In die mutmaßlichen Vorfälle an der Schule in Wien-Strebersdorf, die vor dem Gesetz noch nicht verjährt wären, sollen laut Anzeige auch hochrangige Mitglieder des katholischen Ordens der sogenannten Schulbrüder verwickelt sein. Das mutmaßliche Opfer, ein damals elfjähriger Bub, beziehe nicht zuletzt wegen der bei diesen Vorfällen erlittenen Verletzungen eine Invaliditätspension. Die Anzeige erfolgte auf Wunsch der Mutter des Opfers, hieß es vonseiten Klasnics.
Den Behörden ist der Fall bereits seit Jahren bekannt - doch stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen 1997 ein. Die einst zuständige Untersuchungsrichterin ist nach wie vor davon überzeugt, dass der Tathergang von dem damals elfjährigen Burschen erfunden worden sei. Dem widersprachen allerdings zwei Gutachten, darunter eines vom renommierten Kinderpsychologen Max Friedrich, die dem Buben "hohe Glaubwürdigkeit" bescheinigten.
Die Mutter berichtete im Juli 1997: "Der Staatsanwalt hat gesagt, er erhebt keine Anklage, das müssten wir tun." Die Subsidiaranklage samt dem damit verbundenen finanziellen Risiko konnte die Frau aber nicht eingehen. Inzwischen hat sich übrigens auch ein zweites mutmaßliches Opfer bei Klasnic gemeldet.
Erzdiözese: Alle Funktionen ruhend gestellt
Laut der Erzdiözese Wien hat der angezeigte Schulbruder namens Paul Kaiser (1.v.l.) bereits vor Wochen alle seine kirchlichen Funktionen bis zur Klärung der Vorwürfe ruhend gestellt. Seitens der Erzdiözese seien über die Ombudsstelle für die Opfer sexuellen Missbrauchs auch nach der Einstellung des Verfahrens Nachforschungen angestellt worden, behauptet die Kirche.
"Nachdem sich Opfer auch bei der unabhängigen Opferschutzanwaltschaft gemeldet hatten und ernstzunehmende Vorwürfe vorbrachten, wurde seitens des Generalvikars im Einvernehmen mit dem zuständigen Ordensoberen nach den seit 2006 für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Wien gültigen Regelungen gehandelt", so die Erzdiözese.
Schulbruder: "Mit absoluter Sicherheit" kein Missbrauch
Der Orden der Schulbrüder hat am Dienstag alle Vorwürfe zurückgewiesen. "Sexuelle Übergriffe kann ich mit absoluter Sicherheit ausschließen", erklärte Bruder Kaiser. Dieser Vorwurf sei damals überprüft und die Unschuld der Beschuldigten bestätigt worden, hieß es bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz.
Initiert wurde der Medientermin der Ordensbrüder vom Unternehmensberater Thomas Plötzeneder (2.v.r.). Er war selbst neun Jahre lang an der Schule sowie im Internat in Strebersdorf. Von der Anzeige hörte er am Dienstagmorgen und regte die Stellungnahme an. Die Erziehungsmethoden der 70er-Jahren seien aus heutiger Sicht anders zu beurteilen, räumte er ein. So seien etwa die strengen Kontrollen oder das verordnete Schweigen auf den Gängen für die Kinder damals "nicht lustig" gewesen. Aber weder seien ihm selbst Vorkommnisse bekannt, noch wurden an ihn als Schulsprecher solche herangetragen, betonte Plötzeneder.
Anwalt: "An den Haaren herbeigezogen"
Auch die Ordensbrüder haben von der Anzeige aus den Medien erfahren. Die Unterlagen zur Sachverhaltsdarstellung habe man noch nicht bekommen, hieß es. Provinzial Johann Gassner (2.v.l.) geht aber davon aus, dass es sich bei den Vorwürfen um jene aus den 90er-Jahren handelt. "Wir sind gerne bereit, für Fehler einzustehen, die wir begangen haben, ersuchen aber dringend, bei der Wahrheit zu bleiben", verlas Gassner aus einer Stellungnahme (siehe Infobox).
Rechtsanwalt Farid Rifaat (1.v.r.) vertrat die Schulbrüder bei dem Fall bereits in den 90er-Jahren. Er vermutet, dass manche die Klasnic-Kommission missbrauchen könnten, "um alte Fälle wieder aufzuwärmen", denn die Kommission leite "fast alles" an die Staatsanwaltschaft weiter. "Die Staatsanwaltschaft kann gerne erneut prüfen. Sie wird keine Anhaltspunkte finden", zeigte er sich überzeugt. Die Vorwürfe der Mutter des damals Elfjährigen seien jedenfalls "an den Haaren herbeigezogen".
Schüler-Mutter: "Genaustens unter die Lupe nehmen"
Dass ehemalige Schüler der Strebersdorfer Schulbrüder von strengen Erziehungsmethoden und mitunter auch körperlicher Züchtigung berichten, ist nichts Neues. Sexueller Missbrauch kam aber, bis auf den Fall in den 90ern, nie öffentlich zur Sprache. Als die Nachricht von der Anzeige Klasnics bekannt wurde, meldete sich am Dienstag bei krone.at prompt die Mutter eines ehemaligen Schülers. Gerüchte über sexuellen Missbrauch kann sie nicht bestätigen, jedoch habe sie ihren Sohn Ende der Neunziger nach zwei Jahren aus der Schule genommen. "Er hat sich in Strebersdorf wesentlich verändert. Zum Negativen", so die Niederösterreicherin, die anonym bleiben möchte.
Als Strafe habe ihr Kind einmal aufgetragen bekommen, "alle Psalmen während des Wochenendes auswendig zu lernen", erinnert sich die Frau. "Die Betreuung war wirklich nicht den einfachsten pädagogischen Richtlinen entsprechend", so die Niederösterreicherin. Über die Schulzeit erzähle ihr Sohn nichts. Als er volljährig wurde, sei er jedoch als Erstes aus der Kirche ausgetreten. "Diese Schule gehört genauestens unter die Lupe genommen", fordert die Frau.
Seit 150 Jahren in Österreich
Die Geschichte des römisch-katholischen Ordens der Schulbrüder geht auf das Jahr 1857 zurück, als acht Brüder aus Deutschland nach Wien kamen und ihnen die Leitung des k.k. Waisenhauses in der Boltzmanngasse im neunten Wiener Gemeindebezirk übertragen wurde. Die Ordensleitung der Kongregation befindet sich in Strebersdorf. 2007 wurde das 150-jährige Wirken der Schulbrüder in Österreich gefeiert. Am Standort Strebersdorf befinden sich auch ein Kindergarten, eine Volksschule, eine kooperative Mittelschule, ein Gymnasium und ein Gästehaus.
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