Plötzlich stand er in Boxershorts vor mir. Ich, noch sehr jung, wusste nicht genau, wie ich reagieren sollte. Er meinte daraufhin ganz locker: "Sie können mir ruhig die Unterhose runterziehen, ich habe darunter noch etwas an." Ich befolgte die Worte meines Kunden und zog die Shorts runter und machte große Augen. Er trug einen Frauentanga aus Spitze, und wollte, dass ich auf seiner Pobacke ein Herz tätowierte. Die Situation war einfach so komisch. Ein feiner Arzt trug weibliche Reizwäsche und wollte ein Tattoo auf seinem Po. In dem Moment zwang ich mich an die schrecklichsten Dinge zu denken, wie meine Oma gestorben ist, an kleine Kinder, die Hunger leiden müssen, an soziale Ungerechtigkeit. Nur damit ich nicht loslachte. Ich durfte meinem Kunden kein Unbehagen vermitteln. Er sollte sich wohlfühlen.

Wie ging die Geschichte weiter?

Er war vollkommen zufrieden und glücklich mit meiner Arbeit, die er regelmäßig auf meiner Website checkte. Er bat mich daraufhin, ein Bild von ihm auf meiner Seite zu teilen und ich war mir nicht ganz sicher, ob er das ernst meinte. Ein Foto von einem feinen brasilianischen Chirurgen in Reizwäsche auf meiner Seite? Doch er beharrte darauf. Also postete ich am nächsten Tag das Foto, achtete darauf sein Gesicht zu verpixeln und schon war es online. Als er mich dann anrief, bekam ich Panik, dachte ich hätte vielleicht doch etwas falsch verstanden und wollte das Foto löschen, aber der Kunde meinte nur: "Haben Sie nicht die paar Speckrollen um meinen Bauch gesehen? Die hätten Sie doch mit Photoshop auch bearbeiten können oder?" Seitdem kam er noch weitere fünf Mal zu mir, um sich etwas auf den Po tätowieren zu lassen und jedes Mal trug er Spitzenunterwäsche.

Gibt es bestimmte Tattoos, die du nie stechen würdest?

Ich mache nicht gerne Tribal und Maori Tattoos, auch nicht geometrische Formen. Nicht weil ich sie nicht mag, sondern weil ich weiß, dass solche Motive anderen Tätowierern mehr Spaß machen würden als mir. Ich mache schwarze, graue und bunte Tattoos, die den Realismus widerspiegeln. Aber auch kleine und feminine Dinge steche ich gerne.

Du machst gerne Cover- Ups von alten Tattoos. Ist es beim Tätowieren nicht so ähnlich wie in der Streetart- Szene, dass man nicht über das Werk eines anderen malen darf?

Mindestens einmal die Woche muss ich ein altes Tattoo bedecken. Entweder es ist ein altes Motiv, das an Farbe verloren hat oder die Haut des Kunden hat sich über der Jahre verändert oder es ist der Name eines Ex- Freundes, der sich wie ein Zombie noch immer im Leben des Kunden befindet. All diese Tattoos übersteche ist. Mir ist wichtig, dass es meinem Kunden gut geht damit. Es gibt nichts Unerträglicheres als sich in seiner eigenen Haut unwohl zu fühlen. Wenn allerdings ein Kunde zu mir kommt und mich bittet ein perfektes Kunstwerk zu überdecken, dann versuche ich Nachforschungen anzustellen, um die Gründe dahinter besser nachvollziehen zu können. Aber im Grunde steht die Zufriedenheit des Kunden an oberster Stelle.

Du hast dir das Tätowieren selbst beigebracht. Wie kam es dazu?

Ich habe immer schon gezeichnet und gemalt, doch in Brasilien war und ist es noch immer schwierig nur von Kunst zu leben. Also habe ich Parapsychologie und Musik studiert. Als ich dann das erste Mal eine Tätowier- Maschine in der Hand hielt, das Summen hörte und spürte wie die Nadel auf die Haut stach, wusste ich, dass ich meine Berufung gefunden hatte. Ich habe jede Nacht davon geträumt, immerzu dieses Summen in meinem Kopf gehört und ich wusste ich musste endlich etwas tun. Also klapperte ich alle Tattoo- Studios in Rio ab und fragte, ob mir jemand diese Kunst beibringen könnte. Doch damals, war es nicht üblich einen Lehrling zu haben. Männer, die versprachen mir alles beizubringen, hatten Hintergedaken. Genervt und demotiviert von der damaligen Szene, beschloss ich mir alles selbst beizubringen. Ich achtete penibel genau darauf alles sehr gut zu sterilisieren und verwendete nur Einweg- Nadeln. Mein Ex- Freund bot mir seine Haut an. Ich tastete mich langsam heran und setzte einen Schritt nach dem anderen. Erst kleine, schwarze Symbole, dann ein Wort in Kalligraphie, dann etwas mit Schatten, danach etwas mit Farbe. Ich war immer sehr vorsichtig und tätowierte nur Dinge, die ich mir auch zutraute.

Ist es als Frau denn schwierig in der Tattoo- Szene Fuß zu fassen und sich auch durchzusetzen?

Wie viele Bereiche im Leben, wird auch die Tattoo- Szene sehr von Männern dominiert. Als ich vor zwölf Jahren begann, traute mir niemand zu ein großes Tattoo stechen zu können, nur weil ich eine Frau bin. Alle nahmen an, ich könnte nur kleine, süße und feminine Dinge stechen. Um diesem Stereotyp ein Ende zu setzen, trat ich in Tätowier- Wettbewerben gegen die großen Namen Brasiliens an und sahnte insgesamt 14 Preise ab. Die Wettbewerbe und Conventions haben mir sehr geholfen mich als Frau in einer männlichen Szene durchzusetzen, und so mehr Respekt und Anerkennung für meine Arbeit zu bekommen. Ich wollte nie zeigen, dass ich besser bin als andere, sondern lediglich auf demselben Level.

In deinem Studio arbeiten nur Frauen. Ist das Absicht?

Ich hatte nie vor nur Frauen einzustellen. Das hat sich so ergeben. Mir ist in erster Linie wichtig, dass die Personen, die mit mir arbeiten beim ersten Kontakt mit dem Kunden einen positiven Vibe ausstrahlen, lieb, nett und zuvorkommend sind und dem Kunden das Gefühl geben gut aufgehoben zu sein. Es ist wichtig, dass meine Angestellten, nicht nur schöne und gute Tattoos machen, sondern nach außen hin die Liebe und den Respekt, den ich für diese Kunst und mein Studio habe auch vermitteln. Mein Lehrling, war eine frühere Kundin von mir und so wie sie jetzt mit ihren Kunden umgeht, so bin ich damals mit ihr umgegangen und genau das ist wichtig. Wenn ein Mann genau diese Eigenschaften mitbringt, dann habe ich auch kein Problem ihn einzustellen.

Was war der schlimmste Moment, wo du dir gedacht hast: Ich kann das nicht mehr?

Das hatte ich nie. Ab dem Moment wo ich die Tätowier- Maschine in der Hand hatte, war ich wie besessen. Ich wurde zum Tätowieren auserwählt. Ich habe nie an meiner Arbeit gezweifelt. Ich liebe die Kombination aus Kunst und Menschen. Meine Kunst ist nicht statisch. Sie hängt nicht an Wänden. Meine Kunst läuft durch die Straßen der Welt, erzählt Geschichten, erlebt neue Dinge, liebt und lebt. Das ist alles was zählt für mich.

Tatuarium Wien
Wien 1140 - die genau Adresse erfährt man erst bei einer Terminbestätigung

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Redakteurin
Márcia Neves
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