Drahtige 1,72 Meter gegen unsportliche 150 Zentimeter – der Entführer hat leichtes Spiel, alles dauert nur Sekunden. Auf Befehl des (unbewaffneten) Täters am Boden des Laderaums sitzend, schließt die Zehnjährige mit ihrem Leben ab. Bilder von der in Deutschland im Auto ermordeten und missbrauchten Jennifer flimmern vor Nataschas Augen ab. Rasch drängen sich noch andere Gedanken in ihr Bewusstsein: entführt für einen Kinderpornoring!
Der Täter versucht hektisch (nur ein Trick?), jemanden mit seinem Autotelefon zu erreichen. Eine Übergabe sei vereinbart. Als nach einiger Zeit bei dem angeblichen Treffpunkt in einem Föhrenwald außerhalb von Wien niemand kommt, das nächste Ziel: "Straßhof", antwortet Wolfgang Priklopil freimütig auf die Frage seines Opfers. In der Garage eines hinter hohen Hecken versteckten Einfamilienhauses endet die Fahrt – und der Wahnsinn beginnt.
In eine Decke gehüllt, geht es über mehrere Treppen in den Keller. Das grelle Licht einer Glühlampe erhellt den kahlen, fensterlosen Raum. Natascha muss sich hinstellen, darf sich nicht rühren. Priklopil betrachtet sie wie ein stolzer Besitzer seine Katze – oder "wie ein Kind sein neues Spielzeug". Als der Täter die Schultasche ("weil du darin einen Sender versteckt haben könntest") nimmt und die schalldichte Tresortüre hinter sich schließt, kullern die ersten Tränen. Sie ist lebendig begraben! Das Kleid, in dem sich Natascha unförmig findet, ist das Letzte, was von ihrem alten Leben bleibt. In der ersten Nacht im Verlies findet das Mädchen keinen Schlaf.
Um "zu überleben", beginnt Natascha sich aber rasch anzupassen: Mit Wandmalereien von der Einrichtung zu Hause versucht sie, eine Illusion tief unter der Erde zu schaffen. Währenddessen schürt der Täter die Angst vor den angeblich "wahren Empfängern", spielt den vermeintlichen Beschützer. Zugleich wird er immer paranoider, will alles überwachen und "Maestro" genannt werden. Indes verpasst die Polizei die Gelegenheit, die 10- Jährige am 35. Tag ihrer Gefangenschaft zu befreien. So bleibt ihr der Weg nach oben, bis in den Herbst 1998, mehr als ein halbes Jahr Tag und Nacht versperrt!
Im Folgenden die Auszüge aus "3096 Tage":
Dass ich entführt worden war und dass ich vermutlich sterben würde, war mir in dem Augenblick bewusst, in dem sich die Wagentür hinter mir schloss. Vor meinen Augen flimmerten die Bilder vom Trauergottesdienst für Jennifer, die im Januar in einem Auto missbraucht und ermordet worden war, als sie versucht hatte zu fliehen.
"Werde ich jetzt missbraucht?", fragte ich ihn als Nächstes. Diesmal bekam ich eine Antwort. "Dazu bist du viel zu jung", sagte er. "Das würde ich nie tun." Dann telefonierte er wieder. Nachdem er aufgelegt hatte, sagte er: "Ich bringe dich jetzt in einen Wald und übergebe dich den anderen. Dann habe ich mit der Sache nichts mehr zu tun."
Der Raum war klein und kahl, die Wände waren mit Holz verkleidet, eine nackte Pritsche war mit Haken an der Wand montiert. Der Boden war aus hellem Laminat. In der Ecke stand eine Toilette ohne Deckel, an einer Wand befand sich ein Doppelwaschbecken aus Nirosta. Sah so das geheime Versteck einer Verbrecherbande aus? Ein Sexclub?
Als der Täter später noch einmal ins Verlies kam, bat ich ihn, bei mir zu bleiben, mich ordentlich ins Bett zu bringen und mir eine Gute- Nacht- Geschichte zu erzählen. Ich wünschte mir von ihm sogar einen Gute- Nacht- Kuss, wie meine Mutter ihn mir gab, bevor sie leise die Tür zu meinem Kinderzimmer hinter sich zuzog. Alles, um die Illusion der Normalität zu wahren. Und er spielte mit.
Sein Gesicht war sanft und verhieß auf den ersten Blick nichts Böses. Erst wenn man ihn länger beobachtete, bemerkte man den Anflug von Wahnsinn, der hinter der spießigen, bürgerlichen Fassade lauerte.
Ich fügte mich in eine Rolle, und als der Täter das nächste Mal ins Verlies kam, um mir Essen zu bringen, tat ich alles, damit er blieb. Ich flehte. Ich bettelte. Ich kämpfte um seine Aufmerksamkeit, darum, dass er sich mit mir beschäftigte, mit mir spielte. Die Zeit allein im Verlies machte mich wahnsinnig. So kam es, dass ich nach wenigen Tagen mit meinem Entführer in meinem Gefängnis saß und Halma, Mühle und "Mensch ärgere Dich nicht" spielte.
"Du musst meinen Eltern diesen Brief schicken, damit sie wissen, dass ich am Leben bin!" Der Täter sagte lange "Nein" – und gab dann plötzlich nach. Heute weiß ich, dass er nie vorgehabt hatte, diesen Brief abzuschicken, und ihn wohl verbrannt hat, wie alle anderen Dinge, die er mir genommen hatte.
Er behauptete wieder und wieder, dass er meine Eltern kontaktiert habe, diese aber offensichtlich kein Interesse daran hätten, dass ich freikam. "Deine Eltern haben dich gar nicht lieb." "Sie wollen dich nicht zurück." "Sie sind froh, dass sie dich endlich los sind." Die Sätze sickerten wie Säure in die offenen Wunden eines Kindes, das sich schon zuvor ungeliebt gefühlt hatte.
Der Grund für dieses Verbrechen war so schwer zu fassen, dass ich verzweifelt nach einer Antwort suchte. Es ist bis heute schwer zu ertragen, allein wegen der Laune und der psychischen Krankheit eines einzelnen Mannes meine Jugendzeit verloren zu haben. Vom Täter selbst bekam ich auf diese Fragen keine Antwort, obwohl ich immer wieder nachbohrte. Nur einmal antwortete er: "Ich habe dich auf einem Schulfoto gesehen und ausgewählt."
Am Karfreitag, dem 35. Tag meiner Gefangenschaft, traf die Polizei in Strasshof ein und verlangte von Wolfgang Priklopil, sein Auto vorzufahren. Er hatte es voller Bauschutt geladen und gab an, den Lieferwagen für Renovierungsarbeiten zu nutzen. Am 2. März, so gab Priklopil laut Polizeiprotokoll an, habe er den ganzen Tag zu Hause verbracht. Zeugen dafür gebe es keine. Der Täter hatte kein Alibi – ein Fakt, der von der Polizei noch Jahre nach meiner Selbstbefreiung vertuscht wurde.
Eines der ersten Bücher, das ich im Verlies las, war "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll. Das Buch berührte mich auf eine unangenehme, unheimliche Weise. Alice, ein Mädchen wohl in meinem Alter, folgt im Traum einem weißen sprechenden Kaninchen zu seinem Bau. Als sie hineinschlüpft, stürzt sie in die Tiefe und landet in einem Raum mit unzähligen Türen. Sie ist gefangen in einer Zwischenwelt unter der Erde, der Weg nach oben ist versperrt.
Meine Wandmalereien hatten noch einen zweiten Zweck: Ich schuf mir damit eine Kulisse, in der ich mir vorstellen konnte, ich wäre zu Hause. Als Erstes versuchte ich, den Eingangsbereich unserer Wohnung an die Wand zu malen: An die Tür zum Verlies zeichnete ich unsere Türklinke, an die Wand daneben die kleine Kommode, die noch heute bei meiner Mutter im Flur steht. Ich malte akribisch den Umriss und die Griffe der Schubladen auf – zu mehr reichte die Farbe nicht aus, doch für die Illusion genügte es.
Sein zweites Kontrollinstrument wurde die Gegensprechanlage. Per Knopfdruck schallten nun seine Anweisungen und Fragen in mein Verlies. "Hast du dein Essen eingeteilt?" "Hast du Zähne geputzt?" "Hast du den Fernseher abgestellt?" "Wie viele Seiten hast du gelesen?" "Hast du Rechenübungen gemacht?"