Plötzlich Freiheit
Tunesiens Bürger zwischen Jubel, Hoffen und Bangen
Mounat Ouergui steht in einer langen Schlange, um Brot zu kaufen. Ihrer guten Laune tut das keinen Abbruch. "Wir sind frei! Wir sind endlich frei!", jubelt die 29 Jahre alte Hochschuldozentin. "Niemand wird uns mehr hindern, unsere politische Führung frei zu wählen. Wir haben großes Vertrauen in die Zukunft", sagt sie mit strahlenden Augen und wirft sich die langen dunklen Haare über die Schulter.
Mounat ist eine typische Vertreterin ihrer Generation: eine gut ausgebildete, arbeitende Mutter ohne Schleier. Bei der Emanzipation von Frauen war Tunesien in der arabischen Welt schon seit Präsident Habib Bourguiba ein Vorzeigestaat. Nun hat sich in ungeahntem Tempo das gesamte Volk emanzipiert.
Plötzlich Freiheit
Die Wende, die "Jasminrevolution", das Ende der Ära Ben Ali - es sind große Worte, deren Bedeutung vielen Tunesiern erst allmählich bewusst wird. Mit symbolischen Gesten gewöhnen sie sich an das Neue. Da ist der Bäcker, der plötzlich innehält, als er Geld herausgeben will. Stattdessen dreht er sich um und nimmt das offizielle Foto von Zine el-Abidine Ben Ali im goldfarbenen Plastikrahmen von der Wand. "Das brauchen wir jetzt wohl nicht mehr", sagt er und lacht. Die Avenue Bourguiba, die baumbepflanzte Prachtstraße im Zentrum von Tunis, ist zu einer Bühne für selbst ernannte Redner geworden. Auf einem Treppenabsatz steht ein Mann und hält wild gestikulierend eine Ansprache an ein Zufallspublikum. "Freiheit! Freiheit!" kommt darin immer wieder vor.
Eine unblutige Revolution war es nicht, die den Tunesiern ihre neue Freiheit geschenkt hat. Dafür hat Ben Ali gesorgt. Vielleicht hat er durch seine Politik der harten Hand nach den ersten, noch harmlosen Demonstrationen die Revolution auch erst ins Rollen gebracht. Es war eine jahrelang aufgestaute Wut, die sich plötzlich Bahn brach. Bisher versprengte Oppositionsgruppen formten sich zu einer Massenbewegung, in der die Angst des Einzelnen sich verflüchtigte.
Ben Alis Schergen terrorisieren die Bevölkerung
Ben Ali hat sich feige abgesetzt, doch angeblich nicht, ohne seinen Gefolgsleuten den Auftrag zu hinterlassen, Terror zu stiften. "Wenn ich jetzt gehe, wird Tunis brennen. Ich habe 800 Mann, die bereit sind, sich zu opfern", soll er nach Informationen der Pariser Zeitung "Le Monde" vor seiner Flucht erklärt haben.
Im Stadtteil El Khadra bilden fünfstöckige Mietshäuser mit blätternden Fassaden und rostigen Satellitenschüsseln auf dem Balkon eine kleine Siedlung. Zwischen den Häusern stehen Gruppen von Menschen herum und palavern. Jugendliche haben sich um ein kleines Feuer versammelt. Rauchschwaden steigen auf, es riecht nach verbranntem Kunststoff. Es sind die blutbefleckten Kleidungsstücke von Ilyas, die dort verbrennen. Sein Holzsarg mit einer metallenen Mondsichel steht bereits im Treppenhaus.
"Die Polizei ist korrupt und brutal"
Der 30-Jährige zählt zu den Opfern der zweiten Gewaltwelle in Tunis, die nicht mehr die Demonstranten trifft, sondern x-beliebige Einwohner. "Es waren Polizisten, die ihn erschossen haben, sie kamen in Autos des Innenministeriums", berichtet ein Freund des jungen Mannes und zeigt die Patrone, die ihn am Kopf getroffen hatte. Von Mitternacht bis drei Uhr morgens hätten sie immer wieder geschossen, sagt ein anderer. In der weißen Hauswand sind mehrere Einschlusslöcher zu sehen. Die Einwohner der Siedlung hatten nur ein paar Steine, um sich gegen die Angreifer zu wehren. "Sie wollen uns terrorisieren", ruft eine Frau mit Panik in der Stimme.
Es scheint die einzig plausible Erklärung, denn in dem ärmlichen Viertel dürfte die Ausbeute für Plünderer gering sein. In Tunesien war die Polizei noch nie Freund und Helfer der Bevölkerung, im Gegenteil. "Die Polizei ist korrupt und brutal", meint Jamal, ein Taxifahrer. "Es sind Ben Alis Leute", erklärt er. Und es sei kein Wunder, dass sie nach dessen Sturz die Bevölkerung tyrannisierten. "Zu verlieren haben sie ohnehin nichts mehr."
Nur die Armee hat zum Volk gehalten
Die Einzigen, denen die Tunesier noch vertrauen, sind die Soldaten. Die Armee hat sich nicht dazu drängen lassen, die Unruhen blutig niederzuschlagen. Sie steht an der Seite des Volkes, ihre Soldaten bewachen Straßenkreuzungen und Supermärkte und teilen sogar Milch aus. In den vergangenen Tagen kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Ben Alis Gefolgsleuten und der Armee. Es dürften nur einige der insgesamt mehr als 40 Polizeieinheiten sein, die Ben Alis angeblichen Wunsch erfüllen, die Stadt mit Terror zu übersäen. Auf der Avenue Bourguiba halten Soldaten und Polizisten gemeinsam Wache, die einen in grüner Uniform mit Maschinengewehren, die anderen mit weißen Plastikwesten über ihrer Zivilkleidung und schwarzen Schlagstöcken.
Und schließlich gibt es noch die Rächertruppen, deren Wut sich gegen alles richtet, was für das alte Regime steht. Es sind häufig junge Männer, bewaffnet mit Stöcken, Hockeyschlägern oder Äxten, die Polizeiwachen in Brand setzen. Manche von ihnen haben sich gezielt die Villen des Trabelsi-Clans vorgenommen, der Familie von Ben Alis Frau Leila. Die "Friseurin", wie ihr Spitzname lautet, und ihre Familie hatten das Land wie eine gierige Krake im Griff.
Ihre Macht reichte so weit, dass zwei Neffen Ben Alis ungestraft eine Luxusjacht vor Korsika stehlen konnten - es wurden lediglich die Komplizen vor Gericht gestellt. Einer der beiden wurde nun in Tunis erstochen. Leila soll vor ihrer Flucht noch mehr als eine Tonne Gold ins Ausland geschafft haben. Die Saudis haben sich gastfreundlich zeigt, dürfte Ben Ali vorerst ein gutes Auskommen im Exil haben.
"Regierung der nationalen Einheit" mit alten Gesichtern
Der alte und neue Premierminister Mohamed Ghannouchi hat indes am Montagnachmittag in Tunis eine sogenannte "Regierung der nationalen Einheit" vorgestellt, in der allerdings sämtliche Schlüsselministerien von Exponenten des alten Regimes geleitet werden. Der ehemalige Vorsitzende der tunesischen Menschenrechtsliga, Moncef Marzouki, sprach von einer "Maskerade", von der sich niemand werde täuschen lassen.
Das Übergangskabinett werde von alten Weggefährten Ben Alis beherrscht, klagt Marzouki an, der bei Präsidentenwahlen kandidieren will. "Nach etwa 90 Toten und vier Wochen der Volkserhebung hätte Tunesien etwas Besseres verdient!", meinte er. Das Etikett "nationale Einheit" sei nichts als ein Schwindel, denn die Regierung werde eindeutig von der "Partei der Diktatur", Ben Alis RCD, dominiert. Diese kontrolliere das Innen- und das Sicherheitsministerium und verfüge damit auch über alle notwendigen Instrumente für die Manipulierung von Wahlen. Die drei kleinen bisherigen Oppositionsparteien, die bedeutungslose Ministerposten erhalten hätten, seien schon von Ben Ali domestiziert worden.
Der Oppositionspolitiker Najib Chebbi von der Demokratischen Fortschrittspartei wurde Minister für regionale Entwicklung, Mustapha Ben Jaafar vom "Demokratischen Forum für Arbeit und Freiheiten Gesundheits- und Ahmed Ibrahim von der marxistischen Ettajdid Erziehungsminister. Ein Informationsministerium gibt es nicht mehr. Es war als Zensurinstanz für die Medien und Propagandamaschine des Regimes in der Bevölkerung besonders verhasst. Von den am Wochenende geführten Verhandlungen, die Ghannouchi mit Führern zugelassener kleiner Oppositionsparteien führte, waren die unter Ben Ali verbotenen Islamisten sowie die Kommunisten ausgeschlossen.
Freie Wahlen, Pressefreiheit und Amnestie angekündigt
Die Regierung soll Präsidentschafts- und Parlamentswahlen vorbereiten. Diese sollten "spätestens in sechs Monaten" stattfinden, sagte Ghannouchi dem Fernsehsender Al-Arabiya. Er kündigte Reformen an. "Wir haben entschieden, dass alle Menschen, die für ihre Ideen, ihre Überzeugungen oder für Äußerungen abweichender Meinungen inhaftiert waren, befreit werden", sagte er. Er versprach "vollständige" Presse- und Informationsfreiheit "ohne jegliche Einmischung vonseiten der Regierung". Außerdem soll die wichtigste Menschenrec
Vor der Bekanntgabe der Zusammensetzung der Übergangsregierung hatten Demonstranten in mehreren Städten die Auflösung von Ben Alis RCD gefordert, die aus der Einheitspartei seines Vorgängers Habib Bourguiba hervorgegangen war. "Die Revolution geht weiter", skandierten Demonstranten in Tunis bei zwei Kundgebungen mit mehreren hundert Teilnehmern. Sie verlangten auch den Abgang Ghannouchis. Die Polizei löste die Kundgebungen mit Wasserwerfern und Tränengas auf. In den Straßen waren Schüsse zu hören.







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