Herr Bürgermeister, wie geht es Ihnen wenn Sie derzeit durch die Grazer Innenstadt gehen?
"Man kann nicht länger zuschauen! Ich sage es ganz deutlich: Man soll den Bettlern, vor allem den behinderten Bettlern, kein Geld geben!"
Eine recht deftige Aufforderung.
"Jeder, der glaubt, dass die Bettelei nicht organisiert ist, der irrt. Den Bettlern Geld zu geben, ändert deren Situation nicht. Betteln ist ein Geschäft mit dem Mitleid der Menschen. Übrigens: Jene EU- Bürger der Volksgruppe der Roma, die zu uns kommen, um zu betteln, reisen als Touristen ein. Dazu müssen sie ja erst einmal nachweisen, dass sie Barmittel für den Aufenthalt bei sich führen..."
Die Armut vieler Menschen ist ja offensichtlich...
"In Graz muss niemand betteln. Die Stadt fördert mit Millionen Euro Einrichtungen wie das Frauen- und Männerasyl, Notschlafstellen, sie sorgt für ärztliche Betreuung der Ärmsten und vieles mehr. Es ist absolut sinnvoll, diesen Einrichtungen statt den Bettlern in der Stadt Geld zu geben."
Und das löst das Bettlerproblem?
"Es gehört mehr dazu. Viele schauen zum Bürgermeister und sagen: Bürgermeister, unternimm etwas! Aber das ist auch eine Frage der gesetzlichen Grundlagen. Ich darf der Polizei nichts befehlen, kann nur Wünsche äußern. Das einschlägige Landesgesetz muss geändert werden."
"Das Betteln durch Behinderte gehört verboten. Diese Menschen werden von Geschäftemachern missbraucht und müssen geschützt werden. Das gilt auch für Jugendliche bzw. Kinder. Hier gehören Gesetzeslücken geschlossen. Kinderbettelei ist zwar verboten, aber wenn Kinder vor einem Gastgarten stehen und ein Musikinstrument spielen, gibt es keine rechtliche Handhabe. Außerdem gehört die organisierte Bettelei unter Strafe gestellt."
Auch die aggressive Bettelei ist für viele ein Ärgernis, gerade in Gastgärten.
"Genau so ist es. Auch hier gehört ein klares Gesetzeswerk her. Betteln sollte nur im Sitzen oder im Stehen erlaubt sein. Wir werden uns jetzt an den Landesgesetzgeber wenden, um diese Änderungen durchzusetzen. Die Polizei ist dann aufgerufen, dieses neue Gesetz mit der entsprechenden Akribie zu kontrollieren!"
Was ist mit dem allgemeinen Bettelverbot, wie Sie es noch im Wahlkampf gefordert haben?
"Wir haben mit unserem grünen Koalitionspartner vereinbart, dass es das nicht geben wird. Als christlich- soziale Partei sehen wir dafür auch keine Möglichkeit. Wir müssen den Menschen vor Ort helfen. Mein Aufruf lautet: Gebt mehr Hilfe vor Ort und weniger in den Hut des Bettlers. Dann wird das auch Folgen haben."
Wie soll diese Hilfe vor Ort aussehen?
"Jeder, der den mit dem Oscar gekrönten Film 'Slumdog Millionaire' gesehen hat, der weiß, dass die Verstümmelung junger Menschen, um beim Betteln mehr Profit zu erzielen, traurige und furchtbare Realität ist – nicht nur wie im Film gezeigt in Indien sondern auch in Rumänien! Ehe die EU Wirtschaftshilfen auszahlt, müssen Länder wie Rumänien, Bulgarien oder die Slowakei erst einmal soziale Standards für ihre Minderheiten schaffen. Zusätzlich können wir vor Ort mit Projekten helfen, wie zum Beispiel mit der von Graz aus initiierten Nudelfabrik im slowakischen Hostice."
Wie konnte es überhaupt zu dem gewaltigen Bettlerproblem in Graz kommen? Graz ist ja definitiv die Bettlerhauptstadt Österreichs.
"Ein Grund ist sicher, dass Pfarrer Pucher einer falschen Einschätzung unterlegen ist. Er hat gedacht, die Situation durch Hilfe entschärfen zu können. Aber leider hat sich mittlerweile herausgestellt, dass das Gegenteil der Fall gewesen ist."
Noch kurz zu einem anderen Thema. Die Wirtschaftstreibenden in der Grazer Innenstadt sind gerade äußerst frustriert und zornig. Eine Ursache sind die vielen Bettler, eine andere die von 11 auf 10 Uhr verkürzte Ladetätigkeit und die Riesenbaustelle in der Herrengasse.
"Das Problem mit den Bettlern gehen wir jetzt an. Die Verkürzung der Ladezeit macht Sinn. Die Innenstadt war den ganzen Vormittag über immer zugeparkt. Für Touristen ist das kein gutes Bild gewesen. Die Baustelle in der Herrengasse wird wohl noch vor dem Oktober fertig."
Interview: Gerald Richter, "Steirerkrone"