Die Festnahme Karadzic' erfolgte wenige Tage nach dem Führungswechsel beim serbischen Nachrichtendienst BIA (Sicherheits- und Informationsagentur), der für die Fahndung nach den flüchtigen Angeklagten am verantwortlichsten ist und jahrelang als Haupthindernis bei der Zusammenarbeit mit dem Haager Gericht angesehen wurde.
Die überraschende Polizeiaktion warf sogleich die Vermutungen auf, dass einigen Polizeistrukturen der Aufenthaltsort des Haager Angeklagten seit längerer Zeit bekannt sein konnte. Übrigens war dies auch die Behauptung, die in den vergangenen Jahren immer wieder auch von der früheren Chefanklägerin des UNO- Tribunals, Carla del Ponte, zu hören war. Sie bezog sich damit eigentlich meist nur auf den ehemaligen Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic. Denn auch Del Ponte musste zugeben, dass ihr Informationen über den Aufenthaltsort Karadzic' seit Jahren fehlten.
Ein Zufall konnte die Festnahme nicht sein, wohl aber eine seit längerer Zeit vorbereitete Aktion, die in der vergangenen Nacht auch vom großen Opponenten der aktuellen Regierung, dem früheren Infrastrukturminister Velimir Ilic, begrüßt wurde. Für den neuen Innenminister Ivica Dacic stellte sie aber wohl einen Strich durch die Rechnung dar. Denn der Chef der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS), dessen Amtsvorgänger Slobodan Milosevic selbst vom UNO- Tribunal angeklagt worden war, distanzierte sich sogleich von der Aktion der Sicherheitskräfte. Das Innenministerium sei nicht an der Festnahme beteiligt gewesen, teilte Dacic mit, der in eigenen Parteireihen seit Wochen mit harter Kritik wegen der Regierungskoalition mit dem einstigen Erzfeind, der Demokratischen Partei (DS), konfrontiert ist.
Während Karadzic selbst behauptete, schon am letzten Freitagabend in einem städtischen Bus festgenommen worden zu sein, will die Tageszeitung "Blic" wissen, dass die Festnahme am Montagabend gegen 21.00 Uhr im zentralen Stadtviertel Vracar erfolgte. Von Nachrichtendiensten sei sein Versteck vor gut einem Monat entdeckt worden, heißt es in Medien. Die Festnahme erfolgte nur wenige Stunden vor dem geplanten Besuch des UNO- Chefanklägers Serge Brammertz in Belgrad, von dem sich die serbischen Behörden eine positive Bewertung der Zusammenarbeit mit dem Haager Gericht erhoffen, die die Tür für die Umsetzung des im April unterzeichneten Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union öffnen würde. Sie wird nun wohl kaum ausfallen.
Flüchtig sind noch zwei Haager Angeklagte, der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic, und der ehemalige Chef der kroatischen Serben, Goran Hadzic. Es ist nicht zu übersehen, dass im Vorjahr gleich nach der Bildung der zweiten Regierung von Vojislav Kostunica zwei Angeklagte - Zdravko Tolimir, ehemaliger Chef des Militärnachrichtendienstes der bosnischen Serben, und Vlastimir Djordjevic, ein ehemaliger hoher serbischer Polizeifunktionär - festgenommen worden waren. Der Regierung von Mirko Cvetkovic gelang nun die Festnahme Karadzic'.