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Armee-Videos sollen Gewalt rechtfertigen

01.06.2010, 11:32
Foto: Israel Defense Forces / Video: YouTube
Die israelische Armee hat eine Reihe von Videoaufnahmen zum umstrittenen Einsatz gegen das türkische Passagierschiff der "Free Gaza"- Hilfsflotte veröffentlicht. Auf dem YouTube- Profil der Streitkräfte (siehe Infobox bzw. Video oben) wird in mehreren Clips der eskalierte Einsatz in der Nacht auf Montag auf der "Mavi Marmara" dargestellt. Die Videos sollen nun offenbar die international kritisierte Gewaltanwendung rechtfertigen, durch die neun Menschen, davon vier türkische Staatsbürger, getötet und Dutzende Aktivisten verletzt wurden.

Ein Tisch voll Küchenmesser, ein paar Krummschwerter, eine Kiste Signalraketen, ein Haufen Metallhaken, Atemschutzmasken, eine Steinschleuder mit in Dosen abgefüllter "Munition", Hamas- Flaggen und "Arafat- Schals", Holzstöcke mit Griffen, ein paar Eisenrohre und ein einzelner Molotow- Cocktail. Die Kamera der israelischen Armee schwenkt über das Waffenarsenal, mit dem Pro- Palästina- Aktivisten die isralischen Soldaten bei ihrem nächtlichen Einsatz gegen das Schiff der Gaza- Hilsflotte angegriffen haben sollen.

Zwei weitere Clips aus der Vogel- und Seitenperspektive zeigen - in geschnittenen Szenen -, wie der Einsatz auf dem türkischen Schiff "Mavi Marmara" in der Nacht auf Montag eskalierte. Israelische Soldaten seilen sich aus einem Hubschrauber auf das Deck ab und werden mit Prügeln, "Feuergranaten" und ähnlichem Kampfgerät empfangen, wie aus den Untertiteln der YouTube- Videos hervorgeht. Nach ein paar Bildern der abgeführten Aktivisten werden die verwundeten Soldaten gezeigt.

"Sie wollten uns in Stücke reißen"

Auch ein Video mit einer Zeugenaussage eines Soldaten gibt es: "Sie wollten uns lynchen. Jeder, der sich abseilte, wurde von drei bis vier Leuten empfangen. 15 Leute schnappten einen unserer Kameraden und fesselten ihn an eine Antenne. Sie wollten uns in Stücke reißen", schildert ein unkenntlich gemachter israelischer Soldat die Aktion. Ein Soldat wurde von den Aktivisten sogar über Bord geworfen.

Er habe mindestens zwei Männer mit Schusswaffen und scharfer Munition gesehen, während seine Einheit beim Abseilen und unmittelbar danach ihre Gewehre am Rücken getragen hätte. Die Soldaten hätten außerdem keine scharfe Munition dabei gehabt sondern nur "Paintball- Kugeln", wie man sie als nicht- tödliche Waffe bei der Bekämpfung von Ausschreitungen benütze. Die tödlichen Schüsse wurden aus den Zweitwaffen, Pistolen, abgefeuert.

Authentizität der Videos nicht vollständig überprüfbar

Kritiker sowie Sprecher der Initiative "Free Gaza" entgegnen, die Authentizität der Bilder sei nicht vollständig überprüfbar. Auf den beiden Nachtsichtvideos der Armee ist die "Mavi Marmara" zwar klar zu erkennen, jedoch wurden die Zeitstempel unkenntlich gemacht. Auch bei den Aufnahmen der beschlagnahmten Waffen und Gegenstände fehlt der Timecode. Zudem ist nicht eindeutig erkennbar, dass das Video tatsächlich an Bord des Schiffes angefertigt wurde.

Eher ungewöhnlich erscheint auch ein Video, das einen israelischen Marineoffizier bei einem Funkspruch an die Marmara zeigt. Er weist die Besatzung mit klaren Worten an, den israelischen Hafen Ashdod anzusteuern. Dort würden die Hilfsgüter überprüft und könnten dann weitergeleitet werden. Ein Timecode, der beweist, dass es sich dabei um den tatsächlichen Funkspruch und nicht etwa eine nachgestellte Aufnahme handelt, ist in dem YouTube- Video nicht erkennbar.

629 Aktivisten sollen vor Gericht gestellt werden

629 der mehr als 700 Aktivisten, die bei der Erstürmung der "Mavi Marmara" verhaftet wurden, bleiben indes vorerst in israelischem Gewahrsam. Etwa 30 Aktivisten lägen mit Verletzungen im Krankenhaus, 50 Ausländer, die sich zur freiwilligen Ausreise bereit erklärt hätten, wurden zum Ben- Gurion- Flughafen in Tel Aviv gebracht, hieß es vonseiten des israelischen Innenministeriums.

Die Verhafteten wurden in das Ela- Gefängnis gebracht. Die Haftanstalt in Beerscheva in der Negev- Wüste sei erst vor zehn Tagen in Betrieb genommen worden, teilte das israelische Innenministerium mit. Die Gefangenen teilten sich Zwei- oder Vier- Mann- Zellen. Weil sie zumeist ohne persönliche Gegenstände angekommen seien, habe man sie mit Unterwäsche, Toilettenartikeln sowie mit Flip- Flops versorgt, sagte der Sprecher. In den kommenden Tagen sollen sie in Israel vor Gericht gestellt werden.

Türkei schickt Flugzeuge - zwei Schiffe unterwegs

Die türkische Regierung hat indes drei Flugzeuge für den Rücktransport von getöteten und verletzten Gaza- Aktivisten nach Israel geschickt. Die Regierung in Ankara hatte Israel am Vortag aufgefordert, die festgenommenen Gaza- Aktivisten und ihre Schiffe freizugeben. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte: "Die Schiffe und alle Aktivisten müssen sofort freikommen. Wir wollen volle Informationen über die Opfer, wir verlangen sofortige Übergabe der Leichen und schnelle Maßnahmen für die Verletzten."

Nach dem blutigen Angriff auf die Gaza- "Solidaritätsflotte" durch Israels Marine ist noch unklar, ob zwei weitere Schiffe mit Hilfsgütern planmäßig ihre Fahrt in Richtung Gazastreifen fortsetzen. Audrey Bomse, Sprecherin der pro- palästinensischen Organisation "Free Gaza", sagte am Dienstag, eine endgültige Entscheidung stehe noch aus. Man wolle dies bis Mittwochmorgen beschließen. Das irische Schiff "Rachel Corrie" mit etwa zehn Passagieren sei bereits unterwegs. "Sie hat vorgestern Nacht Malta in Richtung Gaza verlassen und sollte heute in die Nähe von Kreta kommen", sagte Bomse. Das Schiff fahre allerdings sehr langsam. Ein zweites Schiff unter US- Flagge werde noch in Zypern repariert.

"Israel hat angefangen!"

"Wir wollen uns alle aufmachen als Antwort darauf, dass Israels kriminelle Aktionen uns nicht eingeschüchtert, sondern uns entschlossener als je zuvor gemacht haben", sagte Bomse, die sich in Larnaka aufhält. Sie dementierte israelische Angaben, denen zufolge die Aktivisten bewaffneten waren, unter anderem mit Schusswaffen. "Dies sind Zivilisten", sagte Bomse. "Stühle und Schlagstöcke sind nichts im Vergleich zu Gewehren."

Bomse warf Israel Piraterie vor, weil die Schiffe in internationalen Gewässern aufgebracht wurden. Die Soldaten hätten zudem Panik und Verwirrung ausgelöst, weil sie in der Dunkelheit angegriffen hätten. "Dies war als friedlicher Widerstand geplant", sagte sie. "Sie hätten es tagsüber tun sollen. Wenn man mitten in der Nacht aus Hubschraubern abspringt, fordert man Chaos heraus."

Bomse sagte, man habe nicht mit dem Blutvergießen gerechnet. "Ich bedauere, dass es Gewalt gab, aber Israel hat angefangen", meinte die Sprecherin. "Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man weiter schießt. Wenn man auf Zivilisten schießt, dann auf die Beine. Warum sind so viele Menschen getötet worden?"

"Absolute Katastrophe" statt "ein bisschen Schubsen"

Personen des öffentlichen Lebens Israels wie Avi Primor, der ehemalige Botschafter in Deutschland, warnten am Dienstag vor den Langzeitfolgen des blutigen Einsatzes. "Es ist eine absolute Katastrophe für Israel", sagte Primor. Die im blockierten Gazastreifen herrschende Hamas profitiere hingegen von dem Fiasko. "Sie stehen nun als stolze Verteidiger gegen den israelischen Feind da."  In israelischen Medien war das Echo geteilt: Einige Kommentatoren beschrieben die Stürmung der sechs Schiffe als rechtmäßig. Andere verurteilten den Einsatz als kurzsichtige Torheit. In Anbetracht der diplomatischen Auswirkungen gab es auch Forderungen an den israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak, zurückzutreten. "Kein Besen ist breit genug, um diesen Misserfolg unter den Teppich zu kehren", meinte ein Kommentator der Zeitung "Yediot Ahronot".

Das Mitleid für die pro- palästinensischen Aktivisten auf der türkischen "Mavi Marmara", von denen mindestens neun getötet wurden, hält sich allerdings in Grenzen. Die meisten Israelis sehen sie als Provokateure und Helfershelfer der radikal- islamischen Hamas, die selbst Schuld an dem Blutvergießen tragen. Erwartet habe die Armee - wie in früheren Fällen - ein bisschen "Schubsen und Drängeln" vonseiten der internationalen Aktivisten, bevor sie sich ergeben, meinen israelische Medien. Auf fünf der sechs Schiffe lief die Übernahme bzw. die Umleitung nach Ashdod auch mehr oder weniger friedlich ab. Auf der türkischen Mavi Marmara hätten es die Soldaten jedoch mit einem ganz anderen Kaliber zu tun gehabt. 

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