Ablenkung hilft: Wer hinschaut, spürt die Spritze mehr

21.05.2012, 14:33
Ablenkung hilft: Wer hinschaut, spürt die Spritze mehr (Bild: Photos.com/Getty Images)
Foto: Photos.com/Getty Images
"Augen zu und durch" hilft hin und wieder doch - zumindest wenn sich der Arzt mit der Spritze nähert. Deutsche Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass uns absichtliches Wegschauen bei Impfungen, Blutabnahme und Co. einige Schmerzen ersparen kann. Zudem belegten die Forscher, dass dies kein rein psychologischer Vorgang ist, sondern unter der Beteiligung des Rückenmarks abläuft.

Bei der Studie, die Forscher der Charité Berlin und des Uniklinikums Hamburg- Eppendorf durchführten, wurden den Probanden schmerzlose und schmerzhafte Stromschläge an der Hand verabreicht. Währenddessen wurden ihnen Videos gezeigt, in denen ein Wattestäbchen oder eine Nadel in eine Hand gepiekst wurden oder aber eine Hand alleine zu sehen war, berichtet das Online- Portal "Yahoo Lifestyle".

Die Filme liefen auf Monitoren, die direkt über den mit Stromschlägen versorgten Händen der Versuchsteilnehmer angebracht waren. So wurde ihnen das Gefühl vermittelt, dass die Hand im Film ihre eigene sei, berichten die Forscher in ihrem Bericht, der im Fachmagazin "Pain" veröffentlicht wurde.

Anblick der Nadel verursacht Schmerzen

Die Teilnehmer empfanden die Stromschläge als schmerzhafter, wenn sie währenddessen sahen, wie in dem Video eine Nadel in eine Hand gestochen wurde. Zudem verursachte der Anblick einer Nadel stärkere Schmerzen als der von Wattestäbchen, auch wenn der Stromimpuls gleichbleibend war. Gleichzeitig weiteten sich ihre Pupillen stärker, was für eine stärkere Aktivität des autonomen Nervensystems spricht.

Vor einigen Durchgängen der Untersuchung kündigten die Forscher zudem an, dass der Wattestäbchen- Film wahrscheinlich mit einem schmerzhaften Stromreiz einhergehen werde. Kam dieser stärkere Reiz dann tatsächlich, wurde er von den Teilnehmern als besonders unangenehm empfunden. Die Wissenschaftler empfehlen daher Ärzten, ihre Patienten nicht unbedingt vor einem schmerzhaften Nadelstich zu warnen.

Kein rein psychologischer Effekt

Bisher war man davon ausgegangen, dass es sich um einen rein psychologischen Effekt handelt. Bei einem weiteren Versuch im Rahmen der Studie konnten die Forscher allerdings nachweisen, dass die Ablenkung vom Schmerz unter Beteiligung des Rückenmarks passiert.

Probanden mussten zwei Schwierigkeitsstufen einer Gedächtnisaufgabe lösen, während ihnen gleichzeitig schmerzhafte Hitzereize am Arm verabreicht wurden. Die einfache Stufe der Gedächtnisaufgabe führte zu keiner relevanten Ablenkung vom Schmerzempfinden, die schwierige Stufe hingegen bewirkte, dass die Versuchsteilnehmer von den Schmerzreizen deutlich abgelenkt waren. Sie erlebten den Schmerz somit in der Folge als schwächer. Beide Male wurde mithilfe einer Magnetresonanztomografie gemessen, wie stark das Rückenmark durch die applizierten Schmerzreize aktiviert wurde.

"Dies lässt sich höchstwahrscheinlich dadurch erklären, dass das Gehirn während einer anspruchsvollen kognitiven Aufgabe ein System im Hirnstamm aktiviert, das schon auf Rückenmarksebene die dort eingehenden Schmerzsignale hemmt", erklärt der Leiter der Studie, Christian Sprenger vom Institut für Systemische Neurowissenschaften. "Das geringere Schmerzempfinden während einer Ablenkung ist somit kein rein psychologisches Phänomen, sondern basiert auf einem aktiven Mechanismus, der bereits auf der frühsten Stufe der zentralen Schmerzverarbeitung einsetzt."

mbr
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