Auslieferung unklar

“Canadian Psycho” in Berliner Gefängnis überstellt

Ausland
05.06.2012 17:03
Der mordverdächtige Pornodarsteller Luka Rocco Magnotta (re. im Bild) sitzt vorerst in Berlin hinter Gittern. Die Polizei hat den 29-Jährigen am Dienstag in die Untersuchungs-Haftanstalt Moabit eingeliefert. Dort dürfte er bleiben, bis er an Kanada ausgeliefert wird. Der Mann, der von Medien als "Canadian Psycho" oder "Schlächter von Montreal" bezeichnet wird, soll in seiner Heimat einen chinesischen Studenten vor laufender Kamera zerstückelt haben.

Magnotta war mit internationalem Haftbefehl gesucht und am Montag in einem Internetcafé in Berlin geschnappt worden (siehe Video in der Infobox). Er wurde am Dienstagnachmittag in einem silberblauen Transporter mit vergitterten Fenstern in die Haftanstalt Moabit gebracht. Zuvor hatte eine Festhalteanordnung erlassen werden müssen, damit der Verdächtige im Auslieferungsgewahrsam bleibt, erklärte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft. Der Richter habe nach eingehender Prüfung entschieden, dass der Gewahrsam berechtigt sei.

Der 29-Jährige habe keine Einwände gegen eine Auslieferung erhoben, sagte der Sprecher. Damit könnte sich das komplizierte Verfahren verkürzen. Kanada will nach Medienberichten sofort die Auslieferung beantragen. Laut Berliner Staatsanwaltschaft ist die Dauer eines entsprechenden Rechtshilfeverfahrens aber nicht abzusehen.

"Okay, you've got me"
Magnotta, der eigentlich Eric Newman heißt, soll in dem Café (Bild 2) in der Karl-Marx-Straße in Neukölln vor seiner Festnahme Online-Berichte über sich selbst gelesen, Pornos angeschaut und sich auf einer Website über das Fälschen von Ausweisen informiert haben.

Der Betreiber des Lokals schöpfte schnell Verdacht und suchte noch ein Foto des Verdächtigen im Internet. Dann hielt er auf der Straße einen Polizeiwagen an. Kunden des Cafés erzählten, dass er erst beim zweiten Wagen Erfolg gehabt habe, weil man ihm zunächst nicht geglaubt habe. Schließlich seien aber sieben Polizisten in den Laden gegangen.

Nach Angaben eines Polizeisprechers hatte der Festgenommene keine Ausweispapiere bei sich, gegenüber den Beamten habe er sich, nachdem er zunächst einen falschen Namen angegeben hatte, aber selbst zu erkennen gegeben - unter anderem mit den Worten: "Okay, you've got me." Im Geschäftslokal gibt es eine Überwachungskamera, die alles aufzeichnete.

"Ich dachte mir: 'Den kennst du doch'"
"Ich habe nur meine Pflicht getan", sagte der 42-jährige Café-Betreiber später. "Als er die Sonnenbrille abnahm, dachte ich mir: 'Den kennst du doch.' Ich lese jeden Tag die Zeitung", sagte er in einem TV-Interview, das der ORF in der "ZiB 2" ausstrahlte. Außerdem habe der Gesuchte auf Französisch nach einem Internetzugang gefragt. Ob er erschrocken sei? "Eigentlich schon, ja." Er habe erst einmal Angst bekommen. "Aber jetzt geht es mir gut."

Zuletzt in Paris gesichtet
In Paris, wo der 29-Jährige vermutet worden war, war eine 50-köpfige Sonderkommission eingesetzt worden. Zugleich verzeichneten die Behörden in Montreal und auch in Paris eine Flut an Hinweisen aus der Bevölkerung. "Die Menschen wollen wirklich helfen", sagte Montreals Polizeichef Ian Lafrenière. Interpol veröffentlichte zudem am Sonntag die wohl aktuellste Aufnahme des 29-Jährigen. Sie zeigt Magnotta auf den Bildern einer Überwachungskamera des Flughafens in Montreal.

In Paris soll sein Handy den 29-Jährigen verraten haben. Unter Berufung auf Polizeikreise berichteten die Nachrichtenagentur AFP und der TV-Nachrichtensender BFM, dass ein Signal seines Mobiltelefons am Samstag im Pariser Vorort Bagnolet geortet worden sei. Zudem sei der Mann dort in einem Hotel erkannt worden. Als die Polizei eintraf, habe er auf der überstürzten Flucht aus seinem Zimmer Pornomagazine und Spucktüten einer Fluggesellschaft zurückgelassen. Die Pariser Ermittler gingen vorerst davon aus, dass sich Magnotta zumindest am Freitag in der französischen Hauptstadt befand.

Sichtungen als Täuschungsmanöver?
Der Besitzer einer Bar im Pariser Bezirk Batignolles will Magnotta bereits am Mittwoch vergangener Woche in seinem Lokal gesehen haben. "Er war sehr nervös und trank sein Cola in einem Zug hinunter. Danach kam ein Mann von beeindruckender Statur auf ihn zu und redete mit ihm. Die beiden kannten sich jedenfalls", erklärte der Augenzeuge gegenüber der Zeitung "Le Parisien". Danach hätten Magnotta und der Unbekannte seine Bar verlassen. 

Die Pariser Polizei vermutete, der Mann könnte dem Mordverdächtigen geholfen haben, bewusst falsche Spuren zu legen. Der Helfer könnte, so der Verdacht der Ermittler, Magnottas Mobiltelefon benutzt haben, während dieser schon längst weitergereist war. Die Gegend, in der Magnotta gesichtet wurde, befindet sich in der Nähe des stark frequentierten Gare du Nord und des internationalen Busterminals - und eignet sich somit ausgezeichnet für eine rasche Flucht.

Für weitere Verbrechen verantwortlich?
Interpol hatte am Donnerstagabend eine weltweite Fahndung nach dem 29-Jährigen herausgegeben - Magnotta kam sogar auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher. Der Pornodarsteller soll einen Mann, seinen Liebhaber, umgebracht und Teile der Leiche an politische Parteien in Kanada geschickt haben (siehe auch Infobox). Bei dem Opfer soll es sich laut Medienberichten um einen 33-jährigen Chinesen handeln, der an der Concordia University in Montreal studiert hat. Den Mord hat der 29-Jährige gefilmt und ins Internet gestellt.

Mittlerweile ist die kanadische Polizei sogar der Auffassung, dass Magnotta für weitere ungeklärte Kriminalfälle verantwortlich sein könnte. "Wenn man einem solchen Menschen gegenübersteht, denkt man an andere Verbrechen", sagte Polizeichef Lafrenière, ohne Details zu nennen. Die Ermittlungen gegen Magnotta seien noch "weit davon entfernt", abgeschlossen zu werden.

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