Villen ausgeräumt

Tunesien: Luxus der Ex-Machthaber erstaunt Plünderer

Ausland
18.01.2011 21:34
Sie schwelgten im Luxus und nahmen das Volk aus: Leila, Frau des vertriebenen tunesischen Machthabers Zine el Abidine Ben Ali, und ihre zehn Brüder hatten das Land fest im Griff - noch am Tag ihrer Flucht soll Leila die Zentralbank in Tunis aufgesucht haben, um danach mit Goldbarren im Wert von 45 Millionen Euro ein Flugzeug ins saudi-arabische Exil zu nehmen. Nun entlädt sich der Hass der Tunesier auf die Ex-Machthaber: Die Villen des Clans werden systematisch von Plünderern heimgesucht - und diese kommen oft aus dem Staunen nicht heraus.

"Zu verkaufen" hat jemand auf die weiß getünchte Mauer der Luxusvilla mit Meerblick im tunesischen Ort Gammarth gesprüht. Pro Quadratmeter soll sie 100 Millimes kosten, steht daneben, umgerechnet sind das fünf Cent. Vom Luxus der Trabelsi ist inzwischen nicht mehr viel übrig: Scherben bedecken den Boden, in dem mit blaugrünen Mosaiken verzierten Pool schwimmt eine zerborstene Tischplatte. Hier hat sich der Hass gegen den mächtigen Trabelsi-Clan entladen. Die weitverzweigte Familie von Leila Trabelsi, der zweiten Frau des geschassten Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali, hatte Tunesien jahrelang im Würgegriff.

"Das ist alles unser Geld!"
Jelal fasst sich mit beiden Händen an den Kopf, als er die Villa betritt: "Das ist alles unser Geld!", ruft er ungläubig. Wie viele andere Tunesier ist er mit einer Mischung aus Neugier und Schadenfreude hergekommen. Und vielleicht auch, weil er handfeste Symbole braucht, um sich die rasante Wende in Tunesien zu vergegenwärtigen.

Der Besitzer der Villa war einer der zehn Brüder von Leila. Die ehemalige Friseuse hatte bereits ein erstes Kind mit Ben Ali, als dieser noch Chef des tunesischen Geheimdienstes und mit der Tochter eines Generals verheiratet war. Später ließ Ben Ali sich scheiden und machte die 21 Jahre jüngere Frau zu neuen Première Dame. Diese sorgte dann in erster Linie dafür, dass sämtliche einträglichen Geschäfte von ihren Clan-Mitgliedern übernommen wurden.

"Nicht stören"-Schild aus Disneyland-Hotel
Ein zerrissenes Hochzeitsfoto liegt auf dem Boden. Drei mollige Grazien sind darauf zu sehen, die langen Haare kunstvoll drapiert, knallrot geschminkte Münder. Ein Bewohner des Hauses scheint krank gewesen sein, in einem Zimmer finden sich Tabletten und Gummihandschuhe. Andere Bewohner ließen es sich offenbar gutgehen, davon zeugt auch ein "Nicht stören"-Schild aus einem Hotel im Pariser Disneyland.

Achteckige Badewanne aus Marmor
"Was für ein Luxus!", sagt eine junge Frau im rosa Jogginganzug, die mit ihrem Handy das Gerüst des Kronleuchters filmt. "Ich wollte das endlich mal mit eigenen Augen sehen." In der ehemaligen Küche, die zu Trümmern zerschlagen ist, riecht es nach Chili und Knoblauch, die Gewürze sind am Boden zu feuchtem Matsch getreten. Neben den Überresten einer großzügigen achteckigen Badewanne aus reinem Marmor rupft ein alter Mann die letzten Kabel aus der Wand. Aus der oberen Etage dröhnen dumpfe Schläge, dort nimmt jemand die letzten verbliebenen Möbel auseinander.

Herrlicher Blick über Meeresbucht
Aus einem halb zersplitterten Fenster bietet sich ein herrlicher Blick über die sogenannte Affenbucht. Sie wird so genannt, seit dort zum Entsetzen der Tunesier erstmals ausländische FKK-Anhänger hüllenlos am Strand lagen. Ursprünglich handelte es sich um ein Grundstück, das nicht bebaut werden durfte. Aber das hatte die Trabelsis noch nie gestört. Im Gegenteil, einige von ihnen machten ein Geschäft daraus, billig unbebaubare Grundstücke zu kaufen. Anschließend ließen sie dank familiärer Bande die Klassifizierung ändern und verkauften sie teuer weiter.

Ben Ali und Leila konnten sich ins saudische Exil retten, angeblich mit mehr als einer Tonne Goldbarren. Andere Familienmitglieder hatten weniger Glück. Einige wurden festgenommen, als sich ein Pilot ihretwegen weigerte zu starten. Ein Neffe Ben Alis wurde von einem seiner Leibwächter erschossen. Und auch der Tiger Pascha, den ein Schwiegersohn von Leila sich in seiner Villa in Hammamet hielt, wurde inzwischen getötet…

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