Angst in London

Keine “einsamen Wölfe”: Terrorzelle größer als vermutet

Ausland
27.05.2013 18:47
Der brutale Mord an einem Soldaten am Mittwoch in London schien zuerst die Tat eines radikalen Duos zu sein. Seither wurden allerdings schon zehn Personen zumindest vorübergehend festgenommen - und die Angst in Großbritannien vor einer größeren Terrorzelle, die unbemerkt operieren konnte, wächst. Zudem sehen sich Geheimdienst und Polizei weiteren schweren Vorwürfen ausgesetzt: Kenianische Behörden sollen sie schon im Jahr 2010 vor einem der beiden Hauptverdächtigen gewarnt haben. Indes nehmen ob der wachsenden Spannungen im Land Angriffe auf Muslime zu.

Seit der Bluttat nahmen britische Anti-Terror-Einheiten insgesamt zehn Personen fest, die im Verdacht stehen, mit den mutmaßlichen Soldatenmördern Michael Adebolajo (kleines Bild) und Michael Adebowale eine Terrorzelle gebildet zu haben. Auch zahlreiche Wohnungen wurden durchsucht (großes Bild). Inzwischen sind sechs Betroffene - teilweise auf Kaution - wieder auf freiem Fuß, neben den beiden Hauptverdächtigen befindet sich noch ein weiterer Mann, dem Komplizenschaft zur Last gelegt wird, in Gewahrsam. Erst am Montag wurde zudem ein 50-jähriger Verdächtiger inhaftiert, der nun wohl zumindest 96 Stunden in U-Haft befinden wird.

Die britische Öffentlichkeit ist ob dieser Entwicklungen verunsichert. Schließlich hatten Terrorexperten zuerst die Vermutung geäußert, es sei die Tat zweier "einsamer Wölfe" gewesen, die auf eigene Faust handelten, so die "Daily Mail". Möglicherweise habe man sich zu dieser Spekulation hinreißen lassen, da die Tat an jene der Tsarnaev-Brüder beim Boston-Marathon erinnerte. Nun aber steige die Angst vor Terrorzellen, die sich in adretten Häusern in Vororten formieren und auf weitere Gelegenheiten warten, zuzuschlagen.

Terrorzelle blieb unbemerkt
Peter Clarke, ehemaliger Anti-Terror-Chef bei Scotland Yard, sagte gegenüber Sky News, er glaube nicht an die Theorie der "einsamen Wölfe". Die mutmaßlichen Täter hätten mit anderen Personen ähnlicher Ideologie konspiriert, so Clarke. Andere Experten mutmaßen laut "Daily Mail", dass die Terrorzelle unentdeckt blieb, weil sie keinen Massenanschlag wie etwa auf ein Flugzeug plante.

Dennoch sehen sich Polizei und MI5, der britische Inlandsgeheimdienst, schwerer Kritik ausgesetzt. Bereits vergangene Woche war herausgekommen, dass Adebolajo den Behörden seit acht Jahren bekannt gewesen war und seine Gefährlichkeit dennoch unbemerkt blieb (siehe Infobox).

Kenia warnte schon 2010 vor Attentäter
Nun sind weitere Vorwürfe ans Licht gekommen, die die britischen Behörden in Erklärungsnot bringen: Der Chef der Anti-Terror-Einheit der kenianischen Polizei sagte am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters, Adebolajo sei 2010 inhaftiert und nach Großbritannien deportiert worden, weil er sich um eine Ausbildung bei der somalischen Extremistengruppe Al-Shabaab bemüht habe.

"Er wurde mit fünf anderen Personen beim Versuch der Ausreise nach Somalia festgenommen, wo sie sich der Al-Shabaab anschließen wollten", sagte Anti-Terror-Chef Boniface Mwaniki. Die Gruppe unterhält Beziehungen zur Al-Kaida. Das britische Außenministerium bestätigte die Aussage Mwanikis.

Kenia: Briten verweigerten Hilfe gegen Verdächtigen
Warum die Warnung der kenianischen Polizei jedoch ungehört verhallte, ist bisher unklar. Informationen aus Kenia zufolge soll Großbritannien sogar darauf gedrängt haben, Adebolajo ins Land zurückzuholen. Er habe sich bei der Botschaft über Folter und Essensentzug beklagt und behauptet, ihm sei ein Anwalt verweigert worden, heißt es. Die "Daily Mail" berichtet, die britischen Behörden hätten ihre Mithilfe an einem Verfahren gegen Adebolajo in Kenia verweigert und stattdessen seine Ausreise verlangt. Nach wenigen Tagen sei dies dann auch geschehen.

Ein Freund Adebolajos hatte bereits zuvor über dessen Reise nach Kenia berichtet und behauptet, der MI5 habe danach mehrfach versucht, den mutmaßlichen Soldatenmörder als Informanten anzuwerben. Dieser habe jedoch abgelehnt, nachdem er in Kenia "brutal zusammengeschlagen" und möglicherweise auch vergewaltigt worden sei. Die Reise habe ihn verändert, so der Bekannte Adebolajos (siehe Infobox).

Angriffe auf Muslime und Moscheen
Indes nehmen die Angriffe auf Muslime in Großbritannien stark zu. Nur wenige Stunden nach der tödlichen Attacke auf den Soldaten Lee Rigby am Mittwoch warf etwa ein Mann in der Stadt Braintree einen Brandsatz auf eine kleine Moschee, berichtet das "Time"-Magazin online. Kurz darauf wurde in einer anderen Moschee in der Stadt Gillingham eine Scheibe eingeworfen.

Auch die MAMA-Hotline, bei der islamfeindliche Angriffe berichtet werden können, erhält statt üblicherweise drei bis vier Anrufen pro Tag derzeit über 70. Fiyaz Mughal von MAMA sagte gegenüber "Time", britische Muslime verspürten derzeit eine "wirklich tiefe Angst", Opfer von Gewalt zu werden.

Rechtsradikale nützen Unsicherheit aus
Aufgeheizt wird die Stimmung von Rechtsradikalen, die den tödlichen Angriff für ihre Sache ausnützen. So versammelten sich etwa in Woolwich Anhänger der English Defense League, um gegen den Islam zu demonstrieren. Der Anführer der Gruppe, Tommy Robinson, sagte in einem Video: "Wir befinden uns im Krieg, und solange man den Feind nicht nennen kann, wird man den Krieg nicht gewinnen. Der Feind ist der Islam."

Dabei, so berichtete etwa der konservative Abgeordnete Brooks Newmark aus Braintree, habe die muslimische Gemeinschaft seines Ortes den Soldatenmord sofort verurteilt und erklärt, die Täter würden auf keinen Fall ihre Vision des Islam verbreiten. Doch die Muslime fragten sich derzeit, wie sie solche Wunden heilen können, die sie nicht verursacht haben. Die Muslime in Braintree seien sehr gut integriert und respektiert, warum jemand sie mit der brutalen Tat in Verbindung bringe, sei ihm unverständlich, so Newmark.

Tatort als Raum gegen Extremismus jeglicher Art
So versuchen Politiker und Behörden in Großbritannien derzeit nicht nur herauszufinden, wie groß die Terrorzelle tatsächlich ist und warum sie jahrelang unbemerkt blieb, sondern auch, mit zusätzlicher Polizeipräsenz zu beruhigen und Spannungen zu mindern. Ein Ort der Hoffnung sei ebenjener Platz, an dem der Soldat Rigby ermordet wurde, berichtet "Time": Bekannte wie Fremde würden sich dort freundschaftlich begegnen, Botschaften und Blumen ablegen - eine stille Demonstration, dass Extremismus jeglicher Art nicht gewinnen dürfe.

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