Krone: Welche Fragen könnten Natascha noch gestellt werden?
Adamovich: Naja, wahrscheinlich eine ganze Menge. Es sind zumindest drei Fragenkreise: Erstens die Umstände der Entführung, zweitens gewisse technische Einzelheiten des Verlieses und drittens: Mit wem hat es außerhalb des Kellers Kontakte gegeben? Dass sie die ganze Zeit da unten gewesen wäre, behauptet sie ja nicht einmal selbst. Sie ist gelegentlich auch draußen gewesen und die Frage ist halt, was es da für Kontakte mit anderen Menschen gegeben hat.
Krone: Glauben sie, dass es für Natascha psychisch zumutbar ist, dass das Ganze noch mal aufgerollt wird?
Adamovich: Das ist etwas, was meine Fachkompetenz wirklich überschreitet. Ich bin weder Psychiater noch Psychologe, obwohl sehr an solchen Fragen interessiert. Ich will auch überhaupt nicht boshaft sein. Aber wenn sich jemand am früheren Tatort jetzt wohnlich einrichtet, dann beweist das, dass es offensichtlich da nicht nur Abschreckendes gegeben hat.
Adamovich: Nein überhaupt nicht.
Krone: Haben Sie schon mit den Ermittlern der SOKO gesprochen, die Einblick in den Verschlussakt nehmen durften?
Adamovich: Ja.
Krone: Und?
Adamovich: Diese Protokolle werfen sehr viele weitere Fragen auf…
Adamovich: Wenn sie mich das bitten würde, müsste ich sagen, ich führe keine Untersuchungen, daher liegt es nicht an mir. Aber sollte herausstellen das außer dem seeligen Herrn Priklopil auch noch irgendwelche anderen Leute beteiligt waren, die noch leben, dann ist sie ja selber gefährdet.
Krone: Es gibt ja ohnehin Spekulationen, dass Natascha von Mitwissern oder Mittätern durch pornographisches Material erpresst werden könnte?
Adamovich: Ja, das ist eine Spekulation, die nicht völlig abwegig ist, aber man hat bisher nichts Diesbezügliches gefunden. Aber es könnte sein, dass man solche Beweise rechtzeitig verschwinden hat lassen.
Krone: Sie haben aufgrund ihrer Arbeit ziemlich viel Detailwissen über das Opfer. Können Sie sich vorstellen, dass Natascha Kampusch diese acht Jahre Gefangenschaft seelisch je überwinden wird?
Adamovich: Eines ist mal sicher: Sie hat eine triste Kindheit gehabt hat. Dass es da also wirklich nicht gemütlich zugegangen ist. Aber sicher ist, dass die Umstände ihrer Kindheit wirklich nicht lustig waren. Und ich habe schon bei anderer Gelegenheit gesagt, dass ich da großes Mitleid habe, in dieser Hinsicht, obwohl Natascha mir dann Zynismus unterstellt hat.
Krone: Und was sagen Sie dazu?
Adamovich: Wenn ich das bewerte, dann heißt es wahrscheinlich wieder gleich: Ich bin gegen das Opfer.
Krone: Wenn man Ihnen ja nicht freundlich gesinnt wäre, könnte man meinen, sie wollen Natascha Kampusch quasi noch einmal quälen?
Adamovich: Das heißt, man würde mir wirklich eine sadistische Komponente unterstellen? Und außerdem kann ich da nur noch mal sagen: Ich bin da hineingekommen wie der Pontius ins Credo. Und man darf ja auch nicht glauben dass unsere sechsköpfige Kommission aus lauter stillschweigenden Marionetten besteht. Da ist der frühere Präsident des obersten Gerichtshofs dabei, der Leiter des Landeskriminalamtes Oberösterreich, ein Sektionschef des Innenministeriums, der berühmte Kriminalpsychologe Thomas Müller und eine Professorin für Strafrecht. Also lauter Leute, die durchaus eigene Meinungen haben.
Krone: Würden Sie einem persönliches Treffen zustimmen, wenn Frau Kampusch auch ein solches wünschte?
Adamovich: Man muss da wirklich gewisse Ebenen auseinander halten: Wir untersuchen ja den Fall aus Gründen des Prinzips der sogenannten materiellen Wahrheit und nicht, um die arme Frau zu ärgern. Und wir haben uns ernsthaft überlegt, ich für meine Person auch, ob es einen Sinn hat, diese Ermittlungen fortzusetzten. Denn so wahnsinnig lustig ist das ja nicht, wenn man von den verschiedensten Seiten kritisiert wird. Wenn man da ehrenamtlich hineingekommen ist, dann fragt man sich natürlich schon, warum man sich das alles antut und dann noch als böser Wauwau dasteht.
Krone: Und was führt sie dazu, trotz allen Widerstandes weiter zu machen?
Adamovich: Sicher nicht ein Selbstverständnis im Sinne des großen Detektivs sondern, wenn man schon angefangen hat, dann führt man das auch zu Ende.
Adamovich: Das ist nicht recht absehbar.
Krone: Wie wünschen Sie sich, dass der Fall ausgeht?
Adamovich: Ich habe überhaupt keine Wünsche in diesem Sinn, sondern eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Fragen, die man klären müsste, damit man guten Gewissens sagen kann, diese Sache ist abgeschlossen. Zum Beispiel jene, warum die einzige Tatzeugin von Anfang an fest und steif behauptet hatte, Natascha wäre von zwei Männern entführt worden. Was hätte diese junge Zeugin, auch eine Schülerin, für ein Interesse daran, zu lügen und so etwas zu behaupten? Wenn Frau Kampusch hingegen sagt, es war nur einer, dann gibt es drei Möglichkeiten: Es war wirklich nur einer, oder sie hat da etwas nicht ganz richtig gesehen, oder sie hat irgendeinen Grund, es anders darzustellen. Und nehmen sie die Geschichte, wo Frau Kampusch sagt, dass der Herr Priklopil, nachdem er sie in dieses Auto gestoßen hat und mit ihr in ein Waldstück gefahren ist, dort telefoniert und gesagt hat: „Die kommen nicht“. Was damit gemeint war, dass weiß man bis heute nicht. Aber noch einmal: Es muss ja keine bewusste Unwahrheit sein, es kann ja durchaus sein, dass Natascha so was nicht mitbekommen hat, vielleicht stand sie unter Schock oder weiß der Teufel was.
Krone: Sie wissen, dass Nataschas Kindheit vor der Entführung schon extrem problematisch war. Inwieweit könnte diese Tatsache ihr Leben in der Gefangenschaft des Herrn Priklopil verhältnismäßig erleichtert haben?
Adamovich: Es ist natürlich sehr schwer zu sagen. Es ist natürlich denkbar, dass diese Gefangenschaft allemal besser war als das, was sie davor erlebt hat. Aber das ist nur eine Hypothese. Relativ gesehen ist es natürlich denkbar, dass der Unterschied nicht übertrieben groß war, zumal man weiß, dass ihre Mutter nicht gerade zärtlich mit ihr umgegangen ist.
Krone: Und was glauben Sie, welche Rolle die Mutter wirklich gespielt hat?
Adamovich: Wenn ich mich dazu äußere, hab ich die Mutter auch noch am Knack und das muss ich nicht unbedingt haben. Es ist ihr sicher als Kind schon einiges passiert und es ist denkbar, wenn auch spekulativ, dass sie in dubiose Kreise hineingeraten ist. Aber genau da fehlt einiges, weil man sie offenbar in diese Richtung nicht befragt hat, weil man sie nicht belasten wollte. Damit ist man aber bei einem sehr, sehr heiklen Punkt. Nämlich der Frage, was ist zumutbar und was nicht.
Adamovich: Wir haben uns die ganzen Verhältnisse, die in dem Fall eine Rolle spielen, ganz genau angeschaut. Den Ort der Entführung, natürlich auch das Haus und verschiedenes andere. Es ist kein übertrieben gemütliches Milieu, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber dass der Herr Priklopil auf Geratewohl in der Gegend herum gefahren ist und geschaut hat, ob er irgendein Mädel erwischt, das ihm zu Gesicht steht, das ist schon einigermaßen kühn zu glauben. Ich bin mir ziemlich sicher dass er gewusst hat, wer sein Opfer ist.
Krone: Es wird immer behauptet, dass Natascha Herrn Priklopil schon zuvor vom Gasthaus ihrer Mutter gekannt hat.
Adamovich: Das ist eine Möglichkeit. Vielleicht hat nicht sie ihn gekannt, aber er sie. Da bin ich mir persönlich ziemlich sicher. Denn diese ganze Aktion kann kein Zufallstreffer gewesen sein. Aber wenn man das alles genau wüsste, dann wären wir um vieles schlauer.
Adamovich: Ich habe heute ein wichtiges Gespräch mit dem Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien geführt und in sachlicherweise weitere Schritte besprochen.
Interview: Lara Theiss