Dunkle Schatten spielen Fangen. Von den Kanälen steigt Nebel, der alles zu verschlucken scheint. Geräusche sowieso. Aus dem Palazzo dringt mattes Licht. Hinter der Brücke nähert sich eine hochgewachsene Gestalt. Langer schwarzer Mantel, Dreispitz – und eine weiße Maske, aus der dunkle Augen glühen.
Der Karneval von Venedig hat begonnen – vor beinahe schon 1.000 Jahren. Denn, so wissen Chronisten zu berichten: Bereits im 12. Jahrhundert waren ausschweifende Feste im Schutze der Verkleidung in Venedig bekannt. Auf dem Markusplatz wurden Feuerwerke abgebrannt, Burschen bauten menschliche Pyramiden, Akrobaten, Zauberer und Seiltänzer traten auf. Astrologen wagten Blicke in die Zukunft. Wilde und exotische Tiere wurden dem staunenden Publikum vorgeführt. Der Doge selbst nahm an den frivolen Feierlichkeiten teil.
Feierlichkeiten, die mit der Zeit immer ausschweifender wurden. Hunde hetzten Stiere und Schweine durch die Lagunenstadt, Tausende Maskierte liefen durch die mit Fackeln beleuchteten Straßen, Männer drangen in Nonnenklöster ein, Sklaven vertauschten die Rollen mit ihren Herren. Standesunterschiede waren aufgehoben. Sexuelle Freizügigkeit galt als Gebot der Stunde. Erotische Eskapaden sowieso.
Den Höhepunkt erreichte "Il Carnevale" dann im Spätbarock und Rokoko. Die Nobili trugen Kostüme aus teurem Samt und schwerer Seide, verziert mit Goldbrokat und aufwendigen Stickereien. Aber auch reiche Kaufleute und geschäftstüchtige Kurtisanen mischten sich unter das bunte Treiben am Canale Grande. Wählten vor allem beliebte und bekannte Rollen aus der "Commedia dell'arte". Pantalone oder Dottore. Die beiden Alten. Oder Brighella, der Tolpatsch in seinem Kostüm aus bunten, geometrisch exakt gezeichneten Stoffdreiecken und Rhomben. Frauen traten gerne in der Rolle der Colombina auf, die Männer neckisch zum Narren hält.
Rauschende Feste fanden in den prachtvollen Palazzi – aber auch auf den Straßen zwischen San Marco und Rialto statt. Das Tragen von Masken wurde in Venedig allmählich zur Sucht. Begann der Fasching offiziell am 26. Dezember und endete er mit dem Faschingsdienstag, trugen immer mehr Venezianer die kostbaren Masken fast das gesamte Jahr über. Eine Tatsache, die nicht nur der katholischen Kirche ein Dorn im geistlichen Auge war.
Doch die Zeit der Demaskierung sollte kommen. Mit dem Einmarsch Napoleons und der wechselnden Besatzung durch Frankreich und Österreich endete das damals größte – und wohl auch frivolste - Karnevalsspektakel der Welt. Öffentliche Großveranstaltungen waren verpönt, der Karneval der Reichen fand – wenn überhaupt – hinter dicken Palazzo- Mauern statt. Während Köln schunkelte und Rio funkelte, senkte sich ein bleierner Dornröschenschlaf über die Serenissima.
Erst als sich Künstler vor rund 40 Jahren bemühten, den venezianischen Karneval wiederzubeleben, herrscht Faschings- Aufbruchsstimmung. Werden Masken aus Papiermaché, Holz oder Keramik als das eigentliche Wahrzeichen der Lagunenstadt gehandelt.
Nebelschwaden zeichnen die Dämmerung weich. Eine Gestalt erscheint zwischen den Arkaden. Langer schwarzer Mantel, Dreispitz, weiße Maske, rote Rose. Erster Vorbote des Karnevals , der heuer wieder mit dem eindrucksvollen Engelsflug vom Campanile über den Markusplatz eröffnet wird. Danach darf in der Lagunenstadt noch bis zum Martedì Grasso (Faschingsdienstag) in großer Maskerade getanzt, gefeiert, gelacht – und geflirtet werden. Bevor ein gigantisches Feuerwerk das Ende des Narrentreibens in der Lagunenstadt verkündet.