Erste Anhörung
NY: Strauss-Kahn bekennt sich “nicht schuldig”
Die Anhörung am Montag, zu der Strauss-Kahn in Begleitung seiner Frau Anne Sinclair erschienen war, bildete den Auftakt zu einem langwierigen Strafprozess vor einem Geschworenengericht. Hinter dem Fall, den die New Yorker Justiz unter der Nummer 2011NY035773 führt, verbirgt sich die Frage, was am 14. Mai zur Mittagszeit in der Luxus-Suite des Sofitel-Hotels in Manhattan tatsächlich geschah.
Der Version der Anklage zufolge stürzte sich Strauss-Kahn nackt auf ein Zimmermädchen, zwang sie zum Oralsex und versuchte auch gewaltsam, Geschlechtsverkehr mit ihr zu haben. Das mutmaßliche Opfer ist eine 32-jährige Einwanderin aus Westafrika, alleinerziehende Mutter und nach Aussage ihres Arbeitgebers eine vorbildliche Angestellte.
Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten am Montag rund einhundert als Zimmermädchen verkleidete Frauen, die den ehemaligen IWF-Chef mit dem Ruf "Schäm dich!" begrüßten.
Opfer identifizierte Strauss-Kahn
Die Frau identifizierte den Ex-IWF-Chef bei einer Gegenüberstellung, außerdem stießen die Ermittler in der Suite offenbar auf Sperma und andere belastende Spuren. Nach der Tat soll Strauss-Kahn das Hotel überstürzt verlassen haben und zum Flughafen gefahren sein, dabei hatte er auch sein Handy vergessen. Die Staatsanwaltschaft konnte eine Grand Jury überzeugen, den Franzosen unter anderem wegen krimineller sexueller Akte, versuchter Vergewaltigung und Freiheitsberaubung anzuklagen. Die theoretische Höchststrafe beträgt 74 Jahre Haft.
Staranwalt soll Version der Anklage zu Fall bringen
Der Franzose hat ein Verteidigerteam um Staranwalt Ben Brafman engagiert, der als Mann für scheinbar aussichtslose Fälle gilt. Die Strategie der Anwälte ist bisher nur in Ansätzen erkennbar, Medienberichten zufolge könnten sie die Geschehnisse aber als einvernehmlichen Sex darstellen.
"Die Behauptungen, dass es sich um einvernehmlichen Sex gehandelt habe, sind grotesk", sagte der Anwalt der Frau, Ken Thompson, im Anschluss an die Anhörung vor Journalisten. "Sie wird selbst vor Gericht erscheinen und schildern, was Dominique Strauss-Kahn ihr angetan hat." Sie sei traumatisiert durch die Geschehnisse am 14. Mai.
Zeitlicher Ablauf der vorgeworfenen Ereignisse nicht schlüssig?
Brafman machte sich außerdem bereits daran, den von der Anklage präsentierten zeitlichen Ablauf zu zerlegen. Das Hotel soll Strauss-Kahn demnach in Eile verlassen haben, weil er mit seiner Tochter verabredet gewesen sei. Außerdem habe er die Rezeption selbst über seinen Aufenthaltsort am Flughafen informiert, als er sich nach seinem vergessenen Handy erkundigte - das sei kein typisches Täterverhalten.
Brafman zeigte sich in einem Interview mit dem französischen TV-Sender M6 überzeugt, dass sein 62-jähriger Mandant entlastet werde. "Ich möchte derzeit noch nicht ins Detail gehen, aber ich bin zuversichtlich", sagte er. Eine Armada von Privatdetektiven sammelt Fakten über den angeblichen Tathergang und das mutmaßliche Opfer, um die Version der Anklage zu Fall zu bringen. In einer ominösen Erklärung ließ die Verteidigung wissen, über Informationen zu verfügen, die die Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens "schwer untergraben".
Strauss-Kahn wird rund um die Uhr von Fotografen belagert
Während das mutmaßliche Opfer untergetaucht ist, dokumentieren die Medien jeden Schritt Strauss-Kahns. Zunächst verbrachte er nach der Festnahme vier Nächte auf der berüchtigten Gefängnisinsel Rikers Island, ehe er gegen Kaution und unter strengen Auflagen aus der Haft entlassen wurde. Vor dem Stadthaus, in dem Strauss-Kahn derzeit unter Hausarrest steht, warten Fotografen rund um die Uhr, um keinen Schritt des Ex-IWF-Chefs zu verpassen. Strauss-Kahn darf das Haus nur für wenige Ausnahmen, wie Arzt- oder Gerichtstermine, verlassen.
Die schweren Vorwürfe in den USA zogen pikante Enthüllungen über das Privatleben von Strauss-Kahn nach sich, die eine Debatte über das Verhältnis von Sex und Macht auch in seiner französischen Heimat auslöste. Strauss-Kahns politische Ambitionen scheinen zerstört, der internationale Spitzenposten ist verloren. Für ihn geht es nun vor allem darum, dem Gefängnis zu entgehen und seinen Ruf zumindest teilweise wiederherzustellen. Experten rechnen mit einem Beginn der Hauptverhandlung im September und einem langwierigen Prozess. Die nächste Anhörung ist für den 18. Juli angesetzt.
Nach dem Plädoyer legen üblicherweise Staatsanwaltschaft und Verteidigung dem Richter diverse Anträge vor. So könnte die Verteidigung untersuchen wollen, ob Strauss-Kahn sich in der Vergangenheit aggressiv gegenüber Frauen verhielt, erklärten Experten. Diese Phase könne zwei bis drei Monate dauern. Zudem müssen die Geschworenen ausgesucht werden. Das eigentliche Verfahren könne dann vergleichsweise schnell verlaufen. Es gebe kaum Zeugen, und die Vorwürfe seien nicht kompliziert.
Fall kostete Strauss-Kahn Posten als IWF-Boss
Strauss-Kahn war infolge der Vorwürfe, die Mitte Mai publik wurden, als IWF-Chef zurückgetreten. Der Fall hat international hohe Aufmerksamkeit erregt, auch weil Strauss-Kahn als aussichtsreicher Kandidat für die französischen Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr galt und damit als Herausforderer von Amtsinhaber Nicolas Sarkozy.







Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.