Jubel und Trubel: Was Straßenmusiker alles erleben  (Bild: stock.adobe.com, Viktoria Graf)

Jubel und Trubel: Was Straßenmusiker alles erleben

Applaus, Ignoranz, Geschenke, Aufpasser, Mitsinger, Pöbelein - Als Straßenmusiker erlebt man während eines Auftritts so einiges. Als Passant schlendert man durch Fußgängerzonen und sieht schon einmal eine kleine oder große Menschentraube, die gebannt den Melodien lauscht. Straßenmusik ist wichtig, belebt Plätze und sorgt für gute Laune - circa 150 Artists machen Wien regelmäßig zu ihrer Bühne. City4U hat sich mit einigen Künstlern unterhalten und erfahren, wie man einen Auftritt von ihrer Seite aus erlebt.

Klassische Musik mit Geigen, Rockstars, Singer- Songwriter, Rapper - auf den Plätzen Wiens sind alle Musikrichtungen zu Hause. Was ist das für ein Gefühl mitten in der U- Bahnstation oder auf der Straße stehen zu bleiben, sein Instrument auszupacken und einfach loszuspielen? Ist man enttäuscht und wütend, wenn niemand stehen bleibt oder einen Euro der Anerkennung spendet? Wird man auch einmal beschimpft oder beleidigt? City4U hat bei den Künstlern nachgefragt.

#Die U- Bahn- Stars

Straßenmusiker sieht man an vielen Plätzen in den Fußgängerzonen. Durch die Aktion "U- Bahn- Stars" der Wiener Linien haben Künstler jeden Tag die Möglichkeit an den großen Stationen der öffentlichen Verkehrsmittel ihre musikalischen Darbietungen zu zeigen. Am Westbahnhof, Praterstern und Karlsplatz wechseln sich die Soloartists und Bands zwischen 15 und 23 Uhr alle eineinhalb Stunden ab. Doch wie fühlt es sich an, einfach inmitten der vorbeieilenden Passanten loszuspielen? "Es ist wie fliegen. Du bist dir nicht sicher, ob du wirklich fliegen kannst, springst aber trotzdem von der Klippe. Sobald du fällst, öffnest du deine Flügel und fliegst, " beschreibt Singer- Songwriter Isaac Thompson, der seine Lieder einige Male pro Woche in einer U- Bahnstation zum Besten gibt, im Gespräch mit City4U. So ähnlich ging es auch Kris vom Duo Weiss und Kranics: "Am Anfang war ich sehr nervös und habe immer nur mit Sonnenbrille gespielt. Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Dann wird es zur Routine und irgendwann ist es normal."

#Auf der Straße kann man nur gewinnen

Warum entscheidet man sich eigentlich dafür, auf der Straße aufzutreten? Werner, Frontman der Wienerlied- Combo daWeana, die auch schon auf dem Donauinselfest gespielt haben, kennt den Unterschied zwischen Konzert und Straßenkunst: "Das sind zwei verschiedene Welten. Auf der Straße erreichst du das ganz normale Fußvolk, die vielleicht gerade von der Arbeit kommen. Hier kommt alles zusammen, jede Schicht - von der Swager- Tussi bis zum Bauhackler. Der Kontakt zwischen dem Publikum und dem Musiker ist viel enger, intensiver, ehrlicher, authentischer. Da passiert schon öfter was, nicht immer nur Gutes, aber das ist ja das Schöne daran." Auch Kris kennt die Vorzüge: "Die Leute auf der Straße haben keine Erwartung. Bei einem Konzert schon." Sein Bandkollege Victor ergänzt: "Auf der Straße kannst du eigentlich nur gewinnen. Die Menschen haben ja nicht vor, Musikern zuzuschauen. Also bleiben sie nur stehen, wenn es ihnen auch wirklich gefällt. Du musst also jede Minute etwas Spannendes bringen." Obwohl die Herausforderung abseits der Konzertlokale größer ist, ist der Mehrwert manchmal höher, weil der Applaus ehrlicher ist. Das findet zumindest Isaac Thompson: "Im Club kann es trügerisch sein, weil die Leute zuhören und auch klatschen, obwohl sie deine Musik vielleicht gar nicht mögen. Auf der Straße bekommst du hundert Prozent Ehrlichkeit. Die meisten Menschen sind ja auf dem Weg wohin. Wenn die dann stehen bleiben und zuhören, ist es eine große Ehre."

#Selbstversuch

Rocky Leon , der mit dem Freestyle- Rapper Knostl in den Wiener U- Bahnstationen auftritt und mit seiner Musik stets eine große Menschentraube anzieht, trat nach seinem Fachhochschulabschluss ein Selbstexperiment an: "Ich reiste für ein Jahr durch Nordamerika - finanziert nur durch Straßenmusik. Im Zuge davon entstanden ein paar Videos, die auf Youtube viral gingen. Plötzlich hatte ich einen Namen und konzentrierte meine Energie auf normale Konzerte. Mir fehlte jedoch das Gefühl, das man bekommt, wenn man Leute auf der Straße mit seiner Musik überraschen kann. Man muss keine Erwartungen erfüllen oder gar übertreffen. Man hat einfach die Chance, Menschen zu berühren, die vielleicht sonst nie von einem gehört hätten", erläutert er im City4U- Talk.

#Wenn der Hut leer bleibt

Es kommt jedoch auch mal vor, dass niemand stehen bleibt oder nur wenige Passanten ein paar Cent in den leeren Gitarrenkoffer werfen. Zweifelt man dann an seiner Musik oder ist man wütend? Bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. "Es gibt eigentlich immer Zuhörer, oft sind sie auch sehr versteckt. Manchmal glaubt man, die Leute gehen einfach achtlos vorbei. Dann sieht man aber, wie sie im Rhythmus der Musik 'vorbeitanzen' und gleich viel fröhlicher wirken", meint Ziehharmoniker- Spieler Johannes Honigschnabl. Das findet auch Rocky: "Es gibt Zeiten, wo zwar wenige stehen bleiben, aber man in den Gesichtern der vorbeigehenden Passanten sehen kann, wie sie Kraft und Energie aus der Musik tanken." Victor von Weiss und Kranics hat sich am Anfang das Hirn zermartert und überlegt, warum manchmal keiner stehen bleibt. Mittlerweile störe ihn das aber nicht mehr: "Die Menschen haben ein Herdenverhalten. Bleibt einer stehen, stellen sich andere auch dazu. Beim gleichen Lied bleibt das eine Mal keiner stehen, beim anderen Mal sind es 50 die zuhören." daWeana weiß, dass manche Songs auf der Straße sogar besser funktionieren als im Beisl: "Man muss sich schon ein bisschen auf Leute und Umgebung einstellen können. Spontanität, vor allem im Umgang mit den Menschen direkt, ist sehr wichtig."

#Geschenke und Pöbeleien

Der Umgang mit Menschen ist das A und O im Straßenmusik- Business, wie auch Victor erzählt: "Die ganzen Verrückten kommen zu uns und der Rest der U- Bahn ist sicher. Spaß beiseite, aber: Ich sage immer, wir sollten einmal in die Politik gehen, weil wir immer diplomatisch versuchen, uns mit jedem gut zu stellen." Trotzdem wurde ihnen von einer Frau einmal ohne Grund der Gitarrenkoffer umgestoßen. Oft würden sie während eines Auftritts aber auch Süßigkeiten und Bier geschenkt bekommen. An ein Erlebnis erinnert sich Kris besonders gern: "Wir haben gespielt und eine Mutter kam mit ihrem Sohn zu uns und hat uns erzählt, dass ihr Sohn Autist sei. Vorher hätte er noch gezappelt und geschrien. Als er uns dann gehört hat, wurde er ganz ruhig. Die Mutter hat sich dann bedankt. Das war echt schön für uns." Über Komplimente freut sich auch Johannes Honigschnabl: "Es ist toll, wenn Personen nach einem Stück zu mir kommen und sagen, wie sehr es ihnen gefallen und sie berührt hat. Es ist auch schön zu beobachten, wenn selbst Obdachlose, die manchmal nicht einmal mehr stehen können, trotzdem einfach mittanzen."

#"Das war ihr Moment"

Wie für die Straße und U- Bahnstationen üblich, trifft man dort öfters auf betrunkene Menschen. Diese Erfahrung machte auch Werner schon: "Eine Dame Mitte 40 mit ihrem Freund aus der eher unteren Schicht, stark alkoholisiert, fing plötzlich vor uns zum Tanzen an. Sie - weißes Minikleid, verfilztes Haar und Zigarette in der Hand - schupfte spaßhalber wie in Trance eine Flasche zu ihrem Freund rüber und lachte. Er schupfte zurück. Aus schupfen wurde aber schnell schmeissen und schließlich fetzen. Es artete aus, aber wir spielten trotzdem weiter. Warum? Ich bin selbst der Typ, der gern mal übertreibt. Natürlich ist es nicht gut und es geht oft schief, aber daraus entstehen die besten Geschichten. Für die beiden war der Moment, ihr Moment. Für kurze Zeit konnten sie sich von ihrem Leben befreien, alles vergessen. Für mich war das eine lustige, traurige und skurrile Geschichte zugleich. Wie sich die Situation weiterentwickelt hat, ist eine andere Story."

#Grantige Menschen

Wer vor einem steht und was als nächstes passieren wird, weiß man als Straßenmusiker also nie. "Es kommt immer wieder vor, dass man beschimpft, bedroht und bestohlen wird. Einmal wurde ich vor einem größeren Publikum mit etwa 60 Leuten von einer älteren, gut bürgerlich gekleideten Frau mit einem Messer bedroht und angekeift. Auf der Straße können jederzeit auch aggressive Leute oder welche mit psychotischen Störungen auftauchen. Damit muss man erst einmal umgehen lernen", beschreibt Rocky.

#Der Lohn für die Müh'

Wer sich jetzt fragt, was finanziell bei diesem Job - bei dem man nie weiß, was einen erwarten wird - rausschaut, der erfährt nur so viel: "Die Leute sind sehr spendabel. Natürlich kommt es auch drauf an wie gut man ist und damit meine ich nicht mein Drei- Akkord- Gitarrenspiel, sondern wie authentisch man ist und ob es den Leuten gefällt", sagt der Frontman von daWeana. Victor umschreibt es so: "Es ist auf jeden Fall der beste Nebenjob der Welt. Viel besser als kellnern."  Für die Künstler, die auch gerne auf der Straße spielen würden, hat Werner noch einen Tipp: "Es ist jedem zu empfehlen, der nah am Menschen dran sein möchte und Kritik nicht scheut."

Dezember 2017

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Redakteurin
Viktoria Graf
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