"Schockierend"

Mediziner: Jeder fünfte Österreicher ist fettleibig

Wissen
03.05.2013 15:39
Krankhaftes Übergewicht wird weltweit zunehmend zum Problem. Wie Experten bei einem Pressegespräch am Freitag in Wien berichteten, breitet sich Fettleibigkeit weltweit als Pandemie aus. Selbst Länder, die mit Hungersnöten zu kämpfen hatten, sind nun betroffen. Auch in Österreich seien die Zahlen "schockierend", sagte Gerald Gartlehner vom Department für Evidenzbasierte Medizin und klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems. Etwa jeder Fünfte habe hierzulande einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 und gelte daher als fettleibig.

"Die Wissenschaft steckt bei diesem gewichtigen Problem noch in den 'Babypatscherln' und hat zu wenige Erklärungen und Lösungen zu bieten", so der Experte. Die Sache wäre ja im Prinzip einfach: Wenn man mehr Kalorien aufnimmt als verbraucht, baut der Körper Fett auf, sagte Gartlehner. 

Im Alltag sei die Situation aber komplexer und in einem sozialen und gesellschaftlichen Umfeld zu sehen, darum wären alle Programme, die sich nur auf Energieaufnahme und -verbrauch beziehen, langfristig kaum erfolgreich. Daher brauche es komplexe Interaktionen, aber zurzeit gebe es hier mehr Fragen als Antworten.

Optimaler BMI nicht eindeutig bekannt
So sei noch nicht einmal klar, was ein gesundes Körpergewicht ist, betont der Wissenschaftler. "Lange hat man einen BMI von 25 für optimal gehalten, neue Studien haben aber gezeigt, dass Menschen mit einem BMI von 25 bis 29 die höchste Lebenserwartung haben", erklärte Gartlehner. Außerdem gäbe es übergewichtige Personen, die davon keine negativen Auswirkungen erwarten müssen, weil ihre anderen medizinischen Werte im Optimalbereich liegen - in den USA würde man diese Glücklichen als "fit and fat" bezeichnen.

"Es ist zu wenig Wissen vorhanden, welche Maßnahmen Ergebnisse zeigen, auf die man sich verlassen kann und die zugleich umsetzbar sind", so Niederösterreichs LHStv. Wolfgang Sobotka. Er sieht Bedarf, zu jeder Altersstufe Rahmenbedingungen zu setzten, die solche Lebensstilerkrankungen minimieren und die Gesundheitserwartung verbessern.

Maissirup statt Zucker als Dickmacher
Gartlehner erklärte, die Verantwortung läge sowohl bei den einzelnen Personen als auch bei der Gesundheitspolitik. "Namhafte Wissenschaftler führen die Zunahme von Übergewicht auf die Verwendung von Maissirup als Zuckerersatz zurück", erklärte er. Im Gegensatz zu normalem Zucker würde dieses Gebräu, dessen Verwendung in den USA von 1970 bis 1990 um 1.000 Prozent zugenommen habe, nicht zu einem Anstieg von Hormonen führen, die ein Sättigungsgefühl verursachen. 

Für die Produzenten sei dies eine Win-win-Situation. "Einerseits ist Maissirup billiger, andererseits essen die Leute mehr von ihren Produkten", so Gartlehner. Für die Konsumenten sei es schwer zu kontrollieren, wo Maissirup enthalten ist. Deshalb sieht Gartlehner hier Handlungsbedarf für die Gesundheitspolitik.

Betroffene wünschen sich respektvollen Umgang
Auch Elisabeth Jäger von der Adipositas Selbsthilfegruppe Österreich forderte, dass mehr an den Ursachen geforscht wird, anstatt die Schuld nur bei den Betroffenen zu suchen und sie zu schikanieren. Selbst Ärzte würden mit schlanken Patienten freundlicher und respektvoller umgehen als mit Übergewichtigen, beklagte sie. 

Adipositas-Prävention ist das Thema des vierten Europäischen Forums für evidenzbasierte Prävention (EUFEP), der Kongress findet am 12. und 13. Juni in Krems statt. An dem Kongress würden nicht nur internationale Experten und Politiker, sondern auch betroffene Personen teilnehmen, teilten die Veranstalter am Freitag mit.

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