Angst in Aspern

Opel-Mitarbeiter: “Keiner weiß, wie es weitergehen soll”

Österreich
04.11.2009 13:37
Der geplatzte Opel-Verkauf an Magna ist für die Beschäftigen in Wien-Aspern besonders schlimm, denn sie wissen nicht, wie es weitergeht, so Angestelltenbetriebsrat Willi Braun am Mittwoch. Wie die genauen GM-Pläne ausschauen, sei noch unbekannt. Jetzt heißt es bei den Verhandlungen: zurück zum Start. Der Chef des Werks in Aspern, Rudolf Hamp, und Vertreter aus der Politik zeigen sich hingegen zuversichtlich.

Bestürzung und Entsetzen herrsche bei der Wiener Opel-Belegschaft, die Mitarbeiter seien sehr bedrückt, so Angestelltenbetriebsrat Braun. "Die Verunsicherung ist groß, denn keiner weiß derzeit, wie es weitergehen soll. Wir stehen vor der gleichen Situation wie vor einem Jahr."

Die Lage beim Wiener Motoren- und Getriebehersteller sei aber besser als bei den meisten anderen deutschen Opel-Werken. Denn, so Braun: "Ohne uns können sie keine Autos bauen." Er glaube nicht, dass es derzeit Kündigungen geben werde. Die Auftragslage habe sich gebessert, sodass die für Herbst geplante Kurzarbeit abgesagt wurde. 2008 hat Opel-Aspern rund eine Million Motoren und Getriebe erzeugt.

Am Standort Aspern, an dem aktuell rund 1.800 Mitarbeiter beschäftigt sind, werden seit 1982 Motoren und Getriebe für GM hergestellt. Seither wurden 18 Millionen Getriebe, 10,3 Millionen Motoren und 2,7 Millionen Vierventil-Zylinderköpfe hergestellt. Alleine im Vorjahr wurden 965.000 Getriebe und rund 410.000 Motoren produziert. Wie hoch die Umsätze waren, wird nicht kommuniziert.

Die ausführliche Story über das Scheitern des Opel-Verkaufs sowie Hintergrundberichte findest du in der Infobox!

General Motors Powertrain "wird weiterhin eine wichtige Rolle bei den globalen Geschäften für Opel/Vauxhall in Europa spielen", erklärte Generaldirektor Hamp. In Wien werde "die nächste Generation" der verbrauchsarmen Benzin- und Turbomotoren hergestellt, die eine wichtige Rolle in europäischen und anderen Märkten haben werde. Aspern, das weltweit größte Motoren- und Getriebewerk von GM, sei "kontinuierlich Benchmark in Qualität und Produktivität".

Auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner geht nicht davon aus, dass die überraschende Wendung negative Folgen für den Standort Aspern hat - das Opel-Werk habe "hohe Fertigungsqualität" und "Entwicklungskompetenz". Bundeskanzler Werner Faymann und Wiens Bürgermeister Michael Häupl sind ebenso optimistisch. "Wir sehen eine gute Zukunft für den Standort", sagte Faymann-Sprecher Leo Szemeliker. Im Produktionsvergleich sei das Werk "seit Jahren" das beste in Europa. Im Büro von Häupl wird auf "die ausgezeichneten Leistungen" des Werkes verwiesen. Dieses sei auch in den vergangenen Monaten nie zur Diskussion gestanden, wurde betont.

GM sagt Verkauf überraschend ab
General Motors hat den Opel-Verkauf nach monatelangem Tauziehen am Dienstagabend überraschend abgesagt und sich gegen einen Verkauf des deutschen "Traditionsunternehmens an den österreichisch-kanadischen Autozulieferer ausgesprochen. Damit sind vermutlich auch alle mit den Opel-Mitarbeitern vereinbarten Einsparungen hinfällig. Noch am Dienstag hatte sich Magna mit dem Opel-Betriebsrat auf ein europaweites Einsparungspaket von jährlich 265 Millionen Euro für die nächsten zwei Jahre geeinigt.

Alle haben an den Deal geglaubt
Die 1.800 Opel-Mitarbeiter in Aspern hätten bei einem Verkauf an Magna zur Sanierung 10,6 Millionen Euro beitragen sollen. Überlegt wurde dabei neben individuellen Gehaltsverzichten die erst zu vereinbarende Erhöhung der Kollektivvertragslöhne- und Gehälter nicht wirksam werden zu lassen. Bis zuletzt dürften alle Beteiligungen an den Magna-Deal geglaubt haben, denn noch bis Dienstag wurden Briefe auf Magna-Papier verschickt.

GM hatte mitgeteilt, seinen Restrukturierungsplan in Kürze der deutschen und anderen europäischen Regierungen vorzustellen "und hofft auf eine konstruktive Beurteilung". Die jetzige Entscheidung, sei als der "robusteste und am wenigsten kostspielige Ansatz" zu betrachten. Der GM-Plan umfasst Finanzaufwendungen in Höhe von 3 Milliarden Euro. Dies sei bedeutend weniger als bei allen Vorschlägen, die im Rahmen der Investorensuche erreicht wurden. GM werde gemeinsam mit allen europäischen Arbeitnehmervertretungen daran arbeiten, einen Plan für Beiträge der Arbeitnehmer zur Restrukturierung von Opel zu entwickeln.

Angst vor Kündigungen und Warnstreiks
In den deutschen Werken wächst bereits die Angst vor Kündigungen und dem Aus für Opel. Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz sieht die Opel-Standorte in Bochum, Kaiserslautern und Antwerpen "akut gefährdet". Den Plan der Mutter General Motors, Opel zu behalten und aus eigener Kraft zu sanieren, halten Autoexperten sowie Betriebsräte für unrealistisch, Werkschließungen und Massenkündigungen für wahrscheinlich. Nun sind ab Donnerstag europaweit Warnstreiks geplant. Zugleich wächst die Kritik an der deutschen Regierung, die sich schon sehr früh auf den Zulieferer Magna als Käufer festgelegt hatte.

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