Prozess als Farce
Musikerin von Pussy Riot kollabiert vor Gericht in Moskau
Als im Prozessverlauf drei Krankenwagen zum Gericht kamen, hieß es von Mitarbeitern zunächst, allen drei Frauen gehe es schlecht. Später sagte Polosow der Nachrichtenagentur Interfax, die Rettungskräfte seien wegen Alechina gekommen. "Sie haben ihr die notwendigen Spritzen gegeben", so der Verteidiger. Den niedrigen Blutzuckerspiegel führte Polosow darauf zurück, dass Alechina Vegetarierin sei und sich in der Haft nicht richtig ernähren könne.
Wenig Essen, wenig Schlaf
Der Anwalt der Musikerinnen bekräftigte außerdem seine Kritik an den Haftbedingungen der Musikerinnen. "Sie werden nach Mitternacht ins Gefängnis zurückgebracht, bekommen kein Abendessen und können dann nur wenige Stunden schlafen", sagte Polosow. Bereits zuvor hatte die Verteidigung kritisiert, die Frauen würden morgens um fünf Uhr geweckt und bekämen mitunter zwölf Stunden lang nichts zu essen.
Der Anwalt warf der Staatsanwaltschaft zudem eine "gefälschte Anklage" vor. Einige Nebenkläger seien mit völlig identischen Aussagen zitiert, "bis hin zum selben Druckfehler", erklärte Polosow. Weiters wies Richterin Marina Syrowa am Mittwoch einen gegen sie eingebrachten Befangenheitsantrag erneut ab. Außerdem weigerte sie sich, der Verteidigung mehr Zeit zum Studium der 3.000 Seiten umfassenden Anklage einzuräumen.
Der Prozess gegen Alechina und die ebenfalls seit März inhaftierten Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch (Bild 2) hatte am Montag begonnen. Obwohl Alechina bereits am ersten Verhandlungstag nach einigen Stunden über Kopfschmerzen klagte, wurde die Verhandlung bis zum späten Abend fortgesetzt.
Bis zu sieben Jahre Haft möglich
Den Frauen wird "Rowdytum" und Aufwiegelei zu religiösem Hass vorgeworfen, wofür ihnen bis zu sieben Jahre Haft drohen. Pussy Riot hatte im Februar in der Moskauer Erlöserkathedrale aus Protest gegen den damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschef Wladimir Putin bei einem "Punk-Gebet" (Bild 3) unter anderem den Satz "Maria, Mutter Gottes - verjage Putin!" gesungen.
Von Kreml-Kritikern in Russland sowie auch auf internationaler Ebene wird der Prozess scharf kritisiert und als politisch motiviert angesehen. Sogar ein Politiker der regierenden Partei Geeintes Russland kritisierte öffentlich die Verhandlung: "Je länger der Prozess dauert, umso mehr wird er zum Symbol für Justizwillkür in Russland", schrieb der Politiker Waleri Fedotow aus St. Petersburg, der Heimatstadt von Putin, am Mittwoch in einem Internetblog. Er wolle zeigen, dass nicht alle in der Partei "solch mittelalterliche Fanatiker sind". Die Protestaktion der Frauen habe zwar viele gekränkt, sei aber kein Grund für eine Gefängnisstrafe.
Auch der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im EU-Parlament, Hannes Swoboda, übte am Mittwoch scharfe Kritik an russischer Justiz und Regierung. "Das Gerichtsverfahren gegen die Mitglieder der Punkband Pussy Riot wird immer mehr zur Farce", sagte Swoboda.







Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.