350.000 Betroffene

Experte: Immer mehr Alkoholkranke in Österreich

Wissen
31.05.2013 13:14
Die Zahl der Alkoholabhängigen nimmt nach Jahren mit einer Stabilisierung in Österreich zu, 350.000 Menschen sind bereits betroffen. "Der ehemals problematische Gebrauch von Alkohol wird jetzt als Frühstadium der Alkoholkrankheit angesehen. Das macht es möglich, diese Erkrankung frühzeitiger zu diagnostizieren und zu behandeln", sagte der ärztliche Leiter des Anton Proksch Instituts, Michael Musalek, bei den österreichischen Ärztetagen, die derzeit in Grado stattfinden.

"Wir haben seit Langem wieder Zuwachsraten. Die Alkoholkranken werden immer jünger. Vor 20 Jahren war das Einstiegsalter für den Alkoholkonsum beim 15. Lebensjahr, jetzt liegt es beim elften bis zwölften Lebensjahr. Mit 16 Jahren haben schon 85 Prozent der Jugendlichen mehrfach Alkohol konsumiert und auch schon Rauscherfahrungen gemacht. Österreich ist da im internationalen Vergleich im Spitzenfeld", sagte Psychiater Musalek.

Dazu kommt, dass es bei der Alkoholabhängigkeit ein starkes Aufholen der Frauen gibt. Der Experte: "Die Frauen legen deutlich zu. Beim Problemkonsum hatten wir vor 20 Jahren ein Verhältnis von Männern zu Frauen von vier zu eins. Derzeit liegen wir bei 3,2 zu eins. In 30 Jahren wird das Verhältnis zwei zu eins betragen."

Verfügbarkeit entscheidend für Abhängigkeit
Wie für alle Drogen gilt auch bei Alkohol: Entscheidend ist die Verfügbarkeit des Suchtmittels. Höhere Verfügbarkeit führe zu mehr Abhängigen, so Musalek: "Und wenn wir Cannabis freigeben, werden wir mehr Abhängige haben." Ein Verbot löse das Problem allerdings auch nicht: "Wenn ich etwas verbiete, werde ich wiederum mehr Kriminelle haben. Die Politik hat die Wahl – 'produziert' sie mehr Abhängige oder mehr Kriminelle."

Alkohol stellt bei nicht kontrolliertem Gebrauch übrigens eine ganz spezifische Gefahr dar. Der Psychiater: "Alkohol ist eine Substanz mit relativ geringem Suchtpotenzial. Man muss schon lange und sehr viel trinken, um abhängig zu werden. Umgekehrt ist Alkohol das Suchtmittel, das die meisten Organschäden verursacht." Bei Heroin sei das genau umgekehrt - hohes Suchtpotenzial, aber viel weniger organische Schäden.

Sucht meist Folge anderer psychischer Erkrankungen
Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Suchtkrankheit meist die Folge anderer psychiatrischer Erkrankungen ist, als dass sie selbst am Beginn psychischer Leiden steht. 36 Prozent der Suchtkranken haben laut einer Studie des Anton Proksch Instituts und des Ludwig Boltzmann Instituts eine schwere Depression, ebenfalls 36 Prozent eine generalisierte Angststörung, 30 Prozent Panikattacken, 24 Prozent eine posttraumatische Belastungsstörung und 14 Prozent eine Essstörung. Es gibt natürlich auch Kombinationen.

"Wir gehen heute davon aus, dass die Suchterkrankung eher eine Erkrankung ist, die sich auf eine andere psychische Erkrankung aufpfropft", so Musalek. Die Therapie sollte also beide Phänomene umfassen – zum Beispiel eine antidepressive Therapie und eine Behandlung der Suchterkrankung. Das alles sollte möglichst früh einsetzen. Der Experte: "Es gibt ein Kontinuum vom normalen Gebrauch des Alkohols zum problematischen Konsum bis hin zur Abhängigkeit. Jeder, der Alkohol konsumiert, hat sozusagen die 'Chance', dass er einmal bei der Suchterkrankung ankommt. Der Einzelne weiß das zumeist recht genau, wenn er die Abhängigkeit erreicht hat."

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