Dutzende Tote
Türkei gibt UNO Mitschuld an Attentat in Reyhanli
Nicht nur der Einsatz chemischer Waffen würden eine Überschreitung der "roten Linie" darstellen, sondern auch die von syrischen Streitkräften verübten "Massaker" an Zivilisten. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warf der Führung in Damaskus vor, sein Land in die Gewaltspirale hineinziehen zu wollen. "Sie wollen uns in die Katastrophe mit hineinziehen", sagte der Premier am Sonntag in Istanbul. Die Bevölkerung rief er zur Wachsamkeit auf. Sie solle gelassen auf syrische "Provokationen" reagieren.
Zuvor hatte Außenminister Davutoglu Syrien mit einem Gegenschlag gedroht. Man behalte sich "das Recht auf eine Reaktion nach unserem Ermessen vor. Die Türkei hat das Recht auf Maßnahmen jeder Art". Davutoglu wies Proteste in der Türkei zurück, die Aufnahme einer Flut von syrischen Flüchtlingen habe den Bürgerkrieg ins eigene Land gebracht. "Der Anschlag hat nichts zu tun mit den syrischen Flüchtlingen in der Türkei, er hat nur zu tun mit dem syrischen Regime", sagte Davutoglu.
Über 40 Tote, 140 Verletzte
Bei der Explosion zweier Autobomben in Reyhanli im türkisch-syrischen Grenzgebiet wurden am Samstag mindestens 46 Menschen getötet. Zudem seien 140 Menschen verletzt worden, sagte der türkische Vizeregierungschef Besir Atalay gegenüber türkischer Medien.
"Die Leute und die Organisation dahinter sind identifiziert. Es ist erwiesen, dass sie zu Organisationen gehören, die vom syrischen Regime und seinem Geheimdienst unterstützt werden", sagte Innenminister Muammer Güler am Samstagabend. Auch Atalay erklärte, die Angreifer hätten Verbindungen zum syrischen Geheimdienst.
Neun Verdächtige bereits in Polizeigewahrsam
Am Sonntag gab es im Zusammenhang mit dem Anschlag nach Angaben der Regierung in Ankara neun Festnahmen. Die Verdächtigen seien derzeit zu Verhören in Polizeigewahrsam, sagte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Atalay bei einer Pressekonferenz. "Es gibt Geständnisse", fügte er hinzu.
Syrien weist Verantwortung zurück
Syriens Regime wies die Verantwortung für die verheerenden Anschläge im türkischen Grenzgebiet am Sonntag jedenfalls zurück. "Unsere Werte erlauben uns so etwas nicht", sagte der Informationsminister Omran al-Sohbi im Staatsfernsehen. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana zitierte ihn mit den Worten, die türkische Regierung habe zugelassen, dass aus der Grenzregion ein Zentrum für den internationalen Terrorismus geworden sei. Ankara trage dafür die moralische und politische Verantwortung, so al-Sohbi.
Syrische Opposition verurteilt Anschlag
Die syrische Opposition verurteilte den Anschlag dagegen mit scharfen Worten. "Wer diesen verabscheuungswürdigen Terroranschlag verübt hat, will damit die türkische Regierung, die dem syrischen Volk beisteht, für ihre ehrenhafte Haltung bestrafen", erklärte die Nationale Syrische Koalition am Sonntag in Istanbul. Ziel des Terrors sei es offensichtlich, einen Keil zwischen Syrer und Türken zu treiben.
Und das dürfte bereits gelingen, denn schon am Samstag kam es in der türkischen Grenzstadt zu spontanen Protesten. Videos auf Nachrichtenseiten zeigten eine Gruppe von rund 100 Türken, die Premier Erdogan zum Rücktritt aufforderten. Dessen Politik gegenüber Syrien trage die Schuld an dem Anschlag. Andere Videos zeigten Einwohner, die Scheiben von Autos mit syrischen Nummerntafeln einschlugen. In der ganzen Stadt seien darum mehr Sicherheitskräfte postiert worden, berichtete ein Augenzeuge.
Blutiger Anschlag an Grenzübergang im Februar
Reyhanli liegt in der Nähe des Grenzübergangs Cilvegözü, über den viele Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei kommen. Dort hatte es im Februar den bisher schwersten Zwischenfall an der türkischen Grenze seit dem Beginn des Aufstandes in Syrien im März 2011 gegeben. Damals waren bei der Explosion einer Autobombe zwölf Menschen getötet und rund 30 verletzt worden.
In der Türkei waren in den vergangenen Monaten immer wieder Granaten aus Syrien eingeschlagen. Die türkische Armee reagierte mehrfach mit Artilleriefeuer. Jüngst hat Ankara den Kurs gegen die Regierung von Assad noch einmal verschärft. Ministerpräsident Erdogan sagte in einem Interview mit dem US-Sender NBC, die von den USA gezogene rote Linie zum Einsatz von Chemiewaffen sei von Syriens Regime längst überschritten, und forderte Washington zum Handeln auf.







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