Vor allem die Patienten von Doktor Dragan Dabic, der in Kreisen der serbischen alternativen Medizin auch unter seinem zweiten Vornamen David bekannt war, sind tief geschockt. Der Psychiater, der in den letzten Jahren landesweit vielbeachtete Vorträge über Meditation hielt und dabei Parallelen zu „Tihovanje“, dem Gebet der serbisch- orthodoxen Athos- Mönche, zog, entpuppte sich am Montag als einer der meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher - Radovan Karadzic.
Dabei versteckte sich Karadzic hinter dem Namen einer verstorbenen Person. Sein falscher Personalausweis auf den Namen "Dragan Dabic" wurde in der Vojvodina- Kleinstadt Ruma ausgestellt. Der echte Dabic ist, wie der Belgrader Sender B- 92 meldete, im Februar 1954 in Sarajevo geboren worden und 1993 gestorben.
Karadzic hätte eigentlich vielen Patienten Dabics gut bekannt sein müssen. Schließlich gab es in den frühen 90er- Jahren kaum einen Tag ohne ein TV- Statement des damaligen bosnisch- serbischen Präsidenten. Doch keinem seiner Patienten oder Mitarbeiter waren seine charakteristische Stimme oder die Mundart aufgefallen. Bei Doktor Dabic konnte man keine Spur eines bosnischen oder montenegrinischen Dialekts bemerken, beteuerte eine Mitarbeiterin der Zeitschrift „Zdrav zivot“ (Gesundes Leben), die den vergangenen Monaten häufig mit dem Arzt in Kontakt war.
Die Tarnung des Den Haager Angeklagten, der während des Bosnien- Krieges (1992- 1995) in einem Belgrader Hotel immer wieder beträchtliche Geldsummen bei Glücksspielen verloren haben soll, war perfekt. Ebenso seine inzwischen aufgebaute neue Identität, die eigentlich dem Schicksal manch einer durch die Balkan- Kriege zum Flüchtling gewordenen Person ähnelte. Dragan Dabic gab sich als ein aus der kroatischen Krajina stammender Serbe aus, der sein Medizinstudium in Zagreb absolviert habe. Nachdem er durch den Krieg zum Flüchtling geworden sei, habe er mit seiner Familie eine neue Unterkunft in den USA gefunden. Doch das Familienglück habe ihn verlassen, erfuhren die interessierten Gesprächspartner des Arztes. Seine Ehe zerbrach, Frau und vier Kinder blieben demnach in den USA. Dort soll er - beteuerte er immer wieder - auch sein Medizindiplom vergessen haben.
Weil der Arzt seine Ausbildung nicht nachweisen konnte, beschloss der Chefredakteur der Zeitschrift „Zdrav zivot“, Goran Kojic, die interessanten Berichte seines Mitarbeiters nicht mit dem Doktortitel, sondern mit dem Zusatz „Seelenforscher“ zu unterzeichnen. Bei von der Zeitschrift organisierten Veranstaltungen hielt der Arzt, dessen markante Figur eines hochgewachsenen, schlanken Mannes mit ungewöhnlich langem, zu einem Knoten gebundenem weißem Haar und Vollbart unvermeidlich Aufsehen erregen musste, in den vergangenen Monaten viele Vorträge.
Bilder der Dabic- Vorträge findest du in der Infobox!
Im engsten Stadtzentrum Belgrads war der meist schwarz gekleidete Mann, der seine Kurzsichtigkeit hinter einer Brille versteckte und mit Vorliebe einen hellen Hut trug, meist in der Nähe der größten orthodoxen Kirche des Heiligen Sava, aber auch in Terazije, der Hauptgeschäftsstraße, anzutreffen. In Neu- Belgrad, wo er zuletzt als Mieter in einem der dortigen Hochhäuser wohnte, gehörte Dabic zu den Stammgästen des Cafés „Luda kuc“ (Verrücktes Haus), dessen Inhaber Misko Kovijanic, ein gebürtiger Montenegriner, an der Wand die Fahndungsbilder der zwei meist gesuchten Kriegsverbrecher - Karadzic und General Ratko Mladic - hängen hat. Bei einer Gelegenheit soll der Arzt auch zu der daneben an der Wand hängenden Gusla, ein traditionelles, einsaitiges Streichinstrument, gegriffen haben. Er sei ein guter Gusla- Spieler gewesen, mitsingen wollte er allerdings nicht, erinnerte sich Kovijanic.
Doktor Dabic hat auch ein ganz neues Familienleben aufgebaut. Die „Liebe seines Lebens“, wie er einer Mitarbeiterin der Zeitschrift „Zdrav zivot“ enthüllte, heißt Mila. Die junge, gutaussehende Frau begleitete den Arzt bei allen Vorträgen, die er landesweit hielt und zu denen neuerdings auch seine Fans aus ganz Serbien angereist waren. Denn der angeblich weltweit gereiste Seelenarzt, der den Eindruck eines liebenswürdigen, kompetenten, sehr gebildeten Mannes machte, wusste die Zuhörer für sich zu gewinnen.
Als Seelenarzt, der sich mit Bioenergetik befasste, bot Dabic seine Leistungen auch auf seinem eigenen Webportal an. (Wer die vor erst zwei Tagen gestartete Website "dragandabic.com" googelt - sie ist ein Schwindel...) Er behandelte alles, von Zuckerkrankheit bis hin zur sexuellen Impotenz. Der Programmierer des Webportals namens "Psy Help", Zoran Pavlovic, der mit Doktor Drabic nach eigenen Angaben an die 20 Mal persönlich zusammengekommen war, empfahl nach einer Niederlande- Reise seinem Gesprächspartner, unbedingt Scheveningen zu besuchen, sollte er einmal die Gelegenheit dazu haben. „Scheveningen ist ein phantastischer Ort mit vielen Restaurants und Spielcasinos. Das müssen Sie unbedingt sehen“, soll Pavlovic dem Arzt erklärt haben. Das Gefängnis des UNO- Tribunals im niederländischen Scheveningen könnte demnächst tatsächlich zur neuer Wohnadresse von Karadzic werden...
Mehr zur Dabic- Website findest du in der Infobox!
Wann genau der große Hasardeur sein Spielglück verloren hat, ist noch unbekannt. Nach Angaben der Behörde flog die Identität Karadzic' vor einigen Wochen auf. Seine Festnahme erfolgte im Augenblick, als er den Wohnsitz ändern wollte. Es gibt auch Gerüchte, dass der Arzt gerade dabei war, eine Urlaubsreise an die kroatische Adria anzutreten. Keine Information sickerte bisher über den Namen „Dragan Dabic“ durch. Es ist auch nicht bekannt, ob der Name von einer wirklich existierenden Person stammt.
Mehr als kurios ist die Tatsache, dass in Serbien seit zwei Jahren ein Buch auf dem Markt ist, dessen Handlung dem Untertauchen von Karadzic frappierend ähnlich ist. In dem Agententhriller "Prvi, drugi, treci covek" (Erster, zweiter, dritter Mann) proträtiert die serbische Autorin Mirjana Djurdjevic den Haager Angeklagten nämlich als Psychiater, der in einer Belgrader Ordination arbeitet. Das meldete die serbische Nachrichtenagentur Tanjug am Mittwoch.
Ob auch andere Aspekte von Djurdjevics Fiktion einen Realitätsbezug haben, muss sich noch weisen. Der fiktive Karadzic empfängt nämlich in seiner Ordination nicht nur Patienten, sondern auch Agenten verschiedener Geheimdienste – vom russischen bis zum US- amerikanischen. Im Roman ist es übrigens der russische Geheimdienst, der den flüchtigen Kriegsverbrecher versteckt habe.
Das Buch schaffte es in Serbien nicht nur in die Bestsellerlisten, sondern kam auch in die engere Wahl für den Buchpreis der Wochenzeitung "NIN". In einer Besprechung des Buches auf der serbischen Internetseite "Knjigainfo" (Buchinfo) hieß es im Jahr 2006, dass das Werk "mehr als auf der Höhe der Zeit" sei, da erst im Herbst 2005 zahlreiche Agenten "in Belgrad unterwegs waren, wo sie an bekannten Orten einen bestimmten Psychiater suchten oder versteckten, den die Haager Ermittler als die Nummer 1 unter den angeklagten Kriegsverbrechern ansahen".